DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Interview mit EDMUNDO MUCHANGA, Initiator der Initiativgruppe in Leipzig "Vereinigung ausländischer Bürger"

Edmundo Muchanga ist Mocambiquaner. Seit vier Jahren arbeitet der 24jährige als Montageschlosser bei der Deutschen Reichsbahn. Er ist maßgeblicher Initiator der Leipziger Initiativgruppe "Vereinigung der ausländischen Bürger". LVZ befragte ihn zu den Zielen der Vereinigung.

LVZ: Was hat Sie dazu bewogen, diese Initiativgruppe zu gründen?

E. Muchanga: Die offenkundig wachsende Ausländerfeindlichkeit, aber auch die bestehende Isolierung der Ausländer. Auf Arbeit musste ich z. B. feststellen, dass sie für Vorzeigefotos integriert und gleichberechtigt im Betrieb waren. Danach nicht mehr. Jede Feier, egal aus welchem Anlass wird stets für uns extra ausgerichtet. Dabei sind doch gerade diese kulturellen Dinge für die ohnehin schon im Wohnheim ebenfalls isoliert lebenden Kollegen so wichtig.

LVZ: Wie zeigt sich im täglichen Leben wachsende Ausländerfeindlichkeit?

E. Muchanga: Wir werden provoziert, oft auch ohne, oder nur mit einem ganz gelingen Anlass, auch Rempeleien oder Handgreiflichkeiten gibt es.

LVZ: Sie sagten, die Provokationen kämen oft schon bei kleinen Anlässen - es gibt sie also . . .

E. Muchanga: . . . ja, natürlich. Aber es ist nicht die Masse der Ausländer, die Probleme macht, sondern wie überall sind es die Ausnahmen. Und auch dann häufig nur in der Anfangszeit ihres Aufenthaltes in der DDR. Dahinter steckt jedoch nicht vorsätzlich böser Wille, sondern das häufige Unvermögen, sich sofort in seinen Gewohnheiten auf die neue Situation einzustellen. Selbstverständlich versuchen wir, in solchen Fällen Einfluss zu nehmen.

LVZ: Erhalten Sie Hilfe bei Ihrer Eingewöhnung?

E. Muchanga: Ungenügend. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage vieler Ausländer. Uns wurde in Mocambique klargemacht, dass die DDR tatkräftige Menschen zur Bewältigung Ihres Arbeitskräftemangels braucht. Hier allerdings wurde das Gegenteil behauptet. Nämlich wir Mocambiquaner sind da, weil die DDR uns als Solidaritätsbeweis eine Ausbildung ermöglicht. Oder, nehmen Sie die vielleicht aus Gedankenlosigkeit resultierende, bei uns jedoch als Schikane aufgefasste Behandlung im Ausländerwohnheim. Deutsche Partner(innen) müssen 22 Uhr das Heim verlassen. Ich habe einen Bekannten, dessen Freundin seit rund zwei Jahren jedes Mal wenn sie ihren Freund im Wohnheim besucht, ihren Ausweis zeigen muss. Schwierigkeiten gibt, es auch beim Erteilen voll Heiratsgenehmigungen bzw. beim Verlängern der Aufenthaltserlaubnis. Diese Probleme haben vielfach in meinem Bekanntenkreis dazu geführt, dass sich Freunde aus verschiedenen Ländern der Kirche zugewandt haben. Ich meine jedoch, dass sie in die breiteste Öffentlichkeit gehören. Deshalb also unser Verband . . .

LVZ: Wer kann ihm beitreten?

E. Muchanga: Alle, die Lust haben, mitzumachen. Interessenten können sich unter folgender Nummer melden: Edmundo Muchanga, Telefon: (...) oder im Bebel-Liebknecht-Haus: Karl-Liebknecht-Straße 143, Telefon: (...).

Unser nächstes Treffen findet übrigens im Liebknecht-Haus statt, Termin: Montag 12. März, 18 Uhr.

(Das Gespräch führte Kostas Kipuros)

aus: Leipziger Volkszeitung, Nr. 58, 09.03.1990, 96. Jahrgang, Gegründet 1894 als Organ für die Interessen des werktätigen Volkes