Das Draufschlagen nicht provozieren

Gespräch mit Rudi Pahnke, dem Vorsitzenden der Kommission Evangelischer Jugendarbeit Berlin, zum Extremismus bei Jugendlichen in der DDR

INTERVIEW

taz: Am Wochenende wurde ein Bund der Antifaschisten der DDR gegründet, dem sich auch junge Antifa-Gruppen anschlossen. Wird es möglich sein, über diese Gruppen auf rechtsradikale Tendenzen unter den Jugendlichen einzugehen?

Rudi Pahnke: Ich habe da großes Misstrauen. Ich habe den Eindruck, dass da unter anderem auch einige Leute aus der ehemaligen SED und der Stasi dahinter stehen, die kein Interesse haben, sich mit den Gründen für Rechtsradikalismus zu beschäftigen. Sie brauchen nur Mittel, um sich selber ins Spiel zu bringen, zu profilieren und somit ihr Überleben zu sichern. Rechtsradikal ist für mich schlimm. Doch wer nicht unterscheidet, dass ein 14jähriger was anderes ist als ein 30jähriger, wer alles über einen Kamm schert, um draufzuschlagen oder zum Draufschlagen zu provozieren oder andere schlecht zu machen, weil sie nicht "Front" gegen rechts machen, ist politisch verantwortungslos.

Ich klage das SED-Regime an und wehre mich dagegen, dass sich die PDS aus der Geschichte stiehlt. Von den Leuten, die bei uns in Prenzlauer Berg in der jungen Gemeinde und der Christenlehre waren, ist keiner rechtsradikal. Wir haben tief über das Verhältnis Judentum und Christentum, die Schuld der Christen an den Juden, nachgedacht. Wir haben versucht, das Leben der jungen Leute mit Juden in Verbindung zu bringen. Das ist im Schulsystem der DDR, in der FDJ nicht gelaufen. Da ist soviel faschistoides im Menschenbild gewesen. Zum Beispiel war es 1973 zu den Weltfestspielen für Körperbehinderte nicht möglich, an einer großen Veranstaltung teilzunehmen. Das Aussehen Behinderter, so die damalige Begründung, würde das festliche Bild stören.

Die Junge Gemeinde wurde unter der SED bei nicht religiös gebundenen Jugendlichen suspekt gemacht. Sprechen Sie jetzt andere Jugendliche an?

Die Kirche hat an Freiheit gewonnen, auch unter den schwierigen Bedingungen der überstürzten Vereinigung. Doch die konkrete Arbeit mit jungen Menschen ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Wir müssen viel im Vorfeld machen. Und in Richtung Regierung sei gesagt: Wer für die Sozialisierung der Jugend, für Freizeiteinrichtungen, Vereins- und Verbandsarbeit nichts übrig hat, der wird sich für die Resozialisierung fünf- und zehnfach verwenden müssen. Ich selbst scheue mich nicht vor Gesprächen, sowohl mit rechtsradikalen als auch linken Autonomen. Ich möchte, dass sie über sich nachdenken, selber wahrnehmen, wie sie agieren. Es ist ein altes Muster: Ich ranke mich in die Höhe, weil ich ein Feindbild habe, habe ich keins, bastele ich mir eins zusammen. Das Feindbild aufzulösen, ist die Aufgabe, den jungen Menschen in seiner Bedürfnislage zu sehen. Überlegen, was ist die vernachlässigte Frage, die letztendlich zur Radikalisierung führte. Ich habe mich für die Gründung des Demokratischen Jugendbundes eingesetzt, damit endlich Jugendliche freiwillig zusammenkommen können, um ihre eigene demokratische Jugendkultur zu entwickeln.

Wird der Jugendbund aktionsfähig sein? Schon am Runden Tisch der Jugend konnten sich Linke, Liberale, Konservative, Christen schwer einigen.

Das ist ein ähnliches Phänomen wie beim Extremismus: eine Unfähigkeit zur Toleranz, zum Kompromiss. Dem ist in der Geschichte wohl ein intolerantes Christentum mit Ketzerverfolgungen vorangegangen. Den Marxismus, den wir erlebt haben, bezeichne ich als sektiererisch. Absolutheits-, Alleinvertretungsansprüche bis in die FDJ hinein. Das steckt ganz tief in allen drin. Selbst wenn man die ideologischen Floskeln austauscht, CDJ oder Liberales draus macht. Das wurde mit der Muttermilch eingesogen. Es ist ein gewaltiger Lernprozess, zu sagen: Ich bleibe bei meiner Erkenntnis, finde sie richtig, aber ich würdige dich als ein Menschen, der es genauso ernst meint wie ich. Ich will mit dir leben und dich nicht vernichten. Ich werde mich mit meiner eigenen Intoleranz, der eigenen Dummheit auseinandersetzen. Die Indianer haben gesagt: Man muss erst in den Mokassins des anderen gelaufen sein, ehe man ihn beurteilen kann. Das fehlt uns, dafür sind wir nicht gebildet.

Das Interview führte Irina Grabowski.

aus: 17.05.90 TAZ Ost, S.7

Δ nach oben