DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Dokumentation

Ein Interview mit dem unabhängigen Frauenverband

Der Unabhängige Frauenverband (UFV) ist in der Volkskammer nicht vertreten. Eine Volkskammer ohne Feministinnen, während die CDU mit fadenscheinigen Versprechungen, die Frauen zu locken versucht - Grund genug, an drei Frauen des UFV Fragen zu stellen. An Ute und Annett von der Lila Offensive und Christiane, die als "Einzelkämpferin" und Theologin im Feministischen Arbeitskreis arbeitet, der als solcher nicht Mitglied im UFV ist. Leider waren beim Abhören des Bandes die Stimmen der Sprecherinnen nicht mehr zu unterscheiden.

PROWO: Wie geht's weiter? Alle drei seid ihr im UFV. Aus wieviel und welchen Gruppen ist er zusammengesetzt und wie vertragen die sich?

?: Der UFV ist ja ein Dachverband, der sich aus einzelnen autonomen Gruppen zusammensetzt; in Berlin sind es 40 Gruppen, die politisch unterschiedlich ausgerichtet sind, wobei auch Projektgruppen darunter sind.

Mit Rückblick auf das Wahlergebnis, war es ein Fehler, so einen Versuch zu starten?

?: Ich denke, es war gut, an der Wahl teilzunehmen. Es war 'ne gute Vorstellung, ein paar tolle Frauen zu haben, die in der Volkskammer vertreten sind und unsere Themen da einbringen, aber ich denke, es war ein Fehler, dass wir das Bündnis mit der Grünen Partei eingegangen sind. Aber ich weiß, dass es im UFV auch Frauen gibt, die anderer Meinung sind.

Könnt Ihr das näher ausführen?

?: Ich bin der Meinung, dass ein Frauenverband eigentlich autonome Politik machen sollte, im Verlaufe des Bündnisses und des Wahlkampfes ist vieles verwässert worden von unserem eigentlichen Profil, so dass zum Schluss nur noch alle geschrieen haben, wir wollen das Soziale bewahren, und wir uns so gar nicht mehr qualitativ von den anderen Parteien und Gruppierungen unterschieden haben.

Ich denke, dass es regional auch ziemlich unterschiedlich ist. Gerade in anderen Bezirken, wo die Gruppierungen noch nicht so stark sind wie in Berlin, wo es nicht genügend Gruppen gibt, die alleine in so einen Wahlkampf hätten gehen können. Es muss ja auch personell zu besetzen sein.

Und im Nachhinein ist das Aufbrechen des Bündnisses von den Frauen auch sehr kritisiert worden. Weil es erst mal unverständlich kam und als Entscheidung aus Berlin. Aber es ist auch eindeutig gesagt worden, dass für die Kommunalwahl die Regionalgruppen auch wieder autonom entscheiden können, welche Bündnisse sie mit welchen Parteien und Gruppierungen eingehen wollen.

Von daher ist das zweiseitig zu betrachten, denn in manchen Bezirken wäre ohne die Grünen ein Wahlkampf in dem Sinne gar nicht möglich gewesen. Oder: Es hat sich eben auch gut ergänzt, weil in den kleinen Städten sich die Gruppen und Leute auch eher kennen, denk' ich.

Ich würde da gern nochmal weiter bohren; radikale Feministinnen würden hier vielleicht sagen, dass da die typische linke Männerverarsche gelaufen ist, die da den Frauen in der DDR widerfahren ist. Seht Ihr das genauso? Ich denke, Ihr würdet weiterhin mit Männern Bündnisse eingehen, oder?

?: Es kommt auf die Situation an, bei diesem Bündnis war es nun so, dass die Bündnisverhandlungen von zwei Frauen gemacht wurden und am Ende kam das Bündnis mit den Grünen heraus und viele Frauen hatten gesagt, lieber alleine kandidieren oder ein breiteres Bündnis - und das kam nicht zustande.

Wichtig ist auch, dass es zunächst Landeslisten gab, und die Frauen waren ja an zweiter Position, dann wieder an fünfter und dann jede weitere dritte Position, und nach den Landeslisten wären sie auch in's Parlament gekommen. Bloß, dann gab es die Bezirkslisten und da standen die Frauen wieder an zweiter Stelle, was bei nur acht gewonnen acht Plätzen dazu führte, dass die Frauen rausgefallen sind. Denn die Spitzenkandidaten und Spitzenkandidatinnen, das waren eben die Grünen.

?: Schon die Vorentscheidung, nur ein Drittel der Mandate zu fordern, war nicht gerade sehr gut. Ich würde Deiner Frage schon zustimmen, einige Frauen sind der Meinung, dass Bündnisse mit gemischten Gruppen doch nicht so vorteilhaft sind. Ich würde mich dem anschließen und denke, dass eine feminististische Gruppe auch alleine antreten sollte.

?: Und auch so eine Partei an sich ist für mich ein Problem. Die Grünen reden ja immer von alternativer Politik, die sich abheben soll von der üblichen Parteipolitik. Das Ergebnis zeigt mir, dass, wenn's erstmal auf die Plätze ankommt, die Grünen sich nicht unterscheiden von den anderen Parteien.

?: Wenn man z. B. das Parlament anguckt, ist da nur 1/5 Frauen drin. Und es gibt kaum Quotierung. Die einzige, die an die Quotierung rankommt, ist die PDS, die 42 % Frauen drin hat. Bei den Grünen sind nur zwei Frauen und sechs Männer drin.

In der Volkskammer seid Ihr jetzt nicht, aber Ihr wollt über eine Frau Eures Vertrauens dort Einfluss nehmen. Wer soll die sein?

?: Wir haben verschiedene Sachen anvisiert: Einmal hat die Frau vom DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschland), auch andere Frauen haben das angeboten, eine Art Sprecherinnenfunktion für den UFV zu übernehmen. Z. B. Eva Kunz, die ist Mitglied und Mitgründerin des UFV, jetzt aber Volkskammerabgeordnete der SPD. Nun ist das allerdings umstritten, schon innerhalb der Gruppen ist da kein Konsens zu finden. Heißt das, dass Eva Kunz vorträgt, und wir dann die Politik der SPD mittragen oder wie sieht das dann aus. Da wird es noch einige Dinge zu klären geben.

Ihr habt erzählt, dass es eine Diskussion gibt über SED-Frauen, ehemalige SED-Frauen im UFV.

?: Das ist ein ziemlich schwieriges Problem, dass man nicht an den ehemaligen SED-Frauen festmachen kann, sondern das in diesen Zeiten überhaupt nicht mehr über den Stalinismus geredet wird. Auch von dem Stalinismus, der in uns drin ist. Wir haben die Strukturen ja auch in uns. Nur das die Frauen, die diese Parteierfahrungen haben, diese Strukturen wieder reproduzieren.

Ihr meint also mehr persönliche Aufarbeitung. Wie soll die denn erfolgen?

?: Vielleicht so, dass manche Frauen mal sagen sollten, ich gehe jetzt nicht in irgendwelchen höheren Positionen, ich denk' erstmal darüber nach, was ich anders machen kann oder über mich selber auch. Das erwarte ich von ihnen, aber bei vielen ist das eben nicht so.

?: Das ist überhaupt ein Problem. Gerade an diesem Punkt gibt es einen ganz unterschiedlichen Bewusstseinsstand, wenn ich das mal so sagen darf, im Frauenverband. Wir sollten es uns leisten, über unsere Vergangenheit zu reden, und das betrifft auch alle in unterschiedlichen Graden.

Ich denke, dass das auch für den Verband wichtig ist; wir haben uns ja als Dachverband konstituiert, und manchmal ist es so wie in einer Partei. Und das kommt daher, dass manche Sache reproduziert werden, die früher so gelaufen sind.

Mal zur Stasi-Hysterie in den Medien. Ich hab das Gefühl jede ist irgendwie angeklagt oder verdächtig. Wie ist das denn bei Euch, seid Ihr davon unbelastet?

[die Beantwortung dieser Frage fehlt im PROWO]

Mit weichen Themen wollt Ihr denn jetzt hinein in den Wahlkampf?

?: Für den Prenzlauer Berg geht es uns um Frauenkultur, dass sie sich da etabliert, um das Frauenzentrum, in das die Bibliothek des Frauenverbandes mit rein soll. Wir haben dort jetzt zwei große Wohnungen bekommen, wo Beratungen usw. stattfinden sollen. Das ist das ganz Konkrete.

?: Es gibt in Berlin mehrere geplante Frauenhäuser, und daran macht sich auch ein Thema fest - Gewalt gegen Frauen -, das in der DDR bisher tabuisiert gewesen ist. Ich denke, dass wir uns im Wahlkampf, aber auch darüberhinaus äußern müssen, um es mal ganz harmlos zu sagen, zur Pornowelle, die jetzt auf uns zurollt.

Aber ich meine, um Einfluss zu gewinnen, muss man ja an die Basis rankommen und hier im Artikel vom 24.3. (taz) schreibt Freya Klier, und da hat sie auch Recht: "An der Basis wird völlig vorbeigedacht, es bewegt sich alles auf einem Intellektuellen Level", und eine normale Hausfrau kann damit wenig anfangen. Sie gibt Hinweise, wie der UFV sich verhalten soll, dass schon Vorsicht geboten ist bei der Benutzung des Wortes "Feminismus", dass das schon viele Frauen abschreckt.

?: Schwierig. Aber ich denke nicht, wie Freya Klier sagt, dass man das Wort "Feminismus" nicht verwenden sollte, sondern ich denke eher, dass man das Wort "Feminismus" erstmal einbringen muss - sozusagen zur Abschreckung.

Wenn wir z.B. Räume beantragen, fragen sie uns ständig, was wir eigentlich wollen. Ob wir nicht in zehn Jahren ohnehin verheiratet sind und es für uns dann kein Problem mehr ist mit dem Feminismus. Aber ich denke, wir sollten analysieren, was Feminismus für uns bedeutet. Wir haben auch schon damit angefangen, aber jetzt sind wir soweit, dass wir das, was wir ausgearbeitet haben, schon nur noch als Utopie betrachten können, weil jetzt plötzlich diese ganzen sozialen Fragen auf uns zugekommen sind und wir aber eigentlich ganz anders angetreten sind.

Ich denke, wenn Ihr Euren kommunalen Wahlkampf auch zu bezirklichen Themen macht, wäre das doch ein ganz guter Ansatz, um beides zu verbinden.

?: Das muss unbedingt passieren, dass da Kontakt aufgenommen wird, dass aber der Dachverband sich eher so sieht, dass Frauen selber Initiative ergreifen, dass wir jetzt nicht die Macherinnen sind und zu den Frauen gehen und sagen: "Ihr müsst Euch organisieren." Eigeninitiative und ein Funken Selbsterkenntnis ist schon oft vorausgesetzt; es sollten autonom arbeitende Gruppen sein. Es ist nicht der Ansprach, dass alle Frauen im UFV sind und sich durch ihn vertreten fühlen.

Wie wir uns im weiteren politisch abgrenzen, wird sich zeigen, und da müssen wir auch klare Striche ziehen.

Das ist ja auch die Frage, wie weit Ihr Euch innerhalb des UFV auseinanderdividiert...

?: ... genau

...

... wobei wir bei einer Frage wären, die ich zu Anfang stellen wollte: Ihr kommt aus so unterschiedlichen Gruppierungen; wie geht das alles zusammen? Die ist noch nicht konkret beantwortet. Ich werf’ jetzt mal die Lesbenfrage in den Raum. Die einen wollen es thematisieren, die einen meinen, es muss unbedingt mit im Programm sein, und die anderen sagen, und das ist ja auch zum Teil richtig, da gehen uns dann Wählerinnenstimmen verloren. Inwiefern werden solche Konflikte bei Euch ausgetragen?

?: Das war schon im Vorfeld ein Konflikt. Schon im Juni 1989 gab es in Jena ein großes Frauengruppentreffen. Da ist sehr hart diskutiert worden, dass die Lesben innerhalb des UFV zu dominant sind und in diese Richtung. Das ist schon ziemlich hart gewesen. Es muss auch weiter ausdiskutiert werden. Es gibt derzeit keine konkrete Interessenvertretung für Lesben und der Frauenverband ist damit auch angetreten, und deshalb sollten die Gruppen darauf auch Wert legen, und das Thema sollte auch nicht gestrichen werden.

?: Das Lesben-Thema ist Thema, muss es einfach sein, weil man daran z. B. sehen kann, wie hausbacken, wie kleinbürgerlich unsere Gesellschaft bisher ausgerichtet gewesen ist. Es trifft die Frauen, und es trifft dann noch mehr die Lesben. Unser Ausgangspunkt war eben auch die Kritik des kleinbürgerlichen Systems.

Zum Thema Rassismus und Sexismus: Es steht ziemlich viel über AusläderInnenfeindlichkeit in den Zeitungen in der DDR. Wie wird das bei Euch diskutiert?

?: Diese Ausländerfeindlichkeit hat bei uns schon eine gewisse Tradition. Das ist im Stellenwert mit der BRD nochmal anders, aber innerhalb unseres Landes ist es mit den sogenannten "GastarbeiterInnen" so gewesen, dass sie auch keine eigene Kultur entwickeln konnten, also eigene Kneipen haben oder so etwas. Die sind einfach ziemlich isoliert in Ghettos, in Wohnheimen, stark abgegrenzt von DDR-BürgerInnen. Oder z.B., dass Vietnamesinnen, wenn sie schwanger wurden, entweder eine Zwangsabtreibung machen mussten oder zurückgeschickt wurden. Ich denke, die AusländerInnenfeindlichkeit, die jetzt in der Bevölkerung hochkommt, ist auch nochmal dadurch verstärkt, dass DDR-Bürger, wenn sie jetzt Bundesbürger werden wollen, so einen Status haben zwischen Ausländern und Bundesbürgern. Sie, sind keine Ausländer, aber auch keine Bundesbürger - sie treten nach unten. Einfach auch, um sich aufzuwerten; und das ist eigentlich auch immer so gewesen.

?: Die Tradition des Polenhasses ist eben auch da; das ist geduldet worden. Und es ist verstärkt geduldet worden seit 1980, seit die Solidarność so richtig losgegangen ist. Da waren die Polen plötzlich wieder was Merkwürdiges.

?: Auch verschiedene Aussagen von Behörden kenne ich da, die ganz offen von Zigeunern gesprochen haben und nicht mal wissen, dass das sprachlich korrekt Sinti und Roma sind.

Was macht Ihr jetzt konkret dagegen, arbeitet ihr zusammen mit Gewerkschaften oder anderen Organisationen?

?: Im Frauenverband ist es jetzt so, dass sich eine Gruppe von Ausländerinnen zusammengesetzt hat, die auch genau diese Fragen behandelt. Wichtig ist, dass das nicht nur die Ausländerinnen machen, sondern dass das den ganzen Verband umfasst.

Wie sieht es aus mit Sexismus? So droht der 218 vom Westen her. Mal `ne allgemeine Frage: Inwieweit wurden vom UFV Aktionen gemacht? Was passiert da bei Euch?

?: Es gibt Frauendemos gegen den 218 und es wird überlegt, auch Aktionen gegen Pornographie zu machen. Das ist im Moment noch in der Anfangsphase, aber ich denke, wir werden was starten.

?: In verschiedenen Bezirken haben die Frauengruppen die verschiedenen Parteien gefragt: "Wie steht Ihr denn dazu?" Und da ist rausgekommen, dass ein Verbot von Pornographie unter Stalinismus abgehandelt wird. Und jetzt haben wir ja die große Freiheit und sind alle so liberal und das gehört auch dazu. Eine, total unkritische Haltung und Ahnungslosigkeit - da muss viel Aufklärungsarbeit betrieben worden.

Im Schwerpunkt der Dissonanzen, donnerstags 19.00 Uhr vor der Kommunalwahl: Berichterstattung über den Kommunalwahlkampf des Unabhängigen Frauenverbandes. Das Interview stammt vom 5.4. und ist gekürzt. Inzwischen ist der UFV im Bündnis der ALL (Alternativen Linken Liste). Wir danken den Dissonanzen-Frauen.

aus: PROWO, Projekt Wochenzeitung, Nr. 2, Mai 1990

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