DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Erklärung des Präsidiums der Akademie der Wissenschaften

Die Erneuerung des Sozialismus in der DDR fördern wir mit aller Kraft

(ND). Das Präsidium der Akademie der Wissenschaften der DDR verabschiedete eine Erklärung, die auf einer Pressekonferenz am Dienstag in Berlin der Öffentlichkeit übergeben wurde. Sie hat folgenden Wortlaut:

Die in unserem Land eingeleitete Wende begrüßen und unterstützen wir nachdrücklich. Wir verstehen sie als Aufbruch zu, neuen Horizonten gesellschaftlicher Aktivität und betrachten es als selbstverständliche Pflicht, uns mit allen Kräften dafür einzusetzen, dass die Erneuerung des Sozialismus in unserem Land gefördert und unumkehrbar gemacht wird. Wir bekennen uns zur engagierten Suche nach neuen gesellschaftlichen Lösungen, zum offenen Streit der Meinungen und zu verantwortungsbewusster, disziplinierter Arbeit als Weg aus der kritischen Situation.

I. Die Fehlentwicklungen, die zu dieser Situation geführt haben, bedürfen einer gründlichen Analyse, die Irrtümer und Versagen offenlegt, Verantwortlichkeiten benennt und daraus die notwendigen Konsequenzen zieht. Von der bevorstehenden 10: Tagung des Zentralkomitees der SED erwarten wir dazu einen wesentlichen Beitrag. Wir sind uns bewusst, dass die Neubewertung unserer bisherigen Entwicklung eine Aufgabe von grundsätzlicher Bedeutung ist, die auch an die Wissenschaft hohe Anforderungen stellt und nicht in wenigen Wochen bewältigt werden kann. Sie muss konsequent gelöst werden, um die Krise überwinden, eine erneuerte Gesellschaftsstrategie des modernen Sozialismus in der DDR ausarbeiten und Mechanismen schaffen zu können, die eine Wiederholung der begangenen Fehler zuverlässig ausschließt. Das ist nicht ohne geistige Erneuerung zu erreichen, die ein Kernstück der Umgestaltung bildet.

Kritisches Nachdenken über die Grundwerte des Sozialismus ist unerlässlich, um zu einer neuen gesellschaftlichen Identität zu finden. Die Gesellschaft braucht Klarheit darüber, auf welchen Ebenen und in welcher Reihenfolge grundsätzliche Veränderungen vorgenommen werden müssen und welche Ergebnisse unserer bisherigen Arbeit wir in den Prozess der Erneuerung mitnehmen können.

Wir erklären uns

- für die konsequente Weiterführung der wissenschaftlich-technischen Revolution auf einem Niveau, das alle Vorzüge der internationalen, Zusammenarbeit und Arbeitsteilung nutzt und auf eine höhere Lebens- und Umweltqualität gerichtet ist;

- für die Entwicklung und Anwendung von Hochtechnologien bei grundlegend verbesserter Einhaltung der volkswirtschaftlichen Proportionalität und raschem Ausbau der vernachlässigten Infrastruktur;

- für eine von Gängelei und Formalismus befreite Planung, die Zielstrebigkeit mit Flexibilität verbindet und Raum für Eigenverantwortung und schöpferische Initiative gewährt;

- für eine Preisgestaltung, die den realen Aufwand für alle Leistungen durchschaubar macht und den sparsamen Umgang mit Ressourcen aller Art fördert;

- für eine gerechte Leistungsbewertung in allen Bereichen der Gesellschaft, die von niemand umgangen werden kann, bei gleichzeitiger Gewährleistung sozialer Sicherheit für alle.

Die Ausübung leitender Funktionen in Politik und Staat sollte künftig grundsätzlich auf zwei aufeinanderfolgende Wahl- bzw. Berufungsperioden begrenzt werden. Bei der Besetzung von Ämtern und Funktionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Volksbildung, Gesundheitswesen usw. sollten Sachkompetenz und Führungsqualitäten, moralische Integrität und Verbundenheit mit dem Sozialismus, nicht Parteizugehörigkeit das entscheidende Kriterium bilden. Für alle Wahlfunktionen sollte die Wahl als Auswahl verstanden werden und geheim erfolgen.

Durch langjährige Gewohnheit haben sich Verhaltensweisen der Anpassung an autoritär vorgegebene Ansichten, der Resignation und des Taktierens herausgebildet. Die Kultur des Meinungsstreites hat erheblichen Schaden genommen. Leitende Kader müssen lernen. Auffassungen ernsthaft zu prüfen, die ihrer eigenen Meinung entgegengesetzt sind. Wir müssen uns wieder daran gewöhnen, andere Ansichten nicht ungeprüft zu verwerfen oder gar als Angriff auf die eigene Person aufzufassen. Eine freimütiger Kritik bei gegenseitiger Achtung der Partner, wie sie auch den traditionellen Werten der Wissenschaft entspricht, ist für unsere ganze Gesellschaft notwendig. Dazu muss die junge Generation herangebildet und ermutigt werden. Wir sind der Ansicht, dass das Bildungswesen seinen großen Aufgaben bei der Erneuerung unserer sozialistischen Gesellschaft nur dann gerecht werden kann, wenn es sich selbst erneuert.

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands und die Regierung der DDR müssen durch eine Strategie, die den gemeinsamen Grundinteressen aller gesellschaftlichen Kräfte entspricht, das Vertrauen der Bürger wiedergewinnen. Wir sehen uns in der Pflicht, mit unserem Sachverstand und unserer Kritikfähigkeit dazu beizutragen.

II. Die Zukunft der DDR, ihre ständige geistige und materielle Erneuerung, hängt wie die jeder modernen Gesellschaft entscheidend vom Leistungsvermögen der Wissenschaft ab. Die Entwicklung der Wissenschaft und die Nutzung ihrer Resultate ist eine Aufgabe von höchster strategischer Priorität. Der gesellschaftliche Rang der Wissenschaft in unserem Land muss spürbar erhöht werden. Vertrauen zur Wissenschaft, das sich in ihren Entwicklungsbedingungen objektiv ausdrückt, ein weiter Raum für ihre eigenverantwortliche Gestaltung und gewissenhafte Wahrnehmung ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gehören untrennbar zusammen.

Von größter Bedeutung ist der Einsatz unseres wissenschaftlichen Leistungsvermögens zur Erarbeitung und Verwirklichung einer erneuerten Gesellschaftsstrategie, in die eine neu zu konzipierende Wissenschaftsstrategie einbezogen sein muss. Die bisherigen Arbeiten zu langfristigen Forschungskonzeptionen, die erarbeiteten Studien, Expertisen und Empfehlungen zu verschiedenen Seiten unseres gesellschaftlichen Lebens bilden dafür einen wesentlichen Anknüpfungspunkt. In politischen und volkswirtschaftlichen Entscheidungen sind sie nicht gebührend berücksichtigt worden.

Andererseits verfügen wir nicht zu allen drängenden gesellschaftlichen Problemen und ihrem wechselseitigen über ausreichenden wissenschaftlichen Vorlauf. Die Analyse der gegenwärtigen Lage muss daher auch zu Neuorientierungen in der Forschung führen. Die Wissenschaft ist gefordert, alternative Möglichkeiten der Entwicklung für die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche zu erkunden, Entscheidungsgrundlagen vorzubereiten und der öffentlichen Diskussion vorzulegen. Dazu bedarf es des freien Zugangs zu allen relevanten Daten. Von der politischen Praxis erwarten wir, dass sie diese Leistungen der Wissenschaft umfassend in Anspruch nimmt und von ihr abfordert. Die zahlreichen in den gegenwärtigen Diskussionen geäußerten Vorschläge bedürfen einer nüchternen wissenschaftlichen Prüfung auf Realisierbarkeit und Verträglichkeit.

Die Gesellschaftswissenschaften stehen dabei in einer besonderen Verantwortung. Es ist dringend erforderlich, sie weitaus stärker in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen, so in die Ausarbeitung von Varianten und Alternativen der Wirtschaftsstrategie, von Voraussetzungen, Möglichkeiten und Wegen der Sozialpolitik, von Vorschlägen für die Veränderung der politischen Organisation für, die Weiterentwicklung der sozialistischen Demokratie, für die sozialistische Rechtsstaatlichkeit, für die Ausbildung eines problemorientierten, kritischen und mobilisierenden Geschichts- und Gesellschaftsverständnisses, für das geistige Klima überhaupt.

Insgesamt gilt es, unter Auswertung der internationalen Erfahrungen und Debatten die Sozialismuskonzeption durch interdisziplinäre Anstrengungen von Wissenschaftlern aller - Disziplinen auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Mit dieser Konzeption, die die Gestaltung unseres Verhältnisses zur Technik und vor allem auch zur Natur einbezieht, müssen wir ein wesentlich höheres Niveau ganzheitlichen, auf die globalen Probleme der Menschheit und deren progressive Lösung bezogenen Denkens erreichen.

Ein wesentliches Teilziel des gesellschaftlichen Erneuerungsprozesses sollte darin bestehen, ein starkes Interesse an der Einführung wissenschaftlich fundierter Innovationen in allen Sphären der Praxis herauszubilden. Vom erreichten Stand ausgehend. kommt es darauf an, die Zusammenarbeit der wissenschaftlichen Einrichtungen mit der Industrie und anderen Praxispartnern überall auf ein längerfristiges, stabiles, gemeinsam konzipiertes Fundament zu stellen, und zugleich höchstmögliche Flexibilität zu gewährleisten. Entscheidende Fortschritte verlangen die Veränderung der ökonomischen Rahmenbedingungen und den Übergang zu unbürokratischen, Eigenverantwortung, Initiative und Risikobereitschaft fördernden Planungs- und Bewertungsformen. Ein ungerechtfertigt freigebiger Umgang mit dem Prädikat "Spitzenleistung" verzerrt die Leistungsmaßstäbe. Wir wenden uns entschieden dagegen, mit hohem Aufwand Prestige- und Vorzeigeergebnisse zu schaffen und dafür große Potentiale von wissenschaftlich und volkswirtschaftlich wichtigen Aufgaben abzuziehen.

Für die Wissenschaft müssen strenge Effektivitätsmaßstäbe gelten, die auf den internationalen Höchststand bezogen sind. Das Messen und die Bewährung der eigenen Leistungen im internationalen Niveau bilden in der Wissenschaft die wirksamste Form des Wettbewerbs, neben der gesonderte Wettbewerbsprogramme keinen Platz haben. Der internationale Austausch in der Wissenschaft verdient jegliche Förderung. Vor allem den jungen Mitarbeitern müssen Möglichkeiten gegeben werden, an den internationalen Zentren der Wissenschaft Erfahrungen zu sammeln. Administrative Hemmnisse wie die Beeinträchtigung der Kommunikationsmöglichkeiten und der Reisekaderstatus müssen unverzüglich beseitigt werden.

Wir schlagen vor, in der Volkskammer als dem höchsten Organ der Staatsmacht einen Ausschuss für Wissenschaft zu bilden, um der Vertretung der Interessen der Wissenschaft einen ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entsprechenden Rang zu geben und zugleich ihren Empfehlungen für die Gestaltung der Politik unseres Staates Nachdruck zu verleihen. In diesem Zusammenhang sind die Funktionen des Forschungsrates, wissenschaftsleitender Organe und wissenschaftsberatender Gremien kritisch zu analysieren und neu zu bestimmen. - Dabei muss das Ziel verfolgt werden, die Zahl der wissenschaftlichen Beratungsgremien zu reduzieren. ihre Kompetenz aber zu erhöhen.

III. Der Stellenwert der in der Akademie konzentrierten Grundlagenforschung Innerhalb unserer Wissenschaftsstrategie muss entschieden erhöht werden. Damit die Akademie den Erwartungen unserer Gesellschaft gerecht werden kann, braucht sie mehr Eigenverantwortung und umfassendere Kompetenzen, ohne durch einengende Planvorgaben, Vorschriften und Eingriffe der Partei und staatlicher Organe behindert zu sein.

Die Akademie der Wissenschaften der DDR stellt sich der Aufgabe, den zur Diagnose, Analyse und Lösung von Grundproblemen unserer gesellschaftlichen Entwicklung erforderlichen Erkenntnisvorrat zu schaffen. Nicht zu allen der schwerwiegenden Probleme, deren Zusammenballung den Ernst der gegenwärtigen Situation bestimmt, hat sie das schon in ausreichendem Maße getan. In anderen Fällen hat sie ihre Stimme nicht energisch und hartnäckig genug erhoben, um seit längerem notwendige Veränderungen durchzusetzen. Mitunter hat sie auch ungerechtfertigte Forderungen wider besseres Wissen akzeptiert. Ihre Empfehlungen und ihre Hinweise auf besorgniserregende Tendenzen fanden in der Führung des Staates und der SED nicht die notwendige Beachtung.

Wir erklären ausdrücklich, dass die Akademie die Teilnahme an der Konsensbildung in der Gesellschaft über Ziele und Wege beansprucht. Die Akademie erwartet, dass auf ihre mit wissenschaftlichem Sachverstand erarbeiteten Vorschläge eine ernsthafte Reaktion erfolgt. Die Grundgedanken der zahlreichen Analysen und Empfehlungen für die künftige gesellschaftliche Entwicklung, die seit Anfang dieses Jahres an der Akademie erarbeitet worden sind, werden umgehend öffentlich zur Diskussion gestellt. Die großen Linien der Arbeit der Akademie müssen für die Öffentlichkeit durchschaubar und kontrollierbar sein.

In den Arbeitskollektiven der Akademieinstitute ist um alle Fragen der gesellschaftlichen Erneuerung in der DDR eine leidenschaftliche Diskussion entbrannt, in der auch die Tätigkeit der Akademie und ihrer Leitung kritisch bewertet wird. Viele Ideen werden entwickelt, zahlreiche Vorschläge werden unterbreitet. Wir sind fest entschlossen, den administrativen Aufwand zugunsten der Forschung zu senken, Verkrustungen in unserer Arbeit zu überwinden und die Freiräume für schöpferisches Forschen entschieden zu erweitern. Vieles können wir aus eigener Kraft tun - dazu gehören beispielsweise die Beseitigung von unzeitgemäßen Vorschriften im Wissenschaftsbetrieb, die Durchsetzung vereinfachter Planungsformen, die konsequentere Förderung begabter junger Wissenschaftler, mehr Selbständigkeit für die Institute, größere Flexibilität der Organisation des Akademiepotentials, eine entwickelte demokratische Kultur des Umgangs zwischen Leitern und Mitarbeitern mit einer wirksamen Kontrolle von unten.

Überdies gibt es Fragen der Verbesserung unserer Arbeit, zu deren Lösung wir gesetzliche Regelungen und staatliche Entscheidungen benötigen. Die Vertraulichkeitsstufen für die Forschung sind auf das unerlässliche Minimum zu reduzieren. Die Möglichkeiten der Institute, sich von für die Forschung ungenügend befähigten Mitarbeitern zu trennen, sind wesentlich zu verbessern. Es müssen dynamische Formen des Zusammenwirkens und des Kaderaustausches zwischen Akademie, Hochschulwesen sowie anderen gesellschaftlichen Bereichen praktiziert und materiell sichergestellt werden. Vordringlich ist die rasche Überwindung des unvertretbaren Rückstandes in der materiell-technischen Ausstattung der Institute, der von der Überalterung der hochspezialisierten Forschungstechnik bis zu erheblichen Mängeln in den elementaren materiellen Bedingungen des Forschungsbetriebes reicht. Drastisch gesenkt werden muss der organisatorische Aufwand für die Beschaffung von Forschungsmitteln. Die der Akademie übertragenen Fonds müssen rechtsverbindlich und einklagbar sein. Die unumgängliche Anhebung des gesellschaftlichen Status der Grundlagenforschung muss es für die begabtesten Wissenschaftler wieder attraktiv machen, mit strengen Leistungsansprüchen an sich selbst auf diesem Gebiet zu arbeiten.

Unsere Wortmeldung ist aus einem Prozess heraus entstanden, der täglich neue Einsichten hervorbringt. Viele weitere Fragen sind in der Diskussion. Angesprochen fühlen sich auch die Mitglieder der Akademie, die diese Fragen im Plenum weiter beraten werden, sowie die Mitarbeiter der Institute und Einrichtungen. Wir begrüßen es, dass die Öffentlichkeit unseres Landes sich an dieser Diskussion beteiligt.

Berlin, den 31. 10. 1989

aus: Neues Deutschland, Jahrgang 44, Ausgabe 257, 01.11.1989, Sozialistische Tageszeitung. Die Redaktion wurde 1956 und 1986 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.

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