DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Offener Brief an die Alternativen. Mut zur Minderheit. Das Andere Blatt Halle

Offener Brief an die Alternativen:

Mut zur Minderheit

Immer noch gibt es ein paar Idealisten, die sich krampfhaft gegen bundesdeutsche Vereinnahmung wehren wollen. Alternative, die im vergangenen Oktober (und davor) auf die Straße gegangen sind und kraft ihrer Wassersuppe tatsächlich die Hohlheit vierzigjähriger DDR-Phraseologie bewiesen haben. Na schön. Sie wollen nun nicht gleich wieder von der Hohlheit westlicher Phraseologie überspült werden, auch wenn die - ganz im Gegensatz zur hiesigen alten - kapitalintensiv ist. Was habt Ihr eigentlich dagegen? Geschenktem Gaul guckt man nicht ins Maul: Die Mehrheit der Ostdeutschen will nichts anderes, als die übrigen Deutschen. (Nationalität braucht in diesem Fall nicht definiert zu werden.) Im Handumdrehen haben sich die ehemaligen Blockparteien dem westdeutschen Parteienspektrum angeglichen. Kein Wunder, sind ja die gleichen Leute geblieben wie vor dem Krieg. (Nur so im Prinzip, versteht sich.) Die Vereinigungsparteitage stehen - allenfalls - noch aus. Man wird sich drauf verlassen können: wer jetzt eine der richtigen (d. h. "richtig" gewordenen) Parteien wählt, den werden sie schon nicht fallen lassen. Am sichersten geht, wer sich eines der gültigen Parteibücher zulegt und brav den Proporz beachtet, d. h. alles im Prinzip so wie früher macht. Die Macht liegt nicht mehr auf der Straße, dass man sie nur aufzuheben brauchte (glaubtet Ihr wohl?) und an runde Tische zu tragen. Sie wurde längst aufgehoben. Nur Profis können damit wirklich umgehen. Das wurde uns schon früher gesagt, z. T. eingebläut. Minderheiten gehören dahin, wo sie hergekommen sind. Was habt ihr eigentlich dagegen? Das einzige, was man dagegen haben kann, ist das, was man überall dagegen haben muss: den Mut zur Minderheit. Denn abgesehen mal von anstehenden Wahlspektakeln, wo eine "Mehrheit" mit der anderen ringt, triffts doch in Wirklichkeit, im alltäglichen Leben, auch nicht anders zu, als dass jeder, auch der biederste "Normalbürger", nur irgendeiner Minderheit angehört. Sei es der Kreis unserer Angehörigen und Freunde, die Vertrautheit lokaler Gruppen, Vereine, Bekanntschaften, Beziehungen - alle unsere konkreten gesellschaftlichen Kontakte spielen sich in Minderheiten ab. Ideologische Mehrheiten sind künstliche Konstruktionen, die über die Zeit der Wahlschlachten nicht wirklich hinausreichen, auch wenn auf Parteitagen alle möglichen Gemeinsamkeiten beschworen und erstritten werden. Dass sie erstritten und nötigenfalls erzwungen werden müssen, liegt einfach daran, dass hier die unterschiedlichsten Interessen in einen Stall gepfercht werden müssen, dass alles, was Individuen und Gruppen auszeichnet, was sie in ihren Minderheiten ausleben können, dass all das vom Tisch und unter den Teppich gekehrt werden muss, um eine "Mehrheit" draus zu machen. Für bestimmte Zwecke ist das nützlich, klug und sogar wichtig: als Weichenstellung für politische Entwicklungen. Politische Entwicklung für die Zukunft - das gilt nicht nur für Deutschland; sondern überall - sollte nach meinem Geschmack Individualität fördern statt Herdentrieb und Massenpsychose. Individualität, die sich nur in Minderheiten wirklich leben lässt. Der eine Schritt: Minderheiten tolerieren. Der wichtigere Schritt für jeden Menschen: sich selbst als Teil einer Minderheit akzeptieren.

Der politische Mechanismus einer Demokratie (der "schlechtesten Staatsform, die wir haben, abgesehen von allen anderen" [nach Churchill]) sollte nicht dazu verleiten, diesen Mechanismus als aktuelle Lebensform der Menschen zu verallgemeinern. Berufspolitiker mögen das anders sehen. Sie sind auch nur eine Minderheit. Wie die vielen Minderheiten, in die eine Gesellschaft differenziert ist, miteinander auskommen, das ist seit je Teil der politischen Kopfarbeit und noch lange nicht eines der gelösten Probleme der Menschheit.

Ich käme mir feige vor, ließe ich mir einreden, nur mit einem richtigen Parteibuch in der Tasche auf die Zukunft setzen zu können - gerade weil wir wissen, welche Rolle die Parteibücher auch in der westdeutschen Gesellschaft spielen! Wer sich im vergangenen SED-Staat einer solchen (meist unausgesprochenen) Nötigung nicht fügte, der kann doch jetzt nicht dazu verpflichtet sein.

Umso freier wird man im März wählen können. Vielleicht ist das die einzige freie Wahl, die wir erleben werden, wo noch nichts so festgefahren ist, dass man nicht mit der politischen Stimme, die man hat, auch seinen Wünschen für die Zukunft folgen kann.

M.F.

aus: Das Andere Blatt, Nummer 5, 19.02.1990, Erste unabhängige Zeitung aus Halle

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