DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Schluss mit dem Monopolsozialismus!

Von Jürgen Kuczynski

Wir sprechen noch so wie zu Zeiten Lenins von Monopolkapital und Monopolkapitalismus, obgleich es sie heute nicht mehr gibt.

Wir sprechen niemals von Monopolsozialismus, obgleich es ihn seit Jahrzehnten bei uns gibt.

Als Lenin von Monopolkapitalismus sprach, und zwar mit vollem Recht, gab es in Deutschland zahlreiche Syndikate (entsprechend etwa in den USA sogenannte "Ringe"), deren Aufgabe es war, innerhalb von Großbetrieben bzw. Konzernen die Preise und, wenn möglich, auch durch Quoten die Produktion zu regeln. Oder es geschah, ebenfalls zu Lenins Zeiten, dass, wenn ein Konzern in einem Land praktisch ein Monopol hatte, er sich mit einem anderen ebenso mächtigen Konzern in einem anderen Land betreffend die Aufteilung des Weltmarktes zwischen beiden verabredete - Lenin gibt als Beispiel dafür die AEG in Deutschland und die General Electric in den USA.

All das gibt es heute nicht mehr in der Welt des fortgeschrittenen Kapitals, weil man erkannt hat, dass Marktkonkurrenz zwischen Großkonzernen für die Entwicklung des Kapitalismus absolut notwendig ist. Es gibt darum etwa in den USA oder in Großbritannien oder in der BRD staatliche Anti-Monopolbildungsaufsichtsorganisationen, die scharf darauf achten, dass nicht etwa irgendwelche Preisverabredungen zwischen Großkonzernen gemacht werden und die, wenn solches hinter ihrem Rücken geschieht und herauskommt, Strafen in Millionenhöhe aussprechen. Auch achtet man darauf, dass kein Großkonzern ein Produktionsmonopol hat.

Was heute die kapitalistische Wirtschaft beherrscht, ist das Oligopol; die Herrschaft einiger weniger Großkonzerne, wie etwa in den USA die drei Großkonzerne General Motors, Ford und Chrysler den Automarkt beherrschen, auch wenn es eine gewisse multinationale Konkurrenz des Auslandes gibt - und genauso steht es mit den drei großen Nachfolgekonzernen von IG-Farben in der BRD.

Eine Ahnung von den Gefahren des Monopols hatte bereits der Schöpfer des größten deutschen Monopols, des IG-Farben-Chemiekonzerns, 1925 in der Weimarer Republik, Carl Duisberg. In einem ersten Memorandum des Entwurfs zu einem solchen Konzern, das er bereits 1901 verfasste, schrieb er: Wir brauchen in diesem Großkonzern für jedes Massenprodukt mindestens zwei Betriebe, die miteinander in Konkurrenz liegen. Also Marktwirtschaft innerhalb eines Monopols.

Wir haben leider nichts von den Erfahrungen und Schlussfolgerungen des Kapitalismus nach dem zweiten Weltkrieg gelernt. Wir haben Monopole von dem Typ, der im ersten Stadium des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts üblich war, in Form von Kombinaten bzw. einzelner ihrer Betriebe geschaffen und dabei nicht einmal die Mahnung von Duisberg nach Konkurrenz innerhalb des Monopols beachtet.

Statt von dem (nicht mehr real existierenden) Monopolkapitalismus zu sprechen, sollten wir uns endlich den ernsten Problemen des Monopolsozialismus zuwenden.

Wenn bei uns mehr Marktwirtschaft verlangt wird, dann ist sie vor allem innerhalb unserer großen Wirtschaftsbetriebe notwendig. Wir müssen unseren Kombinaten bzw. ihren Teilbetrieben endlich ihre Monopolstellung nehmen. Strenge und ehrliche wirtschaftliche Rechnungsführung von Monopolen wird uns weiterbringen, aber nicht sehr viel. Was wir vor allem brauchen, ist endlich Konkurrenz oder, wenn das zu kapitalistisch klingt, Wettbewerb zwischen Betrieben mit gleicher Produktion auf dem Markt, auf dem Betriebe voneinander kaufen bzw. der Großhandel Waren abnimmt.

Also Schluss mit dem Monopolsozialismus!

aus: Neues Deutschland, 28.12.1989, Jahrgang 44, Ausgabe 304

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