DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Erklärung der Künstler des "Berliner Ensembles"

Das künstlerische Ensemble des Berliner Ensembles hält es für notwendig zu erklären, dass es sich mit allen Möglichkeiten und Mitteln an der Volksaussprache, die sehr dringend notwendig ist zur Klärung der aktuellen krisenhaften Lage, beteiligen wird. Auch angesichts der einzigartigen historischen Chance, die der Abrüstungsdialog zwischen der UdSSR und den USA eröffnet hat und angesichts der globalen Verschärfung ökonomischer und ökologischer Konflikte, die vor den Grenzen unseres Landes nicht Halt machen, brauchen wir eine umfassende und sachliche Analyse, die den Fragen nach der künftigen Entwicklung der DDR, ihrer unverzichtbaren Funktion im politischen Weltprozess auf dialektische Weise gerecht wird. Die Zeit drängt. Nötig ist die öffentliche Diskussion. Ohne die öffentliche Information über alle Fragen und Probleme werden wir die Menschen dieses Landes nicht nur nicht aktivieren zur Weiterführung des Sozialismus in der DDR, sondern wir werden sie verlieren und nicht nur über die Grenze.

Wir müssen in aller Öffentlichkeit darüber sprechen, dass das gegenseitige Vertrauen zwischen Führung und Bevölkerung unverzichtbar ist. Misstrauen gegenüber der politischen Reife der Bevölkerung, wie es unverändert in den Veröffentlichungen unserer Zeitungen und Medien zu spüren ist, schränkt die Glaubwürdigkeit der Partei und die Handlungsfähigkeit aller ein.

Zur Gewinnung und Wiedergewinnung des Vertrauens sind zwischen vielen Ebenen und in der breiten Öffentlichkeit Dialoge ohne Tabus nötig, auch andere Meinungen müssen gehört und dürfen nicht kriminalisiert werden.

In allen Diskussionen, die wir hatten und kennen, ging und geht es um Veränderungen in diesem Land und damit um den Fortbestand des Sozialismus. Wir wissen, dass genügend Vorrat an Analysen, Vorschlägen und Gedanken bei unseren Gesellschaftswissenschaftlern vorhanden ist. Sie müssen der Öffentlichkeit unterbreitet werden, die sehr darauf wartet. Tun wir es nicht, verschenken wir die Initiative und vertun die Chance, die in der sehr besorgten, politisch wachen Atmosphäre unter der verantwortungsbewussten Bevölkerung liegt.

Bei der Diskussion dieser letzten Punkte müssen wir davon ausgehen, dass eine Lösung des Medienkrieges der anderen Seite nicht nur in deren Bekämpfung, sondern in der Verbesserung unserer eigenen Medien liegt. Man stärkt den Sozialismus nicht, indem man Halb- und Viertelwahrheiten verbreitet, sondern schafft zusätzlichen Ärger und Unmut, der sich gegen den Staat richtet.

Wir sollten ängstliche Bedenken zurückstellen zugunsten eines kräftigen und realistischen Denkens.

Berlin, den 29.9.1989