DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Faschisten sind das Produkt der DDR-Gesellschaft

Rechtsradikalismus ist auch für DDR-Jugendliche attraktiv geworden / Die Kleinbürger sind von den arbeitsamen, "ordentlichen" Jugendlichen begeistert / Das DDR-Gesellschaftssystem fordert Anpassung und Duckmäusertum

Lange Zeit schien es undenkbar, dass junge Menschen, die in der DDR groß geworden sind, zu Trägern faschistischen Gedankenguts werden könnten. Heute ist es augenfällig. Auch bei uns wurden und werden Ausländer brutal von Skinheads zusammengeschlagen, wurden jüdische Friedhöfe geschändet, wurde von Oberschülern Hitlers 100. Geburtstag gefeiert. Punks und Farbige sind die bevorzugten Opfer der neuen Faschisten.

Seit 1987 hat es mehrfach Prozesse wegen rechtsradikaler Verbrechen gegeben. Häufig wurde dabei der Tatbestand als "Rowdytum" verharmlost, der politische Hintergrund heruntergespielt. Skinheads wurden als Opfer westlicher Verführung hingestellt.

Neben den durch ihre Militanz auffälligen Skinheads gibt es junge Leute, die sich selbst Faschos nennen. Sie sind die eigentlichen Träger faschistischer Anschauungen. Nach außen hin sind sie eher unauffällig, erscheinen angepasst, sind gute Arbeiter. Sie treffen sich streng konspirativ, in geschlossenen Zirkeln, denn das Äußern von faschistischen Gedanken steht in der DDR unter Strafe. Gesicherte Aussagen über ihre Ideologie und politische Zielstellung sind kaum möglich; man kann nur aus Indizien auf Inhalte schließen.

Skinheads und Faschos gemeinsam ist, dass sie ihre Identität aus dem Prinzip der Gewalt beziehen. Nicht Demokratie oder gar Gewaltfreiheit, nicht die Ideale des Christentums oder des Sozialismus werden als gesellschaftstragende Werte verstanden, sondern allein das Recht des Starken, des Herrenmenschen. Deutlicher als Skinheads beziehen sich die Faschos auf nationalsozialistische Gedanken und Traditionen. In der Beseitigung der sozialistischen Gesellschaft und im Kampf um ein vereintes Großdeutschland in den Grenzen von 1938 sehen sie ihr Wirkungsfeld.

Rechtsradikales Gedankengut erfreut sich allgemein einer zunehmenden Akzeptanz. Ich denke, das hängt mit den Werten zusammen, die von den Faschos gelebt werden. Dem unpolitischen Betrachter, dem Kleinbürger zumal, erscheinen sie als arbeitsame, ordentliche, disziplinierte junge Mitbürger. Die Rechten selbst sind stolz darauf, Ideale zu haben. Ein Elitebewusstsein wird regelrecht antrainiert. Soldatische Werte werden kultiviert, der Kameradschaftsgeist der faschistischen Wehrmacht beschworen. Verurteilte Gewalttäter werden zu Helden hochstilisiert.

Auch wenn sich der Rechtsradikalismus hier und in der DDR in manchem erschreckend ähnlich ist, in einem unterscheidet sich die Situation grundlegend. In der DDR ist es weder alten noch neuen Faschisten möglich, sich politisch zu formieren. Rechtsradikale Parteien oder SS-Traditionsverbände sind bei uns undenkbar. Und auch darin unterscheiden wir uns: In der DDR sind faschistische Täter und Mitläufer konsequent bestraft und geächtet worden. Tausende Naziverbrecher wurden verurteilt und haben ihre Strafe auch tatsächlich verbüßt. Faschistische Beamte, Richter und Lehrer wurden aus öffentlichen Ämtern entfernt.

All das sagt nichts über die psychische, die moralische Verfassung der Deutschen in unserem Land aus. Das übermenschliche Maß der Schuld wie der Scham hat nach der Befreiung eine wirkliche Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit erschwert. Die Verbrecher wurden bestraft. Die Millionen Mitläufer aber, die durch schweigende Zustimmung schuldig geworden waren, blieben weiter zum Schweigen verurteilt. Ihnen wurde die Gnade der Reue verweigert. Von Kirche und Gesellschaft wurde ihnen ungenügend geholfen.

Die Deutschen, hier wie dort, sind zu schnell zur Tagesordnung der neuen Ordnung übergegangen. Scham und Reue wurden auch dadurch behindert, dass dem verkündeten humanistischen Anspruch der Antifaschisten alsbald der stalinistische Terror der Nachkriegsjahre entgegenstand. Das diskreditierte bei vielen, die sich schuldig wussten, die antifaschistische Idee und den antifaschistischen Staat. Die aufkeimende Bereitschaft zur Umkehr schlug um in einen neuen, jedoch in der tiefsten Seele verborgen gehaltenen Fanatismus. Die braunen Bücher und die Schellackplatten mit den strammen Liedern landeten nicht auf dem Müll, sondern wurden in finsteren Kellerecken konserviert. In den Köpfen blieben sie gegenwärtig. Nun wird der braune Staffetenstab an die Enkel weitergereicht.

Den Zulauf, den die Rechten aus der Jugend haben, aber erklärt das nicht. Das ist, denke ich, allein aus der Gegenwart heraus zu verstehen. Faschistische Traditionslinien finden sich auch in unserem Deutschland. Selbst bei denen, die eine ehrliche Umkehr vollzogen haben, blieben im Unter- und Unbewussten Spuren des Dritten Reiches. Unsere Alltagskultur wurde nicht völlig entnazifiziert: Nicht das Individuum, das Einmalige, steht zuoberst auf der Wertskala, sondern die Masse, das Allgemeine. Nicht Widerspruch und Kritik sind wirklich geschätzt, sondern Anpassung und Konvention.

Auch unser Staat nimmt für sich das Prinzip der Gewalt in Anspruch, anerkennt und praktiziert es. Immer wieder wurden und werden Konflikte gewaltsam gelöst: Kritiker werden ausgebürgert, Andersdenkende eingesperrt, Bücher und Zeitungen sanktioniert. Die Mauer endlich ist die vollendete Materialisierung des Prinzips Gewalt. All das ist nicht Faschismus. Aber die grundsätzliche Bejahung von Gewalt und der Mangel an demokratischer Kultur haben den Propagandisten der neuen Rechten den Boden bereitet. Hinzu kommt, dass das Nationalgefühl der Deutschen in der DDR gestört ist. Unter dem Eindruck der deutschen Teilung wurden lange alle nationalen Gedanken und Gefühle unterdrückt. Bis in die jüngste Vergangenheit hinein wurde das Wort "Deutschland" krampfhaft gemieden.

Die künstliche Konstruktion einer "sozialistischen Nation" ist niemals wirklich angenommen worden. Die verbreitete Hinwendung zu kleinbürgerlichen Werten und Lebensformen, das Wohlstandsdenken, die Flucht aus dem gesellschaftlichen ins private Sein hat auch in der DDR die Anfälligkeit für die simplen Rezepte der Rechten erhöht. Ein Gemeinwesen, dessen Bürger dauernd etwas anderes sagen als sie denken, die dauernd etwas anderes tun als sie wollen, die dauernd etwas anderes scheinen als sie sind, ist geschwächt und empfänglich für Radikalismen jeder Art. Junge Menschen, die in unserem Land aufwachsen, sind von Kindheit an diesen sozialen Defekten ausgesetzt. Wir müssen begreifen, so schmerzlich es auch sein mag: Diese jungen Faschisten sind das Produkt unserer Gesellschaft. (...)

In Zukunft wird es darauf ankommen, dem Rechtsradikalismus die schillernde Verführungskraft zu nehmen und jungen Menschen Alternativen zu bieten. Nur wahrhafte Demokratie kann auf Dauer die Jugend unseres Landes gegen faschistisches Gedankengut immunisieren.

Konrad Weiß

(Ein Beitrag des DDR-Filmemachers zum Westberliner Kirchentag 1989.)

aus: taz-Berlin Nr. 2896 vom 29.08.1989

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