DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Demonstrieren - ein Beitrag zur Meinungsäußerung

Gespräch mit Johanna Schall, Schauspielerin am DT

Johanna Schall, Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin, ist Mitinitiatorin der für den morgigen Sonnabend angekündigten Demonstration von Kunst- und Kulturschaffenden für die Artikel 27 und 28 der Verfassung der DDR zur Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. ND fragte sie nach ihren Beweggründen.

ND: Aus welchen Gründen haben Sie sich zu dieser Aktion bekannt!

Johanna Schall: Mein Anliegen und das meiner Kollegen ist, dass die Artikel 27 und 28 der Verfassung eingefordert werden, soweit das noch nicht geschehen ist. Wir wenden uns gegen Gesetze, die diese Artikel einschränken oder auslegbar machen. Es ist mein Anliegen, mich zu der Situation, in die unser Land geraten ist, als Staatsbürger öffentlich zu äußern, meinen Protest anzumelden, denn ich bin für breiteste Demokratie

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ND: Halten Sie die Straße für die einzige Möglichkeit, Ihr Anliegen zu artikulieren?

Johanna Schall: Nein, aber für eine wichtige Form der politischen Auseinandersetzung. Wir müssen und wollen diese fortsetzen, auch innerhalb der Gewerkschaftsgruppen der Ensembles. Ich bin Vertrauensmann am DT, und es ist mein Wunsch, dass die Gewerkschaft auch an den Theatern nützlicher und damit attraktiver arbeitet. Da stehen wir erst am Anfang.

ND: Theaterleute und andere Kulturschaffende halten sich während der Demonstration als Ordner bereit.

Johanna Schall: Wir haben die Verantwortung übernommen. Die Ordner tragen grün-gelbe Schärpen mit der Aufschrift "Keine Gewalt", das hat auch symbolischen Charakter. Wir denken dabei an unsere Umwelt. Es soll eine friedliche Protestdemonstration sein. Ich möchte mich mit der Bitte an alle Teilnehmer der Demonstration wenden, dass wir ruhig und besonnen unseren Forderungen Nachdruck verleihen.

Die Fragen stellte Ursula Meve

aus: Neues Deutschland, 44. Jahrgang, Ausgabe 259, 03.11.1989. Die Redaktion wurde 1956 und 1986 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.