DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Das allerletzte Rad ...

Knackis aus der Vollzugsanstalt Rummelsburg erinnern die Volkskammer in einem offenen Brief an ihr Schicksal

DOKUMENTATION

Wir können es nicht verstehen, dass der Strafvollzug und die Justiz von der Volkskammer so stiefmütterlich behandelt werden. Wenn die Volkskammer von Justizverbrechen und Rechtsbeugung der Untersuchungsorgane, vor allem des MfS, sprechen, so müssen wir feststellen, dass sie die Opfer dabei vergessen. Insbesondere die Opfer, die noch heute im Strafvollzug einsitzen. Es ist das Ergebnis von 40jähriger sozialistischer Persönlichkeitsformung.

Der Strafvollzug war im Sozialismus das allerletzte Rad am Wagen. Wir wurden betrogen um den Anteil, der uns an Resozialisierung zugestanden hätte, obwohl wir große Werte mit unserer Arbeit einbrachten. Statt dessen hatte die sozialistische Gesellschaftsordnung nur "rote polit-aktuelle Gespräche" für uns übrig. Man kann von direkter Ausbeutung sprechen, mit einem Automatismus, der dafür sorgte, dass der Kreislauf funktionierte - Haft erzeugte Lebensuntauglichkeit: Justiz, Haft und damit wiederholte Ausbeutung. Und wenn man uns genau anschaut, sind wir Menschen mit ebensolchen Fehlern, Schwächen und auch Stärken wie alle anderen Menschen.

Wir fühlen uns in der Rolle des Kriminellen nicht wohl, wir wollen zurück in die Gesellschaft - bitte helfen Sie uns dabei. Auch wir haben Familienangehörige, Frauen, Verlobte Kinder, Eltern usw., die uns zurückhaben möchten. Andererseits benötigen wir die Freiheit, um uns in die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse einbringen zu können, um nicht noch mehr psychosozialen Schaden zu nehmen. Noch vorhandene soziale Bindungen dürfen nicht kaputtgehen - wir brauchen sie, um uns zurechtzufinden.

Warum werden wir so bewusst vergessen? Beim Sekretariat des Staatsoberhauptes liegen eine Vielzahl von Begnadigungen, über die bis heute noch nicht entschieden ist. Warum? Alle Strafgefangenen haben in die Volkskammer und auch in Sie große Hoffnungen gesetzt. Hier gibt es eine große Anzahl von Strafgefangenen, die freiwillig Blut spenden werden, um ganz einfach zu helfen, weil eine Notlage da ist. 99 Prozent der hier Einsitzenden sagen von sich selbst, dass sie eine Schuld tragen. Wenn Kriminalität insgesamt sowohl Folge individueller Fehlleistung und persönliches Versagen als auch eine Begleiterscheinung vorhandener Widersprüche in der Gesellschaft ist, so sind damit Argumente gesetzt für einen großzügigen Gnadenakt.

Bitte unterstützen Sie uns und fordern Sie ein Gespräch in der Volkskammer zu dieser Problematik. Wir haben die Vorstellung von einem Gnadenakt in einer Breite, wie ihn die Gesellschaft tragen kann. Uns ist klar, dass Mord, Gewaltverbrechen sowie Sittlichkeitsverbrechen nicht amnestiert werden können, aber man sollte auch dort Humanität üben: Strafe herabsetzen und therapieren. Gerade im Verhältnis zum Straftäter drückt ein Staat seine Humanität und das Verständnis zu den schwächsten Gliedern seiner Gesellschaft aus. Jetzt ist es besonders wichtig, Humanität nach innen zu beweisen, um allen Staaten aufzuzeigen, dass dieses Deutschland, getragen von Rechtsstaatlichkeit, Humanität und Verständnis zu allen Mitgliedern seiner Gesellschaft, nach außen immer friedfertig sein wird.

Hochachtungsvoll

W. W(...), Sprecher des Gefangenenrat

aus: taz-Berlin Nr. 3202 vom 05.09.1990