DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Faschistischer Eintopf

In den letzten Tagen und Wochen sind in den DDR-Medien immer mehr Berichte über neofaschistische Aktivitäten in der DDR zu beobachten. Aber oft sehr unkonkret, - alle Antifa-Gruppen könnten z.B. detailliert über Aktivitäten, Personen, Treffpunkte und ausländische Kaitakte der Neofaschisten berichten.

Und auch kein Wort in den Medien über Verfolgung und Inhaftierung von Antifaschistinnen durch die Sicherheitsorgane noch vor einigen Monaten, z.B. in Potsdam oder über die Vertuschung der Gründung einer faschistischen Gruppe in Wolgast.

Untragbar wird die Bedienberichterstattung aber durch ihre undifferenzierte und verdummende Art und Weise. Schlimm genug, wenn das "ND" (28.12.89) scheinbar, durch einen Brief eines Red-Skin, das erste Mal etwas über verschiedene Strömungen der Skin-Bewegung gehört zu haben scheint.

Die Reaktionen auf die Sprühereien am Treptower Ehrenmal sind, so wie sie öffentlich gemacht worden sind, nicht mehr vertretbar.

Ich als radikaler Antifaschist bin gegen jede Art von Faschismus, Nationalismus, Rassismus, Sexismus. Aber gerade deshalb müssen sich alle Antifaschistinnen um differenzierte Analyse bemühen. Nicht alle Deutschland-Fahnen-Träger sind Nationalisten, geschweige denn Faschisten.

Und die Sprühereien an Treptower Ehrenmal: "Besatzer raus", "Volksgemeinschaft statt Klassenkampf", "Nationalismus für ein Europa freier Völker" und "Sprengt das letzte Völkergefängnis, sprengt die UdSSR" sind völlig untypisch für DDR-Fascho-Szene.

Damit kein Missverständnis auftritt: ich bin gegen den Inhalt der Sprühereien. Aber auch Erlebnisse im Baltikum machen klar, dass Teile der Volksfrontbewegung dort solche Sprüche unterstützen würden, ohne Faschisten zu sein.

Also vorsichtig mit voreiligen Beurteilungen. Es ist viel komplizierter. Auch ist es an der Zeit, peinliche Entwicklungen in der deutschen Geschichte öffentlich zu machen. Wieso ganze Rotfrontkämpfer-Bund-Gruppen teilweise nach 1933 zur SA übergelaufen sind und ähnliches.

Auch ist es wohl etwas makaber, dass eine Demonstration gegen Faschismus gerade am Ort des größten stalinistisch-architektonischen Monumentalbaus der DDR stattfindet.

d.t.

aus: telegraph, Nr. 1, 08.01.1990, Herausgeber: Umweltbibliothek Berlin