DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Sie sind bereits da, sind mitten unter uns. Allerorts machen Neofaschisten in der DDR mobil. Wir fragen:

Sollen die weiter Marschieren bis alles in Scherben fällt?

Dies ist mein erstes Interview, das ich mit einem Anonymus führe. Das dadurch signalisierte Sicherheitsbedürfnis lässt Schlüsse zu auf Bedrohung; ich vermute, Sie müssen sich nicht nur vor solchen Schmierereien schützen, wie sie mit der Weihnachtspost aus Berlin-Marzahn in die Redaktion kamen (siehe Faksimile rechts unten).

Seit wann arbeiten Sie auf diesem Gebiet und warum?

1981 habe ich zu Problemen krimineller Asozialität und der Wiedereingliederung zu forschen begonnen. Bei der Beschäftigung mit Gerichtsakten fiel mir zunehmend aber eine Personengruppe auf, bei der stimmte das soziale Koordinatensystem nicht: die Verurteilten waren intelligenter, gebildeter als jene, die ich bisher untersucht hatte. Auch sie waren wegen Körperverletzung angeklagt und wurden als Rowdys mit asozialer Lebensweise geführt, aber ihr Arbeitsverhalten entsprach überhaupt nicht den Hypothesen. Ich wurde also neugierig und ging dem Phänomen nach. Das war 1986.

Was fanden Sie heraus?

Nichts. Ich wurde zurückgepfiffen - an dieser Thematik war man

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nicht interessiert. Aus heutiger Sicht würde man sagen, es entsprach nicht der damaligen Sicherheitskonzeption der Führung dieses Landes. Neofaschismus hatte es in der antifaschistischen DDR nicht zu geben, und deshalb gab es diesen nicht. Das waren alles Rowdys und Asoziale.

Aber es fand doch 1987 dieser neofaschistische Exzess in der Berliner Zionskirche statt, wo dies offen zutage trat?

Deshalb kam es ja auch zu diesem Gerichtseklat. Die Akteure wurden zunächst nicht als Neofaschisten verurteilt, sondern wie üblich als Rowdys, die Ruhe und Ordnung gestört und dabei einige Punks verprügelt hatten. Die vielfachen öffentlichen Proteste deuteten aber auf anderes. In dieser Zeit fand jemand im Panzerschrank meine angefangenen Untersuchungen und ich durfte weiterforschen. Aber nach drei Monaten hatte sich, weil wieder Ruhe eingekehrt war, das Interesse daran gelegt.

Auch Ihr eigenes?

Nein, natürlich nicht. Ich versuchte auf eigene Faust weiterzumachen. Ich fand einen Konsens mit der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft. Wolfgang Herger, damals Leiter der Abteilung Sicherheit im ZK der SED förderte solche Forschungen - aber über sich hatte er keinen, der ihn unterstützte. Wir hatten also nicht nur Gegner rechts außen. Im Dezember 1988 wurden mir alle Arbeitsmöglichkeiten wieder entzogen.

Wer hatte dies angeordnet?

Das weiß ich bis heute nicht.

Weshalb, glauben Sie, stellte sich die Führung dieses antifaschistischen Staates DDR auf dem rechten Auge blind?

Es passte nicht in eine Landschaft, in der der Faschismus mit Stumpf und Stiel als ausgerottet galt. Das stimmte ja auch hinsichtlich der sozialökonomischen Grundlagen. Aber die Ideologie ist doch nicht nur das, was in Schulbüchern steht oder von der Propaganda verbreitet wird. Im Gedächtnis eines Volkes wird nicht nur das Humane und Demokratische aufbewahrt, sondern auch das Negative. Eine faschistoide Strömung, denke ich, blieb immer vorhanden. Unter bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen kann dies schlagartig zum aktuellen Problem werden. Eine solche Situation haben wir heute. Anfang '88 gab es in der DDR vielleicht rund 1 000 organisierte Neofaschisten, ich weiß es nicht genau. Heute sind es viel mehr, nicht gerechnet die Schar ihrer Sympathisanten.

Wie lassen sich die feststellen oder erfassen?

Es gibt zwei auffällige Tendenzen, die miteinander verflochten sind. Auch wenn diese Verbindung noch nicht nachgewiesen werden konnte existiert sie. Da ist einmal ein Teil der Skinheads, die lautstark und brutal in Erscheinung treten und darum auch gerichtsnotorisch sind - zu dieser Gruppe konnte ich for-

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schen. Und da sind jene unauffälligen Faschos, die ordentlich arbeiten und lernen. Sie sind das gefährlichere Potential. Ich weiß nicht, ob dort jemand strategisch denkt und plant. Ich sehe nur die Entwicklungsprozesse, die sich logisch vollziehen. Ende '88 beispielsweise tauchten erstmals Absichtserklärungen von Straftätern auf, sich den damaligen Blockparteien anzuschließen. In den Jahren zuvor hatte dies nie einer geäußert.

Ich, will das Problem nicht herunterspielen, aber die Zahl von einigen tausend ist doch keine gesellschaftlich relevante Größe.

Sagen Sie das nicht. Es geht weniger um die Zahl, sondern mehr um Ausstrahlung, Wirkung. Wenige fanatisierte Personen sind durchaus in der Lage, Hunderte Menschen in einer Demonstration in eine Pogromstimmung zu versetzten. Haben Sie Leipzig oder Dresden nicht registriert?

Doch. - In der von Ihnen erarbeiteten Studie zu den "Ursachen des Entstehens, des politischen Wesens und der Ausbreitung rechtsradikaler, neonazistischer Gruppierung in der DDR von 1986 - Oktober 1989" heißt es u. a., dass Perspektivlosigkeit und Opportunismus diese Jugendlichen geprägt hätten. Auseinandersetzungen zu sie bewegenden Fragen hätten nicht stattgefunden. "Bevorzugte Reaktionsmuster waren Beschwichtigungsversuche und Heuchelei, die bis Oktober 1989 durch die Berichterstattung der Medien noch eine Steigerung erfuhren. Diese Reaktionsmuster wirkten als Verstärker der sich artikulierenden Protesthaltung. In diesem Protest ist die Suche nach Idealen und lebendigen Vorbildern integriert". Also gibt es bei uns doch den hausgemachten Faschismus?

Ja und nein. Die vergebliche Suche nach Idealen und lebendigen Vorbildern erzeugte Bereitschaft, fast jedes Ersatzangebot zu akzeptieren, wenn es die Bedingungen erfüllte, konträr zur kritisierten gesellschaftlichen Realität zu liegen. Punks, Skins, Gruftis und andere "Aussteiger" hatten da schon Anleihen von drüben.

Aus weichen Kreisen rekrutieren sich aber die Neonazis?

Sie kommen aus allen Klassen und Schichten. Bildungsweg und Qualifikation, Familie der Eltern und allgemeine Lebensumstände entsprechen dem Querschnitt dessen, was allgemein in unserer Gesellschaft anzutreffen ist. Ein Viertel stammt aus der Intelligenz, die Hälfte aus Arbeiterfamilien, das Alter der Aktiven und gerichtsnotorisch Erfassten bewegt sich hauptsächlich zwischen 18 und 26, und jeder zweite arbeitete in der Industrie und im Bauwesen. Rund drei Viertel der von mir erfassten Personen wurden von ihren Arbeitskollektiven als geachtete Mitglieder eingeschätzt. Ein Teil von ihnen hatte Wahlfunktionen in der FDJ oder im FDGB.

Waren es alles nur junge Männer?

Ja, Frauen sind eine Minorität. Meist treten sie auch nur als Zeugen zugunsten der Beschuldigten in Erscheinung Allerdings ist feststellbar, dass der durch weibliche Personen erbrachte Umfang an Unter-

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stützung für Skinheads und Fascho-Gruppierungen während der letzten drei Jahre größer war als angenommen.

Als Beobachter von Prozessen gegen Skinheads fiel mir auf, dass die sogenannten preußischen Tugenden, wie Fleiß, Ordnung, Disziplin, wesentliche Lebensmaximen der Angeklagten waren.

Das trifft zu. Die Überzeugung von der Notwendigkeit fleißiger und disziplinierter Arbeit einte die meisten, und es gab keine Kritik ihrer Arbeitshaltung in ihren jeweiligen Kollektiven. Punks und Ausländer waren bei den meisten der Inbegriff von Schlamperei, Unordnung und Schmutz. Auf sie richtete sich ihr Hass. Damit umgingen sie die Auseinandersetzungen mit Kollegen, bei denen die von ihnen kritisierten Verhaltensweisen auch anzutreffen waren. So blieb der Konsens zwischen den sich neofaschistisch orientierenden Kollegen und dem Arbeitskollektiv erhalten, die Aggressivität wurde aber auf bestimmte Zielgruppen gerichtet - und das war (und ist) sogar mit Zustimmung verbunden.

Das Verhältnis zur Arbeit hat also einen zentralen Stellenwert in der Skinhead und Fascho-Szene, darum finden wohl auch die registrierfähigen Aktionen der Szene dort und nicht mehr auf der Straße statt. Und wieso erfolgt dort keine Auseinandersetzung?

In vielen Arbeitskollektiven herrscht in der Regel ideologische Neutralität, und die genannten Tugenden werden allgemein geschätzt Nur dort, wo man sich auch mit dem Weltbild des Kollegen Neonazi beschäftigt, wird er ausgegrenzt und gilt als "Eigenbrötler". Die analytische Behandlung des Problems "Kollektivbeziehungen" legt das politische Wesen des Skinhead-Fascho-Problems offen. Hier, denke ich, müssen wir auch ansetzen.

Ihrem Wesen nach sind Skinhead und Fascho-Gruppierungen also eine Form der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen System in unserem Land. Ist es aber auch ein DDR-spezifisches Problem?

Nein. Analoge Erscheinungen werden auch aus anderen sozialistischen Ländern signalisiert. Wir haben es bei uns lediglich mit einer DDR-spezifischen Modifikation eines allgemeinen Problems der Auseinandersetzung mit Sozialismus und Demokratie zu tun. Der im September 1989 erreichte Entwicklungsstand in den am weitesten fortgeschrittenen Bereichen der Gruppierungen zeigt an, dass es weniger um ein Problem der klassischen Kriminalität, sondern mehr um ein politisches Problem geht, das mit kriminellen Randerscheinungen verkoppelt ist.

Und wie sieht es mit Verbindungen zu den "Republikanern", zur FAP, NPD und anderen neofaschistischen BRD-Organisationen aus?

Die sind vorhanden; seit '88 sind deren Materialien hier verstärkt in Umlauf. Es gibt verschiedene Formen der Kontakte - z. B. zu ausgereisten DDR-Bürgern, die früher selbst zu Skinheadgruppen gehörten, Kontaktadressen in der BRD und in Westberlin oder direkte Kontakte zu eingereisten ausländischen Bürgern. In einer bestimmten Berliner Kneipe trafen sich an manchen Abenden bis zu 25 Westberliner aus der Skinhead- bzw. Fascho-Szene mit Partnern von hier.

Wie soll es nun weitergehen?

Wir brauchen Öffentlichkeit. Über dieses Problem muss in aller Deutlichkeit und Schärfe informiert werden, damit sich jeder damit auseinandersetzen kann. Es ist gut, wenn allerorts "Nazis raus!" gerufen wird - aber das genügt nicht, weil es das soziale politische Problem nicht löst. Wir brauchen Aufklärung und aktive Auseinandersetzung mit allen offenen und verdeckten Erscheinungen des Neofaschismus, anderenfalls - wenn er weiter verharmlost wird - werden wir nicht nur junge Leute in eine Entfremdung vom sinnerfüllten Leben rennen lassen, sondern um unsere Zukunft zu fürchten haben.

(Das Gespräch führte
F(...) S(...))

aus: Junge Welt, Nr. 304B, 28.12.1989, 43. Jahrgang, Organ des Zentralrats der FDJ

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