WIR ALLE SIND AUCH AUSLÄNDER

Von H(...) S(...)

"Ausländerfeindlichkeit? Ist hier kein Problem. Den vietnamesischen Arbeitskräften sagen wir, dass sie bestimmte Gaststätten meiden sollen. Wenn sie sich an die Regeln halten, kann nichts passieren." (ein Meister aus dem VEB NARVA)

"Alle Deutschen sagen 'Du' zu mir." (T(...) aus Vietnam)

"Seit zehn Jahren passe ich auf, dass ich nicht allein im Zugabteil sitze, dass ich nicht nach 23.00 Uhr einen Fußgängertunnel benutzen muss, dass ich um Kneipen einen Bogen mache und nicht gerade Straßenbahn, fahre, wenn ein Fußballspiel zu Ende ist." (Pierre aus dem Sudan)

Am Dienstag gehe ich ins "Ländercafé Cabana" in Berlin-Friedrichshain: Ländercafé für Ausländer. Aus-Ländercafé? Die mit den größten Integrationsproblemen trifft man hier nicht. Arbeit im Zwei- oder Dreischichtrhythmus, Sprachunterricht nebenbei, Wohnheim getrennt nach Männern und Frauen, 22.00 Uhr Nachtruhe. Es ist wie Armee, eigentlich schlimmer. Die Chefs sind Deutsche, für je 30-50 gibt es einen Dolmetscher-Betreuer.

Viele Ausländer sind auf der Grundlage zwischenstaatlicher Verträge für befristete Zeit in die DDR delegiert worden. Von vornherein ist klar, dass sie hier nicht bleiben können. Manche haben irrsinnige Bestechungsgelder gezahlt für die Delegierung. Die DDR hat zur Zeit der Befreiungskämpfe Hilfe geleistet, die jetzt "zum gegenseitigen Vorteil" abgearbeitet wird. Arbeitskräfte, die nicht die volle Kontraktzeit durchhalten, müssen in der Regel ein Ausbildungsgeld zurückzahlen. Frauen, die schwanger werden, sind sofort nach Hause zurück zu schicken. Moçambiquaner bekommen nur einen Teil des Arbeitserlöses ausgezahlt, der Rest erst nach erfolgreicher Rückkehr. Das sind Regelungen der Heimatländer, aber ohne die DDR-Behörden würden sie nicht funktionieren.

Früher waren Algerier hier und Kubaner. Dass heute vor allem Vietnamesen und Moçambiquaner bei uns arbeiten, liegt auch daran, dass die nicht so selbstbewusst sind. Sie machen weniger Probleme, müpfen nicht auf. Viele sind militärische Disziplin gewohnt. Es sind Menschen, die Strukturen kolonialer Unterdrückung tief verinnerlicht haben. Heimweh ist nicht das schlimmste, die meisten tragen irreparable psychische Schäden davon. Sie verlieren bei uns ihre Identität, selbst ihre Sprache verkümmert mit der Zeit. Wichtige Bindungen an die Familien gehen kaputt. Nur einmal pro Jahr, oder auch nur einmal während des mehrjährigen Einsatzes ist ein Besuch in der Heimat vorgesehen. Besonders diejenigen, denen man die andere Nationalität ansieht, machen tagtäglich Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Die Bedrohungen durch Skins und andere sind noch der kleine Teil dieser Erfahrungen. Der Alltag sind die vielen verletzenden Bemerkungen, das Behandeltwerden wie Bittsteller, die gemurmelten Worte.

Das Cabana ist entstanden, damit man ausländische Freunde nicht nur zu Hause treffen kann. Sie selbst sollen sich kennen lernen und austauschen können.

T(...), mit dem ich mich französisch unterhalte, weil er wie die meisten Vietnamesen kaum deutsch lernen konnte:

"Warum können wir hier keine Wohnung bekommen? Warum gibt man uns nicht die Chance, hier bleiben zu können, zu heiraten, Kinder zu haben?

Wir haben keine Interessenvertretung wie die deutschen Arbeiter. Für viele Jahre sollen wir nichts anderes wollen als Arbeiten, Essen, Trinken, Schlafen. Wir sind doch alle sehr jung. Für mehr als 60 000 Vietnamesen gibt es keine Zeitung, keine Rundfunksendung, keine Bücher, Filme - nichts. Viele haben Probleme mit dem Essen. Es heißt einfach: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Selbst wenn die Mehrheit der Arbeiter in einem Betrieb Vietnamesen sind. Dabei würden die Deutschen auch gern mal vietnamesisch essen; denke ich."

Mario, ein Deutscher: "Dass Ausländer ihre Kultur hier leben können, wäre auch für die DDR-Bürger wichtig, es wäre ein Angebot. Ich habe von meinen ausländischen Freunden viel gelernt. Nicht nur im Sinne einer Horizonterweiterung, sondern auch, dass meine Lebens- und Denkweise nicht die einzig mögliche ist. Einiges von dem, was ich für selbstverständlich hielt, hat sich relativiert."

T(...): "Welche Probleme die DDR-Bürger haben, ist schon manchmal komisch Sie haben zu essen, zu trinken, Wohnungen, alles viel besser als in Vietnam. Sie hätten doch Zeit für andere Dinge. Aber es muss immer noch besser und noch mehr und noch teurer sein. Es ist ein großer Neid da, wenn wir für unser Geld Sachen kaufen und nach Vietnam schicken wollen."

Mario: "Von der Kultur der 160 000 Ausländer in der DDR kommt fast nichts rüber. Viele Afrikaner haben eine sehr extrovertierte, tanzfreudige Nationalität. Hast Du in einer DDR-Kneipe - wenn Du da überhaupt schon mal einen Afrikaner gesehen hast - mal einen tanzen sehen? Ausländer in der DDR leben gebückt."

Bei Gesprächen mit Ausländern hatte ich immer wieder das Gefühl, als "Ausnahme-Deutscher" angenommen zu sein. T(...), dem ich sagte, dass ich lieber kein Deutscher wäre, antwortet: Das sei keine Lösung. Ich müsse begreifen, dass die einfache Verneinung der Geschichte und des Ortes, an dem ich lebe, nur eine besondere Form der Verantwortungslosigkeit ist.

Es ist nicht schwer, die Spur der Ausländerfeindlichkeit durch die ältere und jüngere deutsche Geschichte nachzuzeichnen. Immer wieder suchten Deutsche den Ausweg aus ihren nationalen Minderwertigkeitsgefühlen in der Erhebung über andere Völker. Immer wieder meinten sie, Identität durch die Ablehnung fremder Sitten und Gebräuche zu erlangen. "Deutsche Wertarbeit" wurde der ausländischen Billigproduktion entgegengestellt, herrschende Klassen riefen zum Feldzug gegen die ausländische Bedrohung auf. Undenkbar für den deutschen Michel, es könne neben seiner noch eine andere anständige Lebensweise geben. Selbst die bürgerliche Emanzipationsbewegung zog gegen die französischen Sitten zu Felde und nur wenige Aufklärer waren frei von Antisemitismus. Victor Klemperer formulierte in der "LTI": "Für die Dichter der Freiheitskriege ist der totzuschlagende Feind der Deutschen der Franzose." Wertungen und Vorurteile haben sich über Jahrhunderte tief in Sprache und Denkstrukturen hineingefressen, sie gehören zu dem Erbe, das wir uns nicht aussuchen können, das wirkt und nur teilweise bewusst ist. Vieles ist so gebräuchlich, dass es wie für den Meister bei NARVA "kein Problem" ist. Dazu gehören Klischees wie: konservative Engländer, trinkfeste Russen, leichtfüßige Franzosen, betrügende Zigeuner, geschäftstüchtige Juden, arbeitsscheue Polen. Dazu gehören auch die wertende Einteilung in westliche und östliche Ausländer, Begriffe wie Tohuwabohu und Hottentotten. Seit der LTI ist in der DDR darüber kaum etwas veröffentlicht worden.

Doch das Nachzeichnen der Spuren vergangener Jahrhunderte ist auch verführerisch. Allzu leicht werden die Neuerwerbungen der letzten 44 Jahre übersehen, und allzu leicht mogeln wir uns um die Kritik unserer gegenwärtigen Lebensverhältnisse herum. "Wir sind die größte DDR der Welt" umschreibt der Volksmund Versuche, Erfolge im Sport, in der Diplomatie und in der Wirtschaft im internationalen Vergleich herauszustellen. Lange betonte die SED-Führung, dass schon auf dem VIII. Parteitag beschlossen wurde, was die anderen sozialistischen Staaten nachholen müssten. Über die schwierigen Reformprozesse in der Sowjetunion, Ungarn und Polen wurde berichtet unter dem Motto "Chaos und Anarchie". Und bei aller Kritikfähigkeit der DDR-Bürger gegenüber tendenziösen Medien: Für viele DDR-Bürger ist der Grund für wirtschaftliche Schwierigkeiten in Polen Arbeitsunlust der polnischen Bevölkerung. Die alte Unterscheidung in westliche und östliche Ausländer, als in fortgeschrittene und zurückgebliebene, hat neue Untermauerung gefunden durch die Einteilung in NSW und SW, in Devisenbesitzer und die "anderen".

Lange bevor 1988 erstmals amerikanische Soldaten als Verursacher von Versorgungslücken "erkannt" wurden, bekamen rumänische, polnische und bulgarische Bürger Schwierigkeiten in unseren Kaufhallen, galten Vietnamesen als diejenigen, die Fahrräder und Nähmaschinen aus der DDR fortschleppen. Im Zusammenhang mit AIDS wurde gewarnt vor dem Kontakt mit Ausländern. Und ich bin sprachlos vor Wut, wenn im Centrum-Warenhaus am Alex eine Kundin den Kontrolleuren beifallt: Wir lassen uns nicht auskaufen, jetzt sind wir das Volk!

Gerade die Geschichte der letzten 44 Jahre sollte uns lehren, dass man mit Intoleranz und Unverständnis gegenüber Anderslebenden und Andersdenkenden nicht Schluss machen kann, ohne Verhältnisse radikal zu ändern und die eigenen Bewusstseinsstrukturen zu kritisieren. In gewisser Weise ähnelt der Umgang mit unserer eigenen Verantwortlichkeit 1989 der Situation von 1945, mit allen bekannten Unterschieden. Mitscherlich nannte das die "Unfähigkeit zu, trauern", die Bewahrung autoritärer Denkstrukturen durch die Zuweisung von Schuld an einige Täter. "Ich habe davon nichts gewusst; nicht ich war's, Honecker ist es gewesen." Solche Unfähigkeit, Verantwortung für Geschehenes und Geschehen zu übernehmen, bedarf der Sündenböcke zur Erklärung von Missgeschicken. Wie die letzten Wochen zeigten, taugen dazu unter anderem Ausländer, vor allem "die Polen". Unmündigkeit ist ein Nährboden für Ersatzformen von Selbstbewusstsein. So zum Beispiel, wenn das Gefühl, im eigenen Land Bürger zweiter Klasse zu sein, sich einen Ausweg sucht in der Diskriminierung noch Schwächerer. Es ist verblüffend einfach traurig: Die am wenigsten geachteten Ausländer in der DDR kommen aus den ärmsten Ländern. Das riecht nach lakaienhafter Stiefelleckerei am Fuß des Reichen, des Erfolgreichen. Dabei ist gerade das neugewonnene Selbstbewusstsein des DDR-Volkes als Verursacher einer der wenigen friedlichen Revolutionen in der Geschichte die Chance, mit Provinzialismus und Selbstgenügsamkeit der vergangenen Jahre Schluss zu machen. Die Mauern um unser Land und unser Denken machten (und machen), dass wir es mit Andersartigkeit des Aussehens und der Lebensweise schwer haben. Wirklich produktiv ist nicht eine herablassende Art der Duldung ("Wenn sie nun mal so sind"), sondern das Wissen, Andersartigkeit zum eigenen Gewinn zu brauchen.

Für mich ist eine multikulturelle Gesellschaft eine faszinierende Vision. Eine Gesellschaft, in der verschiedene Kulturen sich entwickeln, voneinander lernen und dabei Neues produzieren. Eine Gesellschaft, in der die Menschen ein historisch und geografisch weites Denken besitzen, solidarisch sind miteinander und über die Landesgrenzen hinaus. Ein erster Schritt dazu könnte sein, den Ausländergruppen unterschiedliche Möglichkeiten der Artikulation und Organisation zu geben. Das ist besser als Fürsorge. Und schon bei den nächsten Wahlen könnten die ausländischen Mitbürger gemeinsam mit uns zum ersten Mal wirklich politisch entscheiden. Sie sollten sich und ihre Interessen so in den Wahlkampf einbringen können wie andere Gruppen auch: Auch in dieser Frage müssen wir uns eingestehen, dass die DDR keine Existenzberechtigung hat, wenn sie nicht wirkliche Alternativen zum anderen deutschen Staat bietet.

aus: Sonntag, Nr. 1, 1990, 45. Jahrgang, Herausgeber: Kulturbund der DDR

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