Soldatensprecher in Berlin

Zentralrat der FDJ half beim ersten Treffen der Vertreter von Soldatenräten aus der Republik

Über die "Junge Welt", VOLKSARMEE und auch durch die Nachrichtenmittel der NVA und der Grenzschutzorgane erfolgte die Einladung zu einem Meinungsaustausch am 13. Januar im Gebäude des Zentralrates der FDJ. Gekommen waren etwa 40 Vertreter: Sprecher von Soldaten- oder Matrosenräten, ein Vertreter der marxistischen Gruppe in Leipzig, Mitglieder der Trotzkistischen Liga sowie weitere Gäste aus Berlin (West), der BRD und den USA. Der Gastgeber, Oberstleutnant L(...) B(...) von der Arbeitsgruppe Jugend und Schutz des Sozialismus im Zentralrat der FDJ, gab gleich nach einigen Begrüßungsworten zu verstehen: "Hier soll niemand durch die FDJ vereinnahmt werden. Manche haben noch nicht begriffen, was ein Soldatenrat für Bedeutung hat. Viele wursteln auch für sich selbst. Das Treffen hier soll nicht dazu dienen, irgend etwas zu zentralisieren, sondern Meinungen auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und so als Signal dienen, überall Soldatenräte zu bilden." Wer es noch nicht wusste, der erfuhr es von Major E(...) R(...) (Zentralrat der FDJ), dass bis zum 31. Januar 1990 die Strukturen der FDJ in der Armee verschwinden. Sie haben sich nicht bewährt, bekannte er. Damit die Interessen der Soldaten wirklich gewahrt werden, sollten überall Soldatenräte entstehen, mit Soldaten als Sprecher, die kein Blatt vor den Mund nehmen, um ihre Rechte geltend zu machen. Soldatenrat verstehe er nicht als "Vertreter von Parteien und Organisationen, sondern als Interessenwahrnehmung der Armeeangehörigen im Grundwehrdienst".

In der Diskussion ging es freimütig her. Major M(...) R(...), Hörer an der Militärpolitischen Hochschule "Wilhelm Pieck", war besorgt über die Mutlosigkeit unter den Berufskadern. "Ich bin für die Abrüstung", sagte er, "aber den ehemaligen Berufskadern müsse schon heute die Möglichkeit gegeben werden, sich umzuschulen. Ich glaube, viele Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, sind fachlich nicht durchdacht. Deshalb befürworte ich die Gründung einer Gewerkschaft für Berufskader, aber auch die Bildung von Soldatenräten." Hauptmann F(...) M(...) von der Militärakademie "Friedrich Engels", Unterzeichner vom "Appell der 89": Im Zeitalter der Nukleartechnik würde ein Krieg nur die Vernichtung der Menschheit zur Folge haben. Ich plädiere deshalb für die totale Abrüstung. Den Berufskadern sollte man schon jetzt Gelegenheit geben, umzuschulen."

Gefreiter R(...) B(...) vom Soldatenrat aus Warin: "Ich bin für den 'Appell der 89' und auch für so eine Gewerkschaft. Aber wollt ihr die Soldaten auch besser bezahlen? Ich bin nach Berlin gekommen, um Kontakte zu anderen Soldatenräten zu finden." Unteroffizier G(...) äußerte sich besorgt über die jüngsten Ereignisse in seinem Truppenteil. So wollte eine Kompanie die Wache verweigern. Es zeigen sich Auflösungserscheinungen und Motivverlust. Aber wem diene so eine desorganisierte Armee? Der Soldatenrat trage auch hier Mitverantwortung, meinte er, denn ein Befehl bleibe nun mal ein Befehl. Ganz anders, im großen gesellschaftlichen Rahmen, verstand W(...) S(...) von der Trotzkistischen Liga die Rolle der Soldaten- und Matrosenräte: "Ich bin gegen die Aufhebung der 49-Prozentklausel bei den Joint ventures. Alle Vorschläge der BRD dienen dazu, ein kapitalistisches Großdeutschland zu schaffen. Wir müssen uns mit den progressiven Kräften in der Sowjetunion gegen den aufkommenden Faschismus verbünden. Der Soldatenrat sollte hier die Gesamtinteressen der Gesellschaft wahrnehmen." Soldat K(...) vom Soldatenrat eines Truppenteils der Luftverteidigung im Bezirk Rostock äußerte sich gegen einen Dachverband oder so eine straff organisierte Struktur, wie die Gewerkschaft. "Bei 12 Monaten Grundwehrdienst lohnt so etwas überhaupt nicht", meinte er. "Hier genügt ein Sprecher."

Am Ende des Meinungsaustausches einigte man sich zu einer Kontaktadresse in Sachen Soldatenrat. Diese Kontaktstelle solle einstweilen noch beim Zentralrat der FDJ sein. Solange, bis man neue Möglichkeiten habe, entschieden die Teilnehmer der Gesprächsrunde.

Die Adresse:

Oberstleutnant R(...) G(...),
Major E(...) R(...)
PF: (...), Strausberg 1260
Tel. Berlin (...)

Oberleutnant T(...) W(...)

aus: Volksarmee, 3/90, Ministerium für Nationale Verteidigung

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