DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Die Vernunft ermutigen, in der Dimension der Welt zu denken

Eröffnungsworte VOLKER BRAUNS an den DDR-Schriftstellerkongress

Der Protestdemonstration am 4. November 1989 in Berlin wurde auf einem Spruchband der Satz eines deutschen Schriftstellers vorangetragen: Die Staatsform muss ein durchsichtiges Gewand sein, das sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt. Die Zeit war da, auf die viele von uns, Lebende und Tote, hingearbeitet haben. Das Horizontbewusstsein der Literatur war kein bewusstloses Träumen gewesen, und es hatte sich wieder gezeigt: Es gibt keine anderen Horizonte als revolutionäre. Aber haben sie sich uns auf Dauer aufgetan?

Wir versammeln uns hier als ein alter Verband, um uns zu einem neuen zu verbinden. Die ganze Belastung und Belehnung dieser Zusammenkunft ist damit genannt.

Auf ungemeine Freude folgte gemeine Scham

Es ist eine ernste Zeit des eben Möglichwerdens und gerade Vertuns. Die Gestalt der Gesellschaft, die in der Menge aufschien, zerfließt im Ungewissen Licht der Fabriken. Dem Augenblick ungemeiner Freude folgte die gemeine Scham, und der erlebten Souveränität der Kundgebungen die erlebte Demütigung des Begrüßungsgelds. Das war nicht die "Abschlagszahlung der Geschichte" (Engels). Doch die eigenen armen Entwürfe gelten jetzt nichts: es waren Entwürfe des Widerstands in weitem Raum und in langsamer Zeit, jetzt ist die Zeit rasch wie unser Atemzug und der Raum unfassbar eng wie das Vaterland. Revolution oder Restauration - es ist nicht zu ermessen.

Das Gewand wird nach dem goldenen Schnittmusterbogen gearbeitet, und man wird sich in der Eile ohne Anprobe einkleiden passt. Wie werden wir dastehn - im Narrenkleid oder im Kleid der Demokratie? Die notwendige Formierung neuer Kräfte hat der nachdenkenden Debatte über die Ansprüche der Produzenten nicht tapfer gedient; nicht anders geschah es im Schriftstellerverband.

Gegen Selbstherrlichkeit gab es den Text

Als wir beschlossen, den Kongress vorzuverlegen, dachten wir ihn als theoretischen Beitrag zur Erneuerung im Land, so wie der X. Kongress im November 1987, in Anwesenheit mächtiger Statisten, in unverfrorenen Wortmeldungen die politische und ökologische Wende forderte. Es ist aber ein solcher Beitrag jetzt nirgends anders zu geben als durch Bruch mit der eigenen Daseinsweise. Leistungen und Verfehlungen des Schriftstellerverbandes sind eine unteilbare Geschichte, die herkommt aus den Strukturen und Gewohnheiten der Unterdrückung und der Solidarität. Der einzelne Autor hat damit nur bedingt zu tun als eine eigene Instanz. Der ideologischen Bevormundung zu widerstehen war eine Frage des Humors, auf die Restriktionen musste man schon trainiert sein, aber gegen die Selbstherrlichkeit der Macht gab es nur den Kampf im Untergrund: im Text.

Die Texte weisen die Niederlagen und Siege aus. Die Geschichte des Verbands steht auf einem anderen Blatt, das jetzt zu entziffern ist, und die geheimnisvolle Schrift war das Statut, das die Depravierung durch ein Kommando festschrieb, Hineinregieren der Partei. Übrigens werden wir nichts erkennen in der Wut, die ja oft, wie Pfarrer Schorlemmer sagt, die Wut darüber ist, dass man es mitgemacht hat. Die Denunziation der eigenen Lebenszeit ist die plumpe Technik, sich von der Mitverantwortung zu entlasten . . . Wir sollten diesen Zusammenhang nicht übermalen, das soll deutlich bleiben, wenn wir an eine andere Satzung denken, die mit neuen Zwängen zu rechnen hat, dem Hinein regieren des Kapitals. Die Demokratisierung, die wir unternehmen, bedeutet Verantwortlich werden für die berufsständigen Interessen, und zwar in auf neue Weise unfreien, harten, glücklichen Bedingungen, in denen sich der Verband, selbst in gewerkschaftlichem Harnisch, nur als Autorität behaupten kann. Man erwirbt sie nicht durch wechselseitige Ausgrenzung, sondern durch einen großmütigen, selbstbewussten Konsens.

Eine Wahl, die jeder für sich selbst treffen muss

Jetzt darf ich, jetzt will ich mir die Freude machen. Sie herzlich zu begrüßen, alle, und vor allem die "weit vom Herzen mir" verstreuten Freunde, die vermissten, uns schmerzlich zugehörigen Kollegen. Mit dem Grundsatz, der doch auch noch zu lesen ist: dass wir teilnehmen aneinander, einander weiterdenken "in geprüfter, tapferer, ernsthafter Heiterkeit". Eine Formel Ernst Blochs vom Kongress im Januar 1956, auf dem auch Becher, Seghers, Zweig, Wedding, Maurer, Brecht, Strittmatter, Heym, Uhse, Renn, Hermlin sprachen. Freunde und Gefährtinnen, was war die DDR-Literatur? Sie war nicht der Geist geistloser Zustände. Freilich, der Marxismus in Spießerhand, der Sozialismus in der Sphäre des allgemeinen Verdachts. Aber ich erinnere an eine Äußerung Stephan Hermlins auf dem 1. deutschen Schriftstellerkongress 1947 - heute, an die hiergebliebenen wie die weggegangenen Autoren gewandt: Die wirkliche Freiheit des Dichters könne nur die verantwortungsbewusste freiwillige Wahl seiner schwierigsten Möglichkeiten sein. Jeder muss sich fragen, wie er sie getroffen und ob er sie verfehlt hat. In den alt-neuen Widersprüchen der .begonnenen und verramschten Revolutionen, auf diesem Feld der Hoffnungen und Täuschungen, der sogenannten Gegenwart.

Die Literatur hat in ihren besten Teilen davon Bericht gegeben mit energischer Klarheit und Tiefe. Sie hat, wie Brecht empfahl, neue Kunstmittel geschaffen und die alten umgebaut, sie hat experimentiert, und vor allem war sie kämpferisch. Dies Wasser gräbt keiner ab, die mächtige Einmischung in den Strom der Literaturen.

Das mächtige Bächlein ändert jetzt seinen Lauf

Doch das mächtige Bächlein wird seinen Lauf jetzt ändern. Die zwei nahen deutschen Flussarme werden sich vereinigen, irgendwo in der problematischen Landschaft. Es sind beides reiche und eigenwillige Strömungen, und die DDR-Literatur wird ihre Eigenart einbringen, vielleicht behaupten, eben weil sie etwas Besonderes war. Weil Literatur in diesem Land etwas Besonderes war. Das ist nicht unser Verdienst: Sie war das besonders Gebrauchte, das schon auf menschliche Lösungen sann, für die es hier keinen Ersatz gab. Von diesem Ursprung reißen wir uns nicht los. Wer will uns hindern, kann uns abnehmen, der Kritiker auch der neuen Halbheiten und Illusionen zu sein und die Vernunft zu ermutigen, in der Dimension der Welt zu denken. Die künftige Gesellschaft, in die wir uns begeben, dieses umstrittene Gebiet, das die Parteien rabiat besetzen, hat an den Bedingungen und Wirkungen der Kultur einen Antrieb. Er ist universell wie die Lust und die Not. Das Unersetzliche wird unser Thema bleiben, und es mischt uns mit der Literatur der Welt.

Liebe Kollegen, Sie sind nicht delegiert, der Kongress ist allen Mitgliedern offen, auch allen ausgeschiedenen oder einst ausgeschlossenen, unabhängig vom jetzigen Wohnort. Es wird kein Referat geben, Hermann Kant ist als Präsident zurückgetreten; er hat das Amt in schwierigen Jahren innegehabt, und ich will ihm meine Achtung nicht versagen.

Modalitäten in offener Abstimmung beschließen

Der Kongress hat kein Motto; und auch sonst nichts ist vorgeschrieben. Keine Rednerliste, keine Wahlkandidaten, nicht einmal die Tagesordnung ist bestätigt. Höhere Gewalt hat nur in einer schwer abweisbaren Form eingegriffen: in Gestalt des Sturms, der die Kongresshalle beschädigte. Es wird kein Präsidium geben: auf den erhöhten Plätzen der Kongresshalle sollte die so lange erniedrigte Presse sitzen. Die Tagungsleitung wird aus den eben in den Bezirken gewählten Vorsitzenden bestehen: Und das ist die einzige Festlegung, jede andere Modalität ist jetzt in offener Abstimmung zu beschließen.

Ich eröffne den wirklich außerordentlichen Schriftstellerkongress.

aus: Berliner Zeitung, Jahrgang 46, Ausgabe 52, 02.03.1990. Die Redaktion wurde mit dem Karl-Marx-Orden, dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold und dem Orden "Banner der Arbeit" ausgezeichnet.

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