DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Schutz vor AIDS wichtiger denn je

Homosexuelle informieren über "Szene" in Westberlin

Im nachfolgenden Beitrag rufen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Homosexualität "Courage" alle Schwulen auf, sich über Infektions- und Schutzmöglichkeiten zu informieren.

Mit der Öffnung der Grenzen der DDR ergeben sich neben dem vielen Positiven auch zunehmend Negativ-Tendenzen, die zu ignorieren lebensgefährlich sein kann. Gemeint ist das erhöhte AIDS-Risiko, von dem besonders die Schwulen betroffen sind. Einigen Bedürfnissen der Schwulen und Lesben wurde bisher nur wenig Raum gelassen. Alte Vorurteile bestehen weiter, Schwule und Lesben werden gezwungen, anonym zu bleiben. Viele führen auch ein Doppelleben oder unterdrücken ihre Sexualität ganz.

Im Gegensatz dazu hat sich in den westlichen Großstädten eine "homosexuelle Infrastruktur" in großer Breite entwickelt, die von einschlägigen Diskotheken, Cafés, Restaurants über Galerien und Buchläden bis hin zu Saunen und dem Strich reicht. Von Vertretern der AIDS-Hilfe wurden wir kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass diese Szene regelrecht von Schwulen aus der DDR überrollt wird. Leider gehören zu den Hauptattraktionen jene Einrichtungen, wo speziell Bedingungen für schnelle, anonyme Sexualkontakte geschaffen worden sind.

Von vielem wird der DDR-Schwule erschlagen, vielfach ist er mit den dortigen Gepflogenheiten nicht vertraut und wird überrumpelt. Bei der Fülle dieser sich bietenden Möglichkeiten wird oft an eines zuletzt gedacht: Safer Sex! Angesichts von rund 7 000 gemeldeten HIV-Infektionen allein in Westberlin ist die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung um ein Vielfaches höher als in der DDR mit ihren zirka 80 Fällen.

Wir wollen Schwule aus der DDR über die Szene in Westberlin aufklären. Außerdem informieren wir über Infektionswege und Schutzmöglichkeiten. Dafür haben wir Kontakte zum Schwulenberatungszentrum der Deutschen AIDS-Hilfe Berlin (West). Unsere Adresse: Arbeitsgemeinschaft Homosexualität "Courage", PSF 121, Berlin 1058.

Langfristig gesehen steht vor uns jedoch die wichtige Aufgabe, für Lebensbedingungen bei uns zu sorgen, die eine ausschließliche Flucht in die Westberliner oder BRD-Szene verhindern helfen.

Leitung der AGH "Courage"

aus: Berliner Zeitung, 05.01.1990, Jahrgang 46, Ausgabe 4. Die Redaktion wurde mit dem Karl-Marx-Orden, dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold und dem Orden "Banner der Arbeit" ausgezeichnet.