DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Es darf keine Trennung mehr von Kultur und Alltagsleben geben

Kulturpolitischer Berater der SPD: Geld durch Staat und Sponsoren

Vor wenigen Tagen das P.E.N.-Zentrum, soeben die Akademie und Künstlerverbände haben in Aufrufen darauf verwiesen: In den Programmen der Parteien fehlen bis zur Stunde weitgehend schlüssige Konzeptionen zur Bewahrung und Förderung von Kunst und Kultur. Die Bürger des Landes werden aufgefordert: Lassen Sie nicht zu, dass sich die Politik aus ihrer kulturellen Verantwortung zurückzieht, prüfen Sie die Programme . . . auch unter diesem Gesichtspunkt! Die SPD hat solche konzeptionellen Überlegungen durch den kulturpolitischen Berater der Partei vorgelegt. Ihn, Reiner Flügge, freischaffender Autor, haben wir zu einigen Aspekten befragt.

Nachdenken über Kulturpolitik fängt in diesem Land nicht bei Null an. Worauf wollen Sie aufbauen, was ausbauen, was bleibt vielleicht auf der Strecke?

Für die SPD gehört Kultur zu den wichtigen Politikebenen, wir messen ihr große Bedeutung zu und vertreten eine Kulturpolitik, die vor allem Vielfalt, Öffentlichkeit und soziokulturelle Alternativen fördert und ermöglicht. Damit einhergehen muss die Erweiterung des Kulturbegriffs.

Was ist darunter zu verstehen?

Kultur hatte in den vergangenen 40 Jahren - oft zensiert und gesteuert - vorrangig eine Unterstützungsfunktion für den Repräsentationsanspruch des Staates zu erfüllen. Die Hochkultur, zu der Theater, Oper, Literatur, bildende Kunst, Film und so weiter zu rechnen sind, wurde in hohem Maße gefördert. Unter erweitertem Kulturbegriff verstehen wir auch eine dezentralisierte Kulturarbeit mit besonderer Betonung der Freizeitkultur, der Stadtteilkultur, der Kultur im Arbeitsbereich, die den Werktätigen zugute kommen sollte. Es darf keine Trennung von Kultur und Alltagsleben geben. Kultur ist geistige Grundlage einer Bevölkerung, und insofern muss in der DDR sehr viel getan werden für einen Toleranzbegriff. Eine Gesellschaft, die den Andersdenkenden - sofern er sich innerhalb der Verfassung bewegt - nicht aushalten kann, hat wenig Kultur.

Ob immer effektiv genutzt, sei dahingestellt, der Staat, Betriebe und Kommunen haben in den vergangenen vier Jahrzehnten der Kultur immer beträchtliche Mittel zur Verfügung gestellt, haben breiten Zugang zur Kultur ermöglicht. Und auch in Zukunft wird dieser Bereich nicht ohne finanzielle Unterstützung auskommen können. In absehbarer Zeit werden wir Länderstrukturen haben. Wie stellt sich die SPD die Verteilung der Kompetenzen und die Finanzierung von Kultur vor?

Wir denken an föderative Strukturen, die über ein Kulturministerium mit Richtlinienkompetenz, über die Länderhoheit und die Kommunen realisiert werden. Zur Finanzierung braucht man einerseits den Staat - er hat Freiheit der Kunst und Kultur zu garantieren - andererseits ist durchaus die Möglichkeit einer genossenschaftlichen Bewegung vorstellbar, aber auch Stiftungen, Mäzenatentum, der kulturelle Unternehmensbereich und, wenn wir soziale Marktwirtschaft haben werden, auch die Form des Sponsoring.

Besteht da nicht die Gefahr, dass die ideologische Zensur der Kultur nur durch eine Geldzensur ersetzt wird?

Man muss darauf achten, dass Sponsoren nicht die Inhalte der Kultur bestimmen. Es darf weder staatliches noch privates Mäzenatentum geben, das Bedingungen stellt.

Welches praktische Beispiel wäre denkbar?

Dass sich zum Beispiel bei Kulturhäusern, die von den Kommunen nicht genügend finanzielle Unterstützung bekommen können, eine Bewirtschaftung mit Freizeit- und Unterhaltungsangebot etabliert, die den Kulturhäusern von ihrem Gewinn einen bestimmten Prozentsatz zukommen lässt, um ihre Arbeit attraktiver zu gestalten. So könnte man zum Beispiel der miserablen Situation des Kreiskulturhauses Treptow begegnen, die einer nicht sorgfältig geförderten Kultur geschuldet ist.

Nun versuchen gerade in dieser Umbruchzeit manche Betriebsleiter sich aus der Verantwortung für ihre kulturellen Einrichtungen - zum Beispiel Bibliotheken, Kulturhäuser, Ensembles - zurückzuziehen. Gefahr besteht, dass wertvolle Errungenschaften auf der Strecke bleiben. Wie sieht Ihre Partei das?

Wir meinen, es ist falsch, wenn Betriebe es nicht mehr für nötig halten, kulturelle Einrichtungen mitzutragen. Die Unternehmenskultur in westeuropäischen Ländern zeigt, dass dort in zunehmendem Maße für sportliche und kulturelle Betätigung der Werktätigen etwas getan wird. Denn ein kultureller Erlebnisraum in betriebsnahen Einrichtungen fördert die Verbundenheit zu diesem Betrieb.

Unter Künstlern, Schriftstellern, Kulturschaffenden gibt es Verunsicherungen. Manch einer bekennt, dass er zur Zeit nicht kreativ arbeiten kann, Ideen sterben, Projekte sind unbrauchbar. Aber auch soziale Sicherheit sehen viele in Frage gestellt. Welche Lösungen bietet Ihr Konzept?

Was in der DDR zur Zeit besteht, möchte ich einen Kulturschock und einen Kulturstau nennen. Beide müssen abgebaut werden, denn sie ver- und behindern eine kontinuierliche und konzeptionelle Mitarbeit bei der Erneuerung der Gesellschaft. Manche Verunsicherung ist verständlich, da Autoren, Künstler und Kulturschaffende sich zum ersten Mal in einer internationalen Konkurrenzsituation sehen. Jeder Berufsstand hat ein Leistungsniveau und eine Leistungsgrenze. Wer gut arbeitet, bekommt gutes Geld. Bei Kulturschaffenden ist das schwieriger. Kunst und Kultur sind einerseits eine Produktion von durchaus finanziell messbaren Werten, aber sie haben auch ein hohes Maß an ideellem und ästhetischem Wert, der nicht bezahlbar ist und von der jüngeren Gegenwart nicht immer richtig eingeschätzt wird.

Diejenigen, die sich bisher darauf beschränkt haben, in Berufsverbänden Funktionen auszufüllen, werden es schwer haben, ihre Zeit ist abgelaufen. Es wird soziale Härtefälle geben. Für jene, die nahe dem Rentenalter sind, müssen humane Lösungen gefunden werden. Andere, die mit ihrer Arbeit nicht das notwendige Geld verdienen und auch über Stipendien nicht in den Stand versetzt werden können, es zu schaffen, müssen sich fragen, ob sie nicht nebenher eine andere Tätigkeit aufnehmen sollten. Es wird über verschiedene Wege Unterstützung und Förderung geben. Einen Kulturfonds als einzige Einnahmequelle wird es nicht mehr geben können.

Weiche Rolle messen Sie in diesem Zusammenhang den Verbänden und Organisationen zu?

Hier haben Berufsverbände der Künstler. Publizisten. Theaterschaffenden, der Autoren eine Verantwortung für ihre eigenen Produktionsbedingungen, deshalb muss auch in den öffentlichen Institutionen eine offene Atmosphäre einziehen. Der Dialog über die geeigneten Formen für Kunst und Öffentlichkeit muss von den Produzenten bestimmt werden.

Die SPD ist für soziale Sicherheit aller Werktätigen, und insofern für die der Künstler und Kulturschaffenden. Es kann aber nicht davon ausgegangen werden, dass Privilegien vergeben oder beibehalten werden. In unserer programmatischen Festschreibung, und der praktischen Kulturpolitik werden wir nicht allen alles versprechen, aber wir werden offen sein für die speziellen Probleme des Kulturressorts, ohne die Existenz der übrigen Gesellschaftsprobleme zu vergessen.

Das Gespräch führte
Isa Speder

aus: Berliner Zeitung, Jahrgang 46, Ausgabe 41, 17.02.1990.Die Redaktion wurde mit dem Karl-Marx-Orden, dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold und dem Orden "Banner der Arbeit" ausgezeichnet.

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