DDR 1989/90Brandenburger Tor

Erklärung des Komitees der Antifaschisten

Das Präsidium der Zentralleitung des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR hat sich gestern mit der Erklärung "Unser antifaschistischer Standpunkt" an die Öffentlichkeit gewandt:

Verpflichtet durch unsere im Kampf gegen den Faschismus und durch dessen Terror gemordeten Kameraden sowie durch den Schwur der befreiten Antifaschisten, eine Welt des Friedens und der Freiheit zu errichten, melden wir uns zu Wort. Wir unterstützen mit ganzer Kraft den in der DDR eingeleiteten revolutionären Prozess der Erneuerung, der in den jüngsten Beschlüssen der Volkskammer und der Erklärung der Koalitionsregierung Modrow zum Ausdruck kommt. Wir sind entschlossen, mit dem Volk, das durch gewaltlose Demonstrationen und Willenskundgebungen die Wende bewirkt hat, unser Bestes zu geben, um der Umgestaltung mit unseren Erfahrungen zu dienen. Dafür brauchen wir die gleiche Hingabe wie 1945, als nach der Zerschlagung des Hitlerregimes durch die Völker der Sowjetunion und ihre Verbündeten Millionen Arbeiter, Bauern und Angehörige aller Schichten die Trümmer beseitigten, um eine bessere Gesellschaft zu errichten. Auf das in 40 Jahren in der DDR durch den Fleiß der Werktätigen Erreichte und auf den antifaschistischen Grundlagen können wir aufbauen.

Die tiefe Krise, in die unser Land jetzt geraten ist, wurde durch fehlerhafte, undemokratische Entscheidungen, nicht bewältigte Folgen des Stalinismus, Willkür und Machtmissbrauch auf vielen Gebieten verursacht. Es schmerzt uns besonders, dass einige antifaschistische Widerstandskämpfer dafür maßgeblich verantwortlich sind. Wir fühlen uns mitverantwortlich, weil wir nicht entschieden und rechtzeitig genug entsprechend unseren politischen und moralischen Pflichten auf angestaute Probleme hingewiesen haben.

Wir bekunden unsere tiefe Achtung vor allen Antifaschisten, die unter Stalins Herrschaft, wo auch immer, verfolgt, gequält oder ermordet wurden. Wir fordern ihre volle und öffentliche Rehabilitierung. Das gilt auch für alle Kameradinnen und Kameraden, die in unserem Land gedemütigt, ungerecht behandelt und eingekerkert wurden.

Antifaschismus, das ist gleichbedeutend mit der Würde der Menschen, der Demokratie und der Freiheit. Deshalb sind wir tief betroffen und wenden uns entschieden dagegen, dass bei Demonstrationen festgenommene Bürger nach ihrer polizeilichen Zuführung entwürdigt und misshandelt wurden. Gestützt auf unsere Ideale, fordern wir die strenge Ahndung der für diese Bürger- und Menschenrechtsverletzungen Verantwortlichen. Gleichzeitig bekunden wir jenen Angehörigen der Schutz- und Sicherheitsorgane unsere Anteilnahme, die durch Gewalttäter verletzt wurden. Wir stehen an der Seite derer, die ihre gesetzliche Pflicht zum Schutz der Bürger und des Landes erfüllen.

In vielen Ländern Europas, besonders in der BRD, erhebt der menschenfeindliche, friedensgefährdende Neonazismus mit seiner Ideologie des Rassismus, des Antisemitismus und der Ausländerfeindlichkeit wieder sein Haupt. Auch bei uns versucht er Fuß zu fassen. Wir fühlen uns verpflichtet, das mit allen unseren Kräften zu verhindern. Dabei wissen wir uns eins mit allen antifaschistisch gesinnten Bürgern unseres Landes und mit unseren Kameraden des Widerstandes gegen Faschismus und Krieg in allen Ländern.

Wir wollen das Bündnis mit allen im antifaschistischen Konsens, besonders mit der Jugend. Auf neuen Wegen und mit neuen Strukturen wollen wir die Front zur Verteidigung der Errungenschaften der sozialistischen DDR verstärken.

Berliner Zeitung, Di. 21. November 1989, Jahrgang 45, Ausgabe 274

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