DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Sozialdemokratische Partei in der DDR - SDP

Am 7. Oktober haben einige Leute eine sozialdemokratische Partei gegründet. Damit wurde eine Lücke geschlossen, die seit dem "Vereinigungsparteitag" 1946 im Leben unseres Volkes war. Es gab kein sozialdemokratisches Gedankengut mehr, da es in der neu entstandenen SED getilgt wurde. Im folgenden soll versucht werden, einiges über Gedanken und Ziele der SDP zu sagen.

Im § 2 des Statutes heißt es über die SDP: "vereinigt Menschen verschiedener Grundüberzeugungen und Glaubenshaltungen, die sich den Traditionen von Demokratie, sozialer Gerechtigkeit sowie der Verantwortung für die Bewahrung der natürlichen Umwelt verpflichtet fühlen."

Die SDP ist also jedem offen, der mit eintreten will für die Demokratie, soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Umwelt. Wir wollen eintreten für den Rechtsstaat, d. h. für die Trennung von Staat und Parteien. Das bedeutet, dass sich jede Partei, jeder Abgeordnete durch eine Wahl legitimieren muss, dass ein Parlament, frei und geheim gewählt, die Geschicke unseres Landes leitet. Dies ist nur in einem fairen Wettstreit mit den anderen Parteien und Gruppen zu erreichen und nicht durch einen Anspruch.

Damit jeder zu Wort kommt, brauchen wir freie Medien und den Zugang zu diesen Medien für jeden, aber gleichzeitig auch Arbeitsmöglichkeiten für jede Partei oder Gruppe.

Demokratie bedeutet für die SDP, dass in den Betrieben lediglich die Gewerkschaften aktiv werden sollen. Es bedeutet auch, dass den Arbeitern Mittel in die Hand gegeben werden, mit denen sie sich wehren können, falls sie ihre Interessen nicht mehr vertreten sehen.

Um unsere Wirtschaft in Gang zu bringen, strebt die SDP eine Wirtschaft an, die selbständig über ihre Produkte entscheidet, wo der Fachmann etwas zu sagen hat und nicht der Apparat. Dabei müssen die Probleme der Werktätigen im Blick bleiben, aber auch die Umwelt, denn ohne die Umwelt brauchen wir dann gar nichts mehr. Einer freien Marktwirtschaft reden wir nicht das Wort. Wir wollen keine Ellenbogengesellschaft. Dabei scheint uns die Solidarität mit den Schwachen ein wichtiger Punkt zu sein. Dies könnte unsere Gesellschaft besonders auszeichnen.

Für besonders wichtig erachten wir die Fragen der Volksbildung. Wir fordern, dass FDJ und Pionierorganisation die Schulen verlassen. Wer Jugendliche und Kinder in seinem Verband haben will, soll eine attraktive Arbeit machen und so seine Mitglieder werben. Einseitige Ideologie soll nicht mehr gelehrt werden. Das heißt nicht, unpolitische Menschen zu erziehen; im Gegenteil, Widersprüche sollten ausgehalten werden und damit fähige, mündige Bürger erzogen werden. Eltern und Schüler sollen mehr eigene Entscheidungsfreiheit erhalten. Jeder soll gleiche Chancen haben.

Wir treten ein für besondere Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland, denn wir haben eine Sprache und eine Kultur. Die Sozialdemokraten in der DDR bekennen sich zur Einheit der deutschen Nation. Diese Einheit muss von den beiden deutschen Staaten gestaltet werden. Dies kann nur durch eine konsequente Abrüstung erreicht werden. Dabei ist uns der Abbau von Angst ein wichtiges Ziel.

Mit den meisten unserer Vorstellungen sind wir mit vielen Gruppen eins, denn es geht um Grundforderungen eines demokratischen Verständnisses. Die SDP will bewusst als politische Partei diesen Prozess vorantreiben, ihn kritisch begleiten und sich für unser Land einbringen.

Basisgruppe Frankfurt (Oder)

aus Kristallspiegel, 25/89, BZ des VEB Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) im VEB Kombinat Mikroelektronik, Herausgeber: VEB Halbleiterwerk Frankfurt (Oder)