DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Der Stalinismus hat nicht gewonnen

Eröffnungsrede des Biermann-Konzerts in Leipzig von Jürgen Fuchs Erinnerung an ausgebürgerte Autoren

Wolf Biermann singt in Leipzig! Wie lange haben wir auf diesen Tag gewartet! Seit '65 verboten, '76 ausgebürgert, jetzt haben wir 1989: Es ist sein erster großer Auftritt in der DDR. Der Bann ist gebrochen. Der Stalinismus hat nicht gewonnen. Eine demokratische Revolution hat begonnen in Warschau, Moskau, Budapest, Leipzig und Prag. Es gab Verbote, Demütigungen, Haft, Rausschmisse.

Wir Schriftsteller mussten vor allem das freie Wort retten. Heute, in diesem Augenblick, fordern wir: Aufhebung der Zensur, Arbeitsmöglichkeiten für alle Künstler, auch für die ausgebürgerten. Für alle! Es darf kein Sortieren mehr geben. Die ganze Wahrheit, die ganze Vielfalt der Literatur muss anwesend sein. Gewiss, der Berliner Schriftstellerverband hat es ausgedrückt, "nicht wiedergutzumachendes Unrecht" ist geschehen. Was sich aber korrigieren lässt, leicht und sofort, das ist die Aufhebung der Zensur. Buchläden in allen Bezirksstädten müssen eingerichtet werden mit all den Büchern und Platten, die auf ihnen Listen standen. Deutschsprachige Autoren, aber auch übersetzte Manuskripte von Solschenizyn, von Havel und Michnik. Wie problemlos lässt sich das mit westdeutschen Verlagen regeln, die Buchpaletten in ihren Lagerräumen stehen haben. Über vieles müssen wir lange diskutieren, über Täter und Opfer, über Schuld und Teilung. Jetzt können wir es. Wir sind wieder da: Die Grenze ist auf. Die schlimmen Jahre der Ein- und Ausgrenzung sind vorbei. Nun atmen wir wieder. Und noch dieser Satz, er ist von einem sowjetischen Schriftsteller, der lange verboten war: "Die Wahrheit ist milde." Sie ist gewaltfrei, sie ist radikal, aber auch fähig zum Kompromiss: Und zum Verzeihen. Gerechtigkeit und Verzeihen sind allerdings nicht möglich vor oder außerhalb der Wahrheit. Wolf Biermann in Leipzig, die Grenze auf für alle! Und wer morgen zurückgewiesen wird, weil er ein Gedicht schrieb, das einem Politiker nicht passt. darf eine große Protestdemonstration beantragen. Und die müsste dann auch stattfinden. Erfolg wird sie schon haben. Es hat sich ja gezeigt, dass ihre ewigen großen Zeiten so lange doch nicht dauerten. Sie dauerten aber lange genug. Für einige zu lange. Wie sehr hätten sie es sich gewünscht, diesen Tag, diese Situation jetzt hier mitzuerleben: Robert Havemann, Heinz Brandt, Manès Sperber, Ernst Bloch. Sie haben gegen die Faschisten und gegen die Stalinisten gekämpft, als die erkannt hatten, was wirklich los war. Es gibt die authentische Linke, die deutsche Opposition, die sich nicht korrumpieren ließ. Die in kein Politbüro einer Einheitspartei ging. Die nicht in peinlichen, mit Konsumgütern voll gestopften Waldsiedlungen lebte und anderen Angst machte. Die Hausarrest erlebte, Publikationsverbot, Rufmord. An sie muss ich denken. An ihr gutes Wort vom menschlichen, vom demokratischen Sozialismus, von der "humanen Orientierung", die sich doch durchsetzen wird. Was für bittere Jahre. Und wie groß die Chance, die wir haben.

1.12.89

aus: Demokratie im Aufbruch, September - Dezember 1989, Demokratiebewegung in der DDR, Nr. 1, Materialien zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, DGB-Bundesvorstand Abt. Gewerkschaftliche Bildung