DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Unpopulär und diskriminierend

Ausländische Arbeiter, appellieren für friedliches Leben

Wir, die Mitarbeiter des Volkstheater Rostock, aus Bulgarien, Ungarn, Rumänen und Chilenen, sprechen mit diesem Aufruf auch im Namen der Tausenden vietnamesischen und polnischen Arbeiter in diesem Land, im Namen der zahlreichen ausländischen Touristen, die die Schönheiten der DDR Jahr für Jahr aufsuchen und sich bislang so angenommen fühlten, wie die Deutschen in ihren Bruderländern. Freundschaft und Gastfreundlichkeit dominierten und prägten bis heute die Beziehungen.

Die jüngst beschlossenen so genannten un?-populären! Maßnahmen stellen eine tiefe Diskriminierung von uns Ausländern dar und fördern den kranken Geist von revanchistischem und neofaschistischem Gedankengut, welches inzwischen auch in diesem Land aus den verschiedensten dunklen Winkeln an die Oberfläche gekommen ist.

Wir appellieren an unsere deutschen Mitbürger, an alle denkenden Menschen, darüber nachzusinnen, wie es ihnen im umgekehrten Fall zumute wäre. Wir denken dabei auch an die Zeit, wo deutsche Touristen zum Beispiel Bleikristall zu "Schwindelkursen" aus polnischen Landen in die deutsche Heimat brachten.

Niemand verbietet den Bürgern der DDR, ca. 700 000 in diesem Jahr allein in Polen, dem Land mit den ärgsten wirtschaftlichen Problemen, Einkäufe zu tätigen; selbst bei den überaus knappen, kaum für das Inland reichenden Lebensmitteln wäre eine solche Maßnahme weder in Polen noch in anderen Ländern denkbar. Schürt sie doch den Hass auf Menschen, die "anders" sind und klammert die Möglichkeit eines friedlichen, gesunden Miteinanders im Sinne eines geeinten europäischen Hauses aus.

Das, was mit dieser Maßnahme erreicht werden sollte, nämlich der Abbau des spekulativen Handels und der damit teilweise verbundenen Verknappung von Waren, muss und darf nur über "populäre" Zollgesetze und strenge Kontrollen an den Grenzen geregelt werden. Eine solche gesetzliche Handhabung ist international üblich, diskriminiert niemanden, und wird von uns, wie von jedem denkenden Menschen akzeptiert und unterstützt.

Wir hoffen mit unseren deutschen Freunden, dass sich dieser im Umbruch befindende Staat zu einem Rechtsstaat entwickeln kann und nie wieder Machtmissbrauch betrieben wird, der sich jeder Zeit gegen jeden von uns allen richten kann!

aus: Norddeutsche Neuste Nachrichten, Nr. 289, 08.12.1989, 37. Jahrgang, Bezirkszeitung der National-Demokratischen Partei Deutschlands, Herausgeber: Präsidium des Hauptausschusses der National-Demokratischen Partei Deutschlands