DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Alles zu tun aus der Verantwortung vor der nächsten Generation

Exklusivinterview mit dem Pfarrer und Politiker Friedrich Schorlemmer, Wittenberg

Friedrich Schorlemmer, geboren am 6. Mai 1944 in Wittenberge. Studium der Theologie 1962-1967 an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg. 1967-1971 Inspektor am Sprachenkonvikt in Halle (Saale). Jugend- und Studentenpfarrer von 1971-1978 in Merseburg, zugleich Pfarrer in zwei Dorfgemeinden. Seit 1978 Dozent am Predigerseminar und Prediger an der Schlosskirche der Lutherstadt Wittenberg. Mitglied er Synode der Kirchenprovinz Sachsen seit 1976, Synodaler der Bundessynode er Evangelischen Kirchen in der DDR von 1982 bis 1989. Mitglied der SPD.

Das nachstehende Gespräch fand am ergangenen Montag in der Wohnung an Friedrich Schorlemmer statt:

Am heutigen ersten Wochentag mit der offiziell (inoffiziell schon Jahrzehnte) gültigen D-Mark-Währung in der DDR frage ich Sie: Sehen Sie in diesem Datum, auf das hin mit heißer Nadel der Staatsvertrag genäht wurde, bereits den Tag der deutschen Einheit? Wo fühlen Sie sich als Täter und wo als Opfer in diesem raschen Prozess, der womöglich - um mit Heiner Müller zu reden - von kurzfristiger basisdemokratischer Alternative zu einer von der Deutschen Bank unterhaltenen Demokratie in der DDR führt.

Mit dem heutigem Tage wird zuallererst der DM-Nationalismus perfekt und in ein patriotisches Kleid gefasst; ich fürchte, dass aus diesen Anfängen auch wieder Nationalismus hervorkriechen könnte, wenn angesichts der zu erwartenden hohen Arbeitslosigkeit die Ausländer stören. Ist erst der Anpassungsschock überwunden und das Wirtschaftswunder DDR beginnt, dann könnte die wirtschaftliche Großmacht Deutschland politisch übergewichtig werden. Gegenwärtig ist der Stapellauf in die Marktwirtschaft gewagt worden, obwohl das Schiff noch ein Gerippe und die Besatzung noch nicht auf die stürmische See vorbereitet ist. Die alte Zweiteilung beginnt wieder: in jene die Zuversicht predigen und andere, die als Angstmacher denunziert werden, weil sie sagen, was ist. Ich habe an diesem 2. Juli zwiespältige Gefühle: weil vielleicht jeder Dritte in diesem Land arbeitslos wird (die offizielle Sprache schönt schon wieder, sie spricht von "freisetzen"), ohne dass wir schon Auffanginstrumentarien und Umschulungskonzepte haben usf. Mir tut es um jeden einzelnen leid - vor allem um die, die über 50 sind oder allein leben und mehrere Kinder haben, auch um solche, die in der Bürokratie gearbeitet und nichts gelernt haben. Was wird Hunderttausenden einzelnen Menschen hier sozial und psychologisch zugemutet! Einer der effektivsten und modernsten Industriestaaten wird von heute auf morgen mit einer zentralistischen Misswirtschaft konfrontiert, dies kann nur zum Absturz von mindest der Hälfte unserer Betriebe führen. Längerfristig wird dies aufzufangen sein, doch wie viele werden daran zerbrechen? Ich möchte das nicht mitverantworten.

Ich fühle mich hier gegenwärtig völlig als Opfer dieses aufstrebenden Markensymbols, dessen Moral allein das Geld ist - schon gestern wurde ich Opfer: Während Hunderte Bürger am Sonntagmorgen um 9 Uhr an den Werbeständen der Deutschen Bank unter gefälliger Musikuntermalung standen, ging ich zum Gottesdienst, um über Barmherzigkeit zu predigen. Als wir aus dem Gottesdienst kamen, lagen auf den Gepäckträgern unserer Fahrräder Werbematerialien der Deutschen Bank.

Nicht nur gegen den erstarrten Apparat unseres Staates und das Funktionärunwesen sind Sie schon lange vor der Wende als Kritiker und Oppositioneller angetreten, auch gegenüber dem, das Sie als nichtstimmig, als unecht empfanden innerhalb ihrer eigenen Arbeits- und Lebensbereiche. Ich erinnere Sie an die Kämpfe um eine Reform an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, an denen Sie in den sechziger Jahren als Student beteiligt waren - oder an Synoden Ihrer Landeskirche und an die Bundessynoden, in denen Sie kritisch für ein jeweils Besseres fochten.

Was ist für Sie das Bessere, für das es sich für Sie lohnt, zu fechten, für das Sie notfalls in Opposition gehen. Bitte beschreiben Sie die von Ihnen erkannten Werte in Visionen, die - wie Walter Jens sagt - blitzartig erhellen, was Menschlichkeit ist.

Im Juli 1990 kommt ein Buch von mir mit Reden, Predigten, Aufsätzen und Interviews heraus, Einmischungen unter dem Titel "Träume und Alpträume" (Das Buch erscheint beim Verlag der Nation zum Preis von 12 DM. Die Redaktion) - ich selbst schwanke hin und her zwischen Traum und Alptraum. Ein Traum, über den ich in den letzten Monaten intensiver nachdachte, ist der Traum von Deutschland. Ich stelle mir ein vielfältiges, bundesstaatliches, friedliches, ökologisch verantwortlich handelndes Subjekt vor, das aus vielen eigenständigen Subjekten besteht und nicht zentralistisch-nationalistisch Machtansprüche verkörpert. Ein Plakat eines Freundes im Wahlkampf forderte: 1 - 2 - 3 viele Deutschlands. Ich träume ein Deutschland, das ein Ferment ist für die Ost-West-Verständigung. Das übrige Europa darf erwarten, dass wir Deutschen nach zwei furchtbaren Kriegen ein friedenstiftendes Land im Herzen des Kontinents werden. Angesichts des beidseitigen Feindbildverlustes und des völligen Verschwindens der Plausibilität für das Militär (wie viele Wälder würden frei von Truppen und der Himmel frei von Tieffliegern), halte ich das für realistisch, wenn wir die Chance wirklich ergreifen. Das hieße für mich praktisch nicht deutsche, sondern europäische Ungeduld bei der Einigung. Und das verlangt: Osteuropa nicht zum Armenhaus Europas verkommen zu lassen.

Die ökologische Dramatik lässt uns gar keine andere Wahl, als aus Überlebensvernunft Kooperation zu suchen - aber da fangen schon wieder meine Alpträume an, wenn ich sehe, wie wir gegenwärtig nach Wohlstand gieren.

Der Schriftsteller Kurt Bartsch schrieb vor Jahrzehnten hier in der DDR das Gedicht "Sozialistischer Biedermeier", in dem es u.a. heißt: "Brüder, seht, die rote Fahne hängt bei uns zur Küche raus. Außen Sonne, innen Sahne - nun sieht Marx wie Moritz aus." Bartsch zielte mit diesem Gedicht auf Verbesserung des Sozialismus - das bekam ihm schlecht. Bei welchen Gelegenheiten erlebten Sie auch solche Tragik: bessern zu wollen und dafür als Feind abgestempelt zu werden?

Fast immer! Dramatisch geschah das 1968, als ich in der Tschechoslowakei war und sah, wie begeistert das Volk einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht aufbauen wollte und eine einmalige Identität zwischen Partei und Volk da war. Seit ich mich auch für die Ideen des Prager Frühlings eingesetzt hatte (aktiv seit Januar 1967: Ich lud den Philosophen Milan Machovec nach Halle zu einem Vortrag über das Thema "Die Bergpredigt und der Marxismus" ein), galt ich als besonders gefährlicher Staatsfeind. Dies wirkte sich sogar gegen meine Frau aus, die nach dem Studium zunächst keine Ausbildungsstelle bekam. Erst am Ende ihrer Ausbildung erfuhr sie, dass dies mit meinen Aktivitäten 1968 zu tun hätte und aktenkundig gemacht worden war in ihrer Akte! Bedingung ihrer Anstellung war, dass sie sich jeglicher kirchlichen Propaganda enthalten müsse - als ob meine Frau als Ärztin je so etwas vorgehabt hätte.

Noch im August 1989 hielt man meine Tochter für eine von mir vorgeschickte Staatsfeindin und wollte ihr den Prozess machen. Schon 1959 hatte ich selber ähnliches erlebt - ich riet ihr nun, dieses jämmerliche Land zu verlassen. 30 Jahre vergeblicher Kampf um Menschenrechte? Dann kam der Oktober. Er hätte auch schlimm ausgehen können. In Wittenberg hatte man über mich verbreitet: Ich wolle die Kommunisten mit Gewaltanwendung vertreiben und sei ein Agent der CIA. Alle Grundorganisationen des Kreises wurden über die Machenschaften des "Übeltäters im Pfaffenrock" informiert, um die geplanten Maßnahmen nach dem 7. Oktober [1989, 40 Jahre DDR] gegen mich vorzubereiten. Wer von diesen Genossen hätte protestiert, wenn wir in die geplanten Lager in Thüringen geschafft worden wären? Der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung hat sich bei einer unserer Demonstrationen im November auf dem Wittenberger Marktplatz öffentlich entschuldigt. Ich habe seine Entschuldigung angenommen. Aber die Vergiftung, die diese Partei 40 Jahre lang bewirkt hat, ist bis in das Grundwasser unserer Seele gedrungen. Auch mit dieser Altlast werden wir noch lange zu leben haben.

Sie erstreben soziale Gerechtigkeit in Freiheit. Deckte für Sie die Formel der Eisenacher Bundessynode "Kirche im Sozialismus" diese Werte ab - oder war für Sie dieses Wort nur Ortsbeschreibung?

Es war zunächst Ortsbeschreibung, sie bedeutete: Wir nehmen die Herausforderung in dieser Gesellschaft wahr und suchen unter den gegebenen Bedingungen Gottes Wort zu hören und die Menschen in ihrer politischen Situation aufzusuchen. Die Formel bedeutete aber noch mehr: Kirche gibt es nie, so wie es Sozialismus auch nie gibt. Beides sind offene Größen, die nach der Verwirklichung ihrer eigenen Ansprüche streben. Insofern wollten wir eine verbesserliche Kirche in einem verbesserlichen Sozialismus sein (ein Wort von Propst Heino Falcke, 1972). Es ging mir als Pfarrer dabei immer um die Verbindung von sozialer Gerechtigkeit mit der Wahrung der Menschenrechte. Insofern stand ich immer in kritischer Solidarität zu Zielen und Wegen dieser Gesellschaft, die unter Führung einer machtanmaßenden Staatspartei den Sozialismus mehr und mehr verriet, die Menschen demütigte und entwürdigte und sie durch eine Mauer mit Todesstreifen zu beschützen vorgab. Aber ich war nie ein Gegner sozialer und demokratischer Ideen in ihrer unauflöslichen Verbindung. Christentum ist sozial und demokratisch, oder es ist keins.

Ist nach Ihrer Sicht die Evangelische Kirche in der DDR während der letzten 40 Jahre zu angepasst gegenüber der Staatsführung gewesen, hat sie - wie Altbischof Krusche, Magdeburg, sagte - die Feindesliebe übertrieben? Oder waren nur durch die ständigen Verhandlungen einer "jesuanischen Kirche" - so Walter Jens - mit einem pervertierten, ins Gegenteil seiner ursprünglichen Intention verkehrten Sozialismus, Erleichterungen für Menschen in der DDR zu erreichen?

Die Kirche befand sich immer in einer Gratwanderung zwischen prinzipieller Gegnerschaft und interessenbezogener Anpassung. Ich bin Christ in einer Landeskirche, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe, weil die Repräsentanten dieser Kirche, ihre Pröpste und Bischöfe zumal, geführt durch eine sehr wache und kritische Synode, die Herausforderungen aus meiner Sicht verstanden haben - und doch sind wir auch nicht ohne Schuld. Es gab daneben Anbiederungen, die mir auch Ekelgefühle gemacht haben. Ich erinnere mich insbesondere an die Haltung des Chefs des Diakonischen Werkes in der DDR, Dr. Ernst Petzold, auf der Bundessynode. Ähnlich geht es mir ans Körperliche, wenn ich den Wandel manches CDU-Christen beobachte, der sich jetzt nicht genug tun kann, die Partei zu treten, in deren Block er 40 Jahre lang seine Schmiere gemacht hat. Jetzt bin ich ein roter Pfarrer und bin's froh drum. Daran ist zu merken, dass es mir mit der Feindesliebe manchmal sehr schwer wird. Andererseits beeindruckt es mich, wie manche, die damals auf der anderen Seite standen, sich wirklich gewandelt haben. Im Predigttext des 1. Juli '90 heißt es: Wenn sich der Gottlose bekehrt und Gerechtigkeit übt, so soll an seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht mehr gedacht werden. Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen?, spricht der Herr.

Sie sind Pfarrer und Politiker. Doch anders als manche Ihrer Kollegen, die in die aktive Politik gingen, Staatsfrauen/Staatsmänner wurden, blieben Sie Dozent im Wittenberger Predigerseminar. Wenn Sie Ihre Leute der SPD-Fraktion agieren sehen, möchten Sie dann nicht doch Ihren Posten in Wittenberg verlassen und für Ihre politischen Ideale in der Volkskammer kämpfen - oder sind Sie so wie die "Wittenbergische Nachtigall" Martin Luther, die am besten aus dem Winkel singt?

Wittenberg ist nicht der Winkel, aber auch nicht der Nabel der Welt. Ich beneide meine Amtsbrüder in der Politik wahrlich nicht. Ich genieße das Privileg, über der Bibel zu sitzen und nicht über kiloweisen Gesetzesvorlagen. Pfarrer sollten nur vorübergehend, stellvertretend politische Aufgaben übernehmen. Außerdem fürchte ich, dass mancher in seiner neuen Aufgabe überfordert ist und es selber nicht mehr merkt. Manchmal juckt es mich schon, in Berlin einzugreifen, aber dann rufe ich mir wieder zu: Friedrich, nimm dich nicht so wichtig! Die Entscheidung für diese Koalition halte ich nach wie vor für ganz falsch. Das Profil meiner Partei wird kaum noch erkennbar, auch wenn Walter Romberg und Gesine [Regine] Hildebrandt sich tapfer für sozialdemokratische Ideen schlagen, und auch unangenehme Wahrheiten aussprechen - so sind sie doch mitverantwortlich für die Sturzgeburt der deutschen Einheit nach Artikel 23. Obwohl wir immer gesagt haben, dass wir Artikel 146 erfüllen müssen.

Ist es möglicherweise Ihr leidenschaftliches Sendungsbewusstsein innerhalb Ihrer Kirche, das Sie hindert, Staatsmann zu werden? Anders gefragt: Hindert Sie die Überzeugung als Theologe, dass Kirche und Theologie zu wenig politikfähig sind, bisher Politiker mit der Bergpredigt Jesu nicht zu regieren vermochten und derjenige schuldig wird an seiner Überzeugung, der zu viele Abstriche machen muss?

Wer handelt, macht sich die Hände schmutzig und bedarf der Vergebung, um wieder neu anfangen zu können. Die Bergpredigt wird von uns nie politisch ratifiziert werden können, und gleichzeitig sind ihre ethischen Prinzipien zur Überlebensbedingung der Menschheit geworden. Diese Erkenntnis verdanke ich einem Vortrag, den Karl Friedrich von Weizsäcker 1963 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hielt. Das ist 27 Jahre her. Es bleibt unsere Aufgabe: Utopie und Realität miteinander zu vermitteln, damit die Realität nicht utopielos und die Utopie nicht realitätsfern wird. Zwischen diesen Polen vollzieht sich Politik, anders wird sie zum bloßen Praktizismus oder zum ideologisch verklärten Verbrechen.

So bleibt zu warnen vor zu sicherem Sendungsbewusstsein, wie dieses bisheriger Staatssozialismus in der DDR zeigte. Wie politikfähig empfinden Sie Ihre eigne Weltanschauung?

Für die hartgesottenen Realpolitiker bin ich ein Spinner. Manche nennen mich einen liebenswürdigen, manche einen demagogischen Spinner. Ich fühle mich in der Tradition vieler Spinner, in deren Schatten ich stehe. Dass meine und meiner Freunde Ideen nicht bloße Gedankengebäude bleiben müssen, hat uns die Erfahrung des Herbstes 1989 gezeigt. Diese Erfahrungen haben Langzeit- und Tiefenwirkung, auch wenn sie von gegenwärtiger nationaler Konsumlawine überschüttet erscheinen. Entweder gelingt es uns mittelfristig schon, eine überlebensverträgliche, friedensverträgliche, sozialverträgliche, partizipatorische (Welt) Gesellschaft aufzubauen, oder wir werden in absehbarer Zeit zugrundegehen. Ich könnte es auch anders sagen: Entweder unsere Utopie findet den Weg in die Wirklichkeit - lokal und global -, oder wir schaffen uns gewaltsam oder schleichend selbst ab. Das Ozonloch ist mehr als ein Symbol dafür.

Sie sind von vielen Christen, aber auch von vielen Marxisten in der DDR geachtet. Halten Sie marxistische Denker und deren Partei hier in unserem Lande für erneuerungsfähig - und die Evangelische Kirche künftig für auch so wach und alternativ, wie sie oft in den letzten 40 Jahren war?

Sehen Sie einen Lerngewinn aus der Zeit des Dialogs zwischen Christen und Marxisten, der zu erhalten wäre?

Der Dialog kann erst jetzt wirklich beginnen. Er wurde 40 Jahre verweigert unter dem Wahrheitsmonopol einer Partei, das nicht dem kritischen Denken des Karl Marx entsprach, sondern aus einer leninistischen Kaderpartei stammte. Ich halte es geradezu für tragisch, dass der nötige und gewiss fruchtbare Dialog zu einer Zeit möglich wird, in der er kaum noch praktische Auswirkung hat. Das Volk in seiner Mehrheit lehnt Marxisten jetzt dort ab, wo sie recht haben. Es gehört schon Mut dazu, sich öffentlich in einen Dialog mit Mitgliedern der PDS zu begeben. Das geistige Potential in dieser Partei ist nicht zu unterschätzen, genauso wenig wie die Erblast dieser Partei, die sie noch lange in ihrer demokratischen Erneuerung tragen muss. Die Art, wie viele jetzt mit der PDS umgehen, halte ich für verständlich, aber aus meinem Demokratieverständnis für unwürdig.

Ich jedenfalls möchte nicht das wiederholen, was man uns in diesen 40 Jahren angetan hat - die prinzipielle Ausgrenzung Andersdenkender. Andererseits ist Vorsicht angesagt. Solange sich diese Partei nicht von Lenin verabschiedet, z. B. von seinem Freund-Feind-Denken oder dem Stufenplan der Geschichte mit der historischen Mission einer selbsternannten Avantgarde. Ich achte dabei solche Menschen wie Michail Gorbatschow, Hans Modrow, Alexander Dubcek.

Welche Gefahr empfinden Sie als die größte, die uns Deutsche aus West und Ost in neue große Schuld verstricken könnte? Haben Sie Ängste, wissend, dass Sie selbst in ähnliche Prozesse verstrickt sind und das Gute, was Sie tun wollen - wie der Apostel Paulus sagt - zwar denken, aber nicht genug tun?

Ich habe Angst vor neuen Überlegenheitsgefühlen dieser Großnation vor allem gegenüber den Menschen in Osteuropa. Ich habe insbesondere Sorgen, dass die Ausländerfeindlichkeit in der DDR, die immer tabuisiert wurde, jetzt noch stärker aufbricht, als in den letzten Wochen sichtbar wurde. Nationalismen schaukeln sich immer gegenseitig auf. Ich wünsche jetzt nicht, dass die Deutschen Fußballweltmeister werden, genauso wenig wie ich es den Engländern "gönne", am liebsten wäre es mir gewesen, wenn die Menschen aus dem gebeutelten afrikanischen Kontinent diese "weiße Trophäe" gewonnen hätten.

Verstrickt bin ich selbst, weil ich Deutscher bin und somit Nachkomme der den Holocaust verursachenden Nation. Auch deshalb, weil ich nicht die Art und Weise und die Sprache gefunden habe, mein Volk von innen her zu befrieden. Erst wenn wir eine deutsche Identität aufbauen, die sich nicht in der Überhebung gegenüber anderen zeigt, werden wir Frieden finden. Hölderlin sagte über uns: Wir sind gedankenvoll und tatenarm. Ich bescheide mich manchmal schon, wenn ich den richtigen Gedanken endlich gefunden habe. Das ist das Elend der Intellektuellen.

Nach anfänglicher Euphorie in der Wende kommt bei vielen Menschen Lustlosigkeit und Lethargie auf, enttäuscht über ein fast nur verbundes-deutsches Ostgebiet, das oft schon als "ehemalige DDR" bezeichnet, bereits verworfen oder verschachert wird und soziale Opfer fordert. Was setzen Sie dem entgegen, das Sie vor Lustlosigkeit und Lethargie bewahren kann?

Ich habe 30 Jahre lang mit einem System in Hader gelegen und mich nicht durch die irritieren lassen, die sagten, es hätte ja doch alles keinen Zweck. Wie sollte ich mich jetzt einer Lethargie überlassen, wo die Geschichte in Bewegung gekommen ist und Einflussmöglichkeiten wie nie zuvor gegeben sind? Gleichzeitig spüre ich, in welchen Zwängen alle Handelnden gegenwärtig sind. Die Politiker kommen mir manchmal vor wie Gejagte von den Stimmungen des Volkes, um ihre Stimmen zu gewinnen. Da ist die einredende Stimme mäßigender Vernunft dringlicher als je zuvor. Auch wenn sie gegenwärtig alles andere als massenwirksam ist. Die Verantwortung vor der nächsten Generation gebietet es, alles zu tun, dass die Weichen jetzt nicht vorschnell gestellt werden.

Ich versuche, diejenigen wieder mitzureissen und zu sammeln, die nur noch traurig und vereinzelt abgefahrenen Zügen nachmeditieren. Die sachliche Hoffnung meines Glaubens gewährt mir die Geduld, die zur bändigenden Kraft meiner Ungeduld wird.

Herr Schorlemmer, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

(Das Interview führte Lothar Petzold)

aus: SZ, Tageszeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur, Nr. 155, 06.07.1990, Jahrgang 45

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