DDR 1989/90Brandenburger Tor

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"Die Universität muss in sich gehen."

Gedanken und Ambitionen. Ein Gespräch mit Dr. Rudolf Bahro.

"Im März [1990] erscheint, 12 Jahre verspätet, in der DDR mein Buch 'Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus'.". - Mit diesem Hinweis kündigte Rudolf Bahro eine eben abgeschlossene Vorlesungsreihe zum Thema "'Stalinismus' als Gesellschaftsformation?" an. Wir sprachen mit dem Denker über seine weiteren Vorhaben an der Humboldt-Universität.

HU: Im Januar luden Sie die Angehörigen der Universität zu einer Veranstaltung mit dem Titel "Bewusstseins-Politik gegen die Logik der Selbstausrottung" ein. Was ist nach der Vorlesungsreihe weiterhin von Ihnen zu erwarten?

Dr. Rudolf Bahro: Jene Januarvorlesung kreiste schon um mein Generalthema "Grundlagen ökologischer Politik". Es ist mit der Spitze der Universität geklärt, dass dafür ein "Zentrum für Sozialökologie" eingerichtet wird. Ich meine eine kleine Gruppe. Sie soll, inhaltlich unabhängig, bei den Soziologen angesiedelt sein. Bestehen soll sie aus Enthusiasten, "Idealisten".

HU: Sie erachten es als dringend, diesen Ansatz in die Universität hineinzutragen. Warum?

Dr. Rudolf Bahro: Lehre und Forschung arbeiten an der Front des zivilisatorischen Prozesses, und ich wähle den kriegerischen Ausdruck, weil das ganze Kulturprojekt, dem die Universität seit Anfang dient, auf Krieg mit der Natur hinausläuft, auf gattungsegoistische Ausbeutung der Erde, des Lebens, der "unterentwickelten" Menschenmehrheit, des weiblichen Elements. Die Universität muss in sich gehen: Mit Ökologie ist viel mehr gemeint als Umweltschutz, der die Schäden einholen will, weiche mit der Grundlast des wissenschaftlich-industriellen Systems gegeben sind. Dieses System ist eine fundamentale Gleichgewichtsstörung zwischen Mensch und Erde. Es arbeitet, offenbar von seinem innersten Antrieb her, eine Logik der Selbstausrottung darin ...

HU: ... der Sie eine Logik der Rettung gegenüberstellen.

Dr. Rudolf Bahro: Ich versuch's. Und da ich analytisch zeigen kann, die Selbstmordlogik wurzelt bis in die Art und Weise des "Hirntiers Mensch" zurück, in der Welt zu sein, sich angst-, also sicherheits- und machtorientiert darin zu behaupten, kann auch nur eine Konversation, Transformation in diese Tiefe menschlicher Existenz hineinreichen, wenn wir uns retten wollen. Notwendig ist vieles, viel tatsächlich oder auch bloß scheinbar "Konkreteres", Geschieht es aber im Kontext neuester ökotechnokratischer "Problembeherrschung", bohren wir uns nur noch tiefer in die Katastrophe hinein. Mein Leitwort ist hier Einsteins späte Einsicht: "Nicht die Atombombe ist das Problem, sondern das menschliche Herz."

HU: Und dies Problem wollen Sie mit dieser kleinen Gruppe angehen, wenn nicht lösen?

Dr. Rudolf Bahro: Es gehört zu den Problemen, die notorisch "bekannt" und eben deshalb - wie Hegel zu sagen pflegte - noch lange nicht erkannt sind. Es geht zunächst genau darum, es erst einmal bekannt, im akademischen Kontext erkennbar zu machen. Wer die Tragödie Einsteins begriffen hätte, würde es nicht wagen, sich mit Gentechnik zu befassen - nur beispielsweise, es ist, besser verhüllt, im Grunde überall dasselbe.

HU: Setzt aber Erkenntnis nicht Vernunft voraus?

Dr. Rudolf Bahro: Hegel unterschied zwischen Verstand und Vernunft: Wir denken meist Verstand, wenn wir Vernunft sagen. Der Verstand allein enthüllt uns bloß die "Klosettlogik": Man zieht und es rauscht.

HU: Sie rechnen für Ihr Projekt auf Gegenliebe?

Dr. Rudolf Bahro: In der Tat! Die kleine Gruppe ist ausschlaggebend - und andererseits ganz unwichtig. Sollte es nicht in jeder Fachrichtung ahnungsvolle Engel geben, die es im Grunde schon wissen und dieses Wissen reflektieren, ja danach arbeiten und leben wollen? Sollte es irgendeinen Wissenschaftler; gar irgendeine Wissenschaftlerin an dieser Universität geben, der oder die nichts ahnt? Biologie zu treiben, ist mindestens so verantwortlich wie SED-Mitglied gewesen zu sein.

Diese Gruppe soll eigentlich die "leere Mitte" sein, um die herum sich eine interdisziplinäre scientific community neuen Typs einwohnt. Wir unsererseits lenken den Gedanken von der Oberfläche der Zerstörungssymptome, die uns allen missfallen, auf die tieferen Ursachen in Industrie, Technologie etc., in den Kapitalverhältnissen, in der Tiefenpsychologie der Welteroberung, in dem männliche Expansionismus des Menschengeistes, wie er gegenwärtig vorherrscht - bis wir zur Erfahrung, zum Erleben der Gewaltquellen im menschlichen Existenzgrund angestoßen haben. Und die Fachmänner und -frauen durchdringen aus dieser Perspektive ihre eigene Identität neu und damit die Problematik der Lehre und Forschung an ihren Instituten.

Wenn sie dann wieder bei den Symptomen an der Oberfläche ankommen, werden sich weniger naive Strategien empfehlen. Symptomkur ist naiv, will ich sagen. Wer Moore retten will, nur um ein Beispiel zu nennen, mag vielleicht erkennen, dass er hauptsächlich den Fleisch-"Bedarf" auf menschliches Maß zurückführen müsste. Da sind die Praxisverbindungen lehrreich, die "außerwissenschaftlichen" Widerstände! Wer einer LPG geistig und praktisch hülfe, sich auf ökologischen Landbau umzustellen!

HU: Auch so etwas gehört zu Ihrem Projekt?

Dr. Rudolf Bahro: Als Richtung, nicht um kurzschlüssig falsch "konkret" zu werden. Eigentlich geht es mir darum, die Kräfte einer großen Universität darauf abzutasten, ob sie nicht gut für den Gesamtentwurf eines kulturellen Neuanfangs, für eine andere gesellschaftliche Praxis als ganze wären. Genauer gesagt, habe ich natürlich nicht die Illusion, "Mehrheiten mobilisieren" zu können. Aber das wäre auch ein unsinniger Ansatz. Eine Minderheit, die freundlich den Kontakt zu den anderen wahrt, ist mehr, nicht weniger. Im einzeln werden dann vielerlei Impulse in die Praxis gehen. Und es werden andere Gruppen Ähnliches versuchen. Ergänzung wird wichtig sein. "Wie der Zwist der Liebenden sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit, und alles Getrennte findet sich wieder" - hat Hölderlins Hyperion gehofft.

HU: Passt das aber wirklich hinein in die Universität, wie sie ist?

Dr. Rudolf Bahro: Die Uni ändert ich, indem sich Menschen ändern oder auch nur andere Seiten hervorkehren. Ich setze auf junge Leute, die Idealismus haben, z. B. einmal an den Sozialismus geglaubt und dann etwas gegen die Konterrevolution an der Macht, die das ja in Wirklichkeit war, riskiert haben. Und in der Mitte des Lebens geschieht, falls man nicht eigentlich schon gestorben ist, eine Befreiung, eine Art zweite Geburt, die Carl Gustav Jung "Individuation" genannt hat. Das ist eine andere Ressource. Nicht zuletzt wünsche ich mir für die kleine Gruppe wie für das ganze Netz Parität zwischen Männern und Frauen - schwer, weil die Universität eine Struktur, patriarchal bis auf die Knochen, hat.

HU: Sie sind Feminist?

Dr. Rudolf Bahro: Ich mag, auch dies als "Ismus" nicht. Aber Ökologie ist grundlegend auf die weibliche Weise - zu erkennen, zu führen, zu sein - angewiesen, auch in uns Männern. Wissenschaft und Technik sind expansiv, sind auf der Flucht vor Kind und Kegel, vor dem Haushalt, vor den elementaren Bedürfnissen nach Wärme, Liebe, Lebens-Wahrheit. Mir auch hat eine Frau erst zeigen müssen, dass ich politisch zu handeln und zu denken pflege nach der selben Methodik - wie ein Tierexperimentator. Übrigens hat Plato, als er systematisch etwas über die Liebe wissen wollte, Diotima aus Mantinea zum Gastmahl, zum Symposium geladen, ausbeuterisch noch, für den männlichen Kreis - und doch ist das ein Hinweis.

HU: Was bedeutet Ihnen Kunst? Hat auch sie eine Funktion?

Dr. Rudolf Bahro: Wenn die Wissenschaft dazu da ist, dass wir uns der Welt anpassen, um sie nutzen zu können, so ist Kunst der Versuch, die Welt uns anzupassen - so Christopher Caudwell. Ein französischer Schriftsteller sagte, Kunst schildere die Welt, wie sie wäre, wenn die Freiheit sie ergriffen hätte.

Wir neigen dazu, das "Gefängnis Zivilisation" so hinzunehmen wie es ist, wir können nichts dagegen tun. Der Mensch soll sich nicht in seinem Elend sehen, sondern in seiner Größe. Kunst kommt zu uns zurück, sie dient uns. Und sie birgt die Möglichkeit, die Erneuerung des Lebens zu "produzieren".

Der Mensch braucht Liebe, Arbeit, Anerkennung. Wenn nicht so viel Gier in uns wäre! Wir merken erst zuletzt, dass die Gleichgewichte zurückschlagen und das Jahr der Stürme kommt.

HU: Wie schätzen Sie die Rezeptivität der DDR-Bevölkerung ein?

Dr. Rudolf Bahro: Die Situation in der DDR ist derzeit günstig. Die Bereitschaft, etwas aufzunehmen, ist groß. Die Menschen hatten bestimmte Strukturen, Institutionen im Kopf - jetzt ist dort eine tabula rasa.

Geistig hat der Kapitalismus keine Durchschlagkraft mehr. Man ist auf neues Finden angewiesen.

HU: Wie stellen Sie sich den "Ort", dieses künftige Land vor?

Dr. Rudolf Bahro: Die DDR könnte die Idee des "Grünen Tisches" einbringen. Es besteht nur die Frage, woraus sich dieser "Grüne Tisch" bildet; man darf nicht nur den Katastrophen hinterherlaufen. Ich stelle mir ein sogenanntes Oberhaus - als Abschluss der politischen Sphäre - vor, in dem ein Richard von Weizsäcker und eine Christa Wolf machtvoll zusammensitzen würden. Es muss einen Geisterbund überparteilicher Art geben. In einer Politkonkurrenz können Vaterland und Mutter Erde nur verspielt werden. Eine Konkurrenz (von Parteien) schreibt nur den Selbstlauf in eine Katastrophe fort.

Wir müssen uns dem Thema stellen und uns nicht hineinflüchten. Was war notwendig an dem, was geschah, auch wenn es (die DDR - d. Red.) gescheitert ist?

HU: Da wäre sicher auch eine Art "Grüner Tisch" für die Humboldt-Universität denkbar ...

Dr. Rudolf Bahro: Der "dritten Art" gewissermaßen. Wenn sich die Spitzen einfänden, zumindest bei manchen Gelegenheiten ... Aber es muss informell bleiben: In meinem Verständnis ist sanfte Gewalt der Vernunft und des Gefühls das äußerste Druckmittel, wo es um Neues geht - den Terror machen die Katastrophen ohnehin. Ich möchte wirklich "Akademie" im alten Sinne, Symposien, d. h. auch einen Lebenszusammenhang, Augenblicke von Gemeinschaft. Die Universität ist eine bürokratische Institution, und die Räume sind danach. Dennoch will ich wissen, ob sie Raum gibt für eine menschliche Erneuerung, für Arbeit auch am lebendigen, Organ aller Erkenntnis. Biophile Wissenschaft ist nur mit offenen Herzen möglich, also gehört dazu, was Herzen öffnet, was Neurosen heilt, was Freude fördert. Ich bitte, um Hilfe für diesen Versuch. Deswegen gebe Ich auch eine provisorische Adresse an: (...)straße 10, bei T(...), Berlin, - 1058.

Mit Dr. Rudolf Bahro sprach
Heike Zappe

aus: Humboldt Universität, Die Zeitung der Alma mater berolinensis, Nr. 24/25/26, 1989/90, Herausgeber: Der Rektor

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