DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Flugblatt der Antifa Berlin (13.2.90):

Nazis in der DDR?

In den letzten Tagen ist immer wieder von der wachsenden Gefahr von "Rechts" zu hören und zu lesen und dass diese "natürlich" vom Westen ausgehe. Und dann wird davon geschwatzt, dass diese "Erscheinung" natürlich "nur" wirksam bekämpft werden kann, wenn ein Amt für Verfassungsschutz in der DDR errichtet wird. Dies alles ist unwahr. Dazu einige Fakten. So gibt es eine öffentlich wahrnehmbare Neonazi-Szene in der DDR bereits seit Anfang der achtziger Jahre. Hierbei handelt es sich um einen Teil der Skinheadbewegung, der durch nationalistisches, bzw. faschistisches Gedankengut beeinflusst wird. Sie beschränken sich hauptsächlich auf militante Ausschreitungen gegen "gegnerische" Fußballfans, Ausländer, Punks, Grufties usw. Eine Organisierung erfolgte nur teilweise, regional, in kleineren Grüppchen, mit nur geringem Krantakt zu anderen. Sie wundere durch die Öffentlichkeit nur schwach wahrgenommen, sowie von Staat und Medien vertuscht. Als im Herbst 1987 Nazi-Skins die Ostberliner Zionskirche überfielen, kam mann/frau seitens des Staates nicht mehr um das Problem herum. Nach einigen Wochen, nachdem der größte Teil der Skins längst wieder in der grauen Masse der Bevölkerung untergetaucht waren, präsentierte man plötzlich acht Personen, die als angebliche Hauptschuldige verurteilt wurden. In der Folgezeit wurden einige halbherzige administrative Maßnahmen eingeleitet, hin und wieder einig Skins zu Haftstrafen verurteilt, aber im Großen und Ganzen wurde dieses Thema wieder zum Einschlafen gebracht. Alle Bemühungen von Antifas, dem entgegen zu wirken, wurden massiv von Stasi und Medien behindert. Erst seit dem politischen Umschwung, ist es den Antifas möglich, öffentlich und ungehindert aufzutreten.

Jedoch sind Nazi-Skins nur die Spitze des Eisbergs. Viel gefährlicher sind die faschistischen Untergrundorganisationen, was anfangs auch unabhängigen Antifa-Gruppen nicht deutlich war, jedoch in letzter Zeit immer deutlicher wurde. Hier nur einige Beispiele:

- Bereits, lange vor der "Werde", wurden in der DDR Tochterorganisationen der westdeutschen, neofaschistischen FAP sowie der nationalrevolutionären Nationale Front gegründet. Ein allen größeren Städten gibt es sogenannte "Ortsgruppen" von ca. acht bis zehn Personen. Diese Gruppen stehen über Kontaktleute in Verbindung und sind nach dem Schneeballprinzip innerhalb von Stunden mobilisierbar.

- Bereits vor der "Wende" bildeten sich Ortsverbände der Republikaner. Es handelt sich derzeit um ca. fünfzehn Verbände. Nach vertraulichen Informationen soll der Verband Berlin-Marzahn ca. 800 und der Verband Berlin-Lichtenberg ca. 300 Mitglieder umfassen.

- Der Fan-Anhang des Fußball Klubs BFC Dynamo besitzt einen harten Nazi-Skinkern von ca. zweihundert Personen. Es bestehen teilweise enge Kontakte zum harten Kern des Herta BSC-Anhangs.

Eine derartige Spezifizierung wird von den Parteien und Organisationen nicht vorgenommen. Es wird eine Einheitssoße produziert. Zum einen durch die PDS, da sie pauschal mit dem Ruf nach Einheitsfront gegen Rechts und Verfassungsschutz Wahlkampf betreibt, sowie oppositionelle Gruppen wie z.B. Demokratischer Aufbruch, SPD, DSU/CDU, die hauptsächlich im Süden der DDR die Bevölkerung gegen Vereinigte Linke und Antifas aufhetzt, indem sie behaupten, sie wären nur Spitzelorganisationen der Stasi und der PDS. Das Thema Faschismus sei nur Lügen- und Wahlpropaganda der Kommunisten. Es ist bitter nötig, endlich eine umfangreiche, intensive Vergangenheitsbewältigung, öffentlich und unter denn Menschen in unserem Land durchzuführen. Es ist an der Zeit, Ursachenforschung und -beseitigung zu betreiben. Dies kann nur unter Beteiligung der Jugendlichen, vor allem aber mit diesen, die bereits ins faschistische Lager gerutscht sind oder damit sympathisieren, geschehen. Es kommt darauf an, eine demokratische, solidarische Gesellschaftsform zu schaffen, die faschistischen, nationalistischen und vor allem ausländerfeindlichen Gedankengut den Boden entzieht.

ES IST ZEIT SICH ZU WEHREN
ES IST ZEIT FÜR DIE ANTIFASCHISTISCHE SELBSTHILFE
ES IST ZEIT FÜR ANTIFA-GRUPPEN

Wenn Ihr Fragen an uns habt: Autonome Antifa Berlin/Hauptstadt, Kirche von Unten, Elisabethkirchstr. 21, Berlin 1040 / Antifa-Café: dort, jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat 15 Uhr

aus: telegraph, Nr. 4, 22. Februar 1990, Herausgeber: Umweltbibliothek Berlin

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