DDR 1989/90Brandenburger Tor

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"Aufruf im 41. Jahr der Deutschen Demokratischen Republik"

Wir, die Sprechergruppe junger Theaterschaffender im Verband der Theaterschaffenden der DDR, sind tief betroffen und besorgt durch:

- die Krise der sozialistischen Alternative auf deutschem Boden,

- das Anwachsen von Gewalt in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen,

- den Verlust Hunderttausender Menschen.

Wir sind erschrocken über das Ausmaß von Ignoranz und Verantwortungslosigkeit der Partei- und Staatsführung der kritischen Situation unserer Gesellschaft gegenüber.

Wir verstehen nicht, dass besorgte Meinungsäußerungen vieler demokratischer Kräfte unserer Gesellschaft (z.B. der Unterhaltungskünstler, des Schriftstellerverbandes, des VBK, Äußerungen aus Betrieben, von Parteiorganisationen und Gewerkschaftsgruppen) von den Medien unter den Tisch gekehrt werden, dagegen Androhungen von Gewalt (z.B. in der LVZ vom 6.10.) eine Öffentlichkeit finden.

Damit wird unsere Gesellschaft in einem unerträglichen Maße gespalten und gewaltloser demokratischer Dialog behindert.

Wir wollen in dieser unserer Republik leben!

Wir wollen unsere Kreativität und Phantasie in die Gestaltung dieser gesellschaftlichen Alternative einbringen!

Wir wollen unseren Glauben an eine sozialistische gesellschaftliche Alternative nicht verlieren!

Aus diesem Grunde sind wir nicht länger in der Lage, tatenlos mitanzusehen, wie das Denken und Fordern sozialistischer Umgestaltung und Erneuerung, die Versuche gesellschaftlicher Analyse kriminalisiert werden.

Wir wissen, dass die Hunderttausende, die in unserem Land aufgewachsen und erzogen worden sind und es nun verlassen haben und verlassen, nicht nur Asoziale, materiell Verführte oder Irregeleitete sind, sondern dass wir die Ursachen in unserer Gesellschaft suchen müssen.

Wir wissen, dass die Tausende, die in unserem Land auf die Straße gehen, in ihrer Mehrheit keine Konterrevolutionäre sind.

Wir fordern die Partei- und Staatsführung sowie alle anderen demokratischen Kräfte zum sofortigen gewaltfreien Dialog auf!

Wir fordern: Schluss mit der Gewalt gegen friedliche Demonstranten!

Wir fordern: Schluss mit der Kriminalisierung kritischen Denkens und Handelns!

Wir fordern: Schluss mit der Androhung von Gewalt in den Medien! Wir fordern: Zulassung und Einbeziehung aller basisdemokratisch organisierten Gruppen, die an der sozialistischen Umgestaltung und Erneuerung unserer Gesellschaft interessiert sind!

Wir fordern: Öffnung aller Medien für einen umfassenden demokratischen Dialog!

Eskalation der Gewalt und feiges Abwarten stärkt konservative Kräfte und gesamtdeutsche Denker. Sie schwächen die Positionen sozialistischer und realistischer Kräfte in Europa, die für die Errichtung des gemeinsamen europäischen Hauses und den Erhalt des Friedens von existentieller Bedeutung sind.

Für einen alternativen dynamischen Sozialismus in einer Atmosphäre von Gewaltlosigkeit, Offenheit und Demokratie!

Da die "Medien schweigen", nutzt die Chance der Stunde, Theater zu einer Plattform demokratischer Auseinandersetzungen zu machen.

Um den Prozess der sozialistischen Umgestaltung und Erneuerung in unserem Verband in Bewegung zu setzen, fordert mit Eurer Unterschrift die Einberufung eines außerordentlichen Verbandskongresses noch in diesem Jahr und die geheime und direkte Wahl der Delegierten.

Dies ist auch die Forderung der am 7.10. in der Volksbühne versammelten Kollegen aller Berliner Theater.

Aufruf der Sprechergruppe junger Theaterschaffender vom 7. Oktober 1989.

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