DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Unabhängiger Frauenverband (UFV)

Grundsätze und Ziele:

Der Unabhängige Frauenverband versteht sich als organisatorisches Sammelbecken der autonomen Frauenbewegung der DDR. Er ist offen für die Mitarbeit aller Frauen, Gruppen, Initiativen, Arbeitsgemeinschaften etc., die sich der Durchsetzung der Interessen von Frauen verpflichtet fühlen. Eine Mitarbeit von Männern in den einzelnen Frauengruppen ist möglich.

Die laufende Arbeit des Verbandes wird durch den Koordinierungsrat auf der Grundlage der Festlegungen der Landestreffen geleitet. Der Koordinierungsrat hat 6 ehrenamtliche, gewählte Sprecherinnen.

Der Verband hat mit Beginn seiner Arbeit Verantwortung zur Durchsetzung der Interessen von Frauen und zur Gewährleistung eines friedlichen demokratischen Veränderungsprozesses in unserem Lande übernommen. So arbeiten die Frauen aktiv am Zentralen Runden Tisch und an vielen örtlichen Runden Tischen mit. Zudem erklärte sich der UFV bereit, in der außerordentlich angespannten Lage im Lande in die Regierung unter Ministerpräsident Modrow einzutreten und benannte eine Ministerin. Der Verband ist basisdemokratisch, sozial, gewaltfrei und feministisch ausgerichtet.

Es haben sich verschiedene Frauengruppen, -initiativen, Arbeitskreise etc. mit verschiedener weltanschaulicher und gesellschaftspolitischer Orientierung zum UFV zusammengeschlossen. Dazu gehören u. a. die Fraueninitiative "lila offensive", die sozialistische Fraueninitiative "Sofi", autonome christliche Frauenarbeitskreise, Frauenzentren und viele andere. Dem Verband, können auch einzelne Frauen beitreten, die nicht oder noch nicht in Gruppen organisiert sind.

Der Unabhängige Frauenverband geht davon aus, dass in unserem Lande Frauen und Männer unter patriarchalischen Strukturen leben. Eine wirkliche Demokratisierung der Gesellschaft kann nur durchgesetzt werden, wenn Frauen ihre Emanzipation und Gleichstellung selbst gestalten und durchsetzen. Dabei halten die Frauen des Verbandes die politische und soziale Gleichstellung der Frau für durchsetzbar durch und über das Zusammenwirken von Frauen und Männern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Der Unabhängige Frauenverband setzt sich für die Schaffung eines öffentlichen Bewusstseins für die Probleme der Frauen und ihre realen Lebensbedingungen ein.

- Er fordert eine paritätische Vertretung von Frauen in allen politischen und gesellschaftlichen Leitungsgremien und Ebenen.

- Der Verband nimmt Einfluss auf die Gesamtpolitik und fordert den ökologischen Umbau der Wirtschaft und eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft. Wir stehen für Frieden, Abrüstung und Solidarität.

- Die Frauen des Verbandes arbeiten für die Einsetzung einer Staatssekretärin im Range eines Ministers für Fragen der Gleichstellung der Geschlechter.

- Wir wollen, dass die Belange aller Frauen, ihre ökonomische, soziale und psychische Situation bei allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen entsprechend berücksichtigt werden, und setzen uns insbesondere für Alleinerziehende, Rentnerinnen, Ausländerinnen, kinderreiche Familien und Jugendliche ein.

- Wir möchten erreichen, dass frauenfreundliche Kommunikations- und Begegnungsmöglichkeiten entstehen. Wir fordern deshalb Frauenzentren, Frauenhäuser, Frauencafés und anderes.

- Wir wenden uns gegen Sexismus, Gewalt gegen Frauen und Kinder und treten ein für das Recht der Frau, selbst zu bestimmen, ob und wann sie ein Kind bekommen möchte.

- Für unsere Kinder setzen wir uns für den Abbau rollenspezifischer Erziehung sowie den Erhalt und die finanzielle Absicherung von Krippen, Kindergärten und einer Ganztagsbetreuung ein.

- Die Frauen des UFV kämpfen für das Recht der Frau auf eine eigenständige ökonomische Existenz, die Anhebung der Tarife in so genannten "frauenspezifischen Berufen", den Kündigungsschutz für Schwangere, die Sicherung des Arbeitsplatzes für alleinerziehende Frauen.

- Der UFV will ein politischer Faktor im Lande werden und kämpft für das Recht der Frau auf eine eigenständige ökonomische Existenz.

- Wir kämpfen für eine Sozialpolitik, die die Frauen sozial so absichert, dass sie gleiche Chancen in allen Lebensbereichen und Berufen haben, eine Sozialpolitik, die auch alles das absichert, was für die Entwicklung der Kinder und die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Elternschaft notwendig ist.

- Wir arbeiten solidarisch mit allen demokratischen Frauenbewegungen zusammen. Es ist unser Ziel, alles zu tun, dass diese Bewegungen die neue Frauenbewegung in der DDR als Mitstreiterin im Kampf um die Rechte der weiblichen Hälfte der Menschheit erleben und erfahren.

- Wir wollen, dass im Prozess des längerfristigen Zusammenwachsens beider deutscher Staaten die Rechte der Frauen erhalten werden und ihre Hoffnung auf ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben erfüllt wird.

Die Frauen des Unabhängigen Frauenverbandes setzen sich im Bewusstsein der Notwendigkeit der Lösung der existenziellen Menschheitsfragen für eine humanistische Entwicklungslogik der Menschheit ein. Der Unabhängige Frauenverband sieht sich selbst in der Pflicht, die Durchsetzung der Interessen der Frauen als eine zentrale Frage von Gesellschaftsgestaltung und -politik überhaupt zu begreifen und so zu handeln.

Sitz des Verbandes, seines Koordinierungsrates und Zentrale Geschäftsstelle: Unabhängiger Frauenverband Haus der Demokratie Friedrichstraße 165, Berlin 1080 Tel.: (...)

aus: "Politische Parteien und Bewegungen der DDR über sich selbst", 1. Auflage, Staatsverlag der DDR, Berlin 1990, Redaktionsschluss 28.02.1990, ISBN 3-329-00734-6

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