DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Das Stendaler Signal an die West-Atomiker

Interview mit Ex-Interimsminister Sebastian Pflugbeil (Bündnis 90) zum AKW-Baustoppbeschluss des Kreistags von Stendal Das Regionalparlament will den Weiterbau der beiden sowjetischen 1 000-Megawatt-Reaktoren überprüfen lassen

taz: Herr Pflugbeil, der Kreistag von Stendal hat nach einer Experten-Anhörung zur AKW-Großbaustelle bei Stendal überraschend den Baustopp verlangt. Mit welchen Argumenten haben die Kritiker die Abgeordneten überzeugt?

Pflugbeil: Vertreter der offiziellen Seite haben die üblichen Sprechblasen über die Sicherheit und die Notwendigkeit der Kernkraft formuliert. Sie überzeugen niemand mehr, weil jeder in Stendal sieht, wie schleppend das Kernkraftwerk seit über zehn Jahren gebaut wird. Gerade ist ein Unfall passiert, bei dem zwei große Kräne umgestürzt sind. Drei Tote sind zu beklagen. Und die Bevölkerung kennt natürlich auch die Grundsatzdiskussion über Kernenergie in der DDR. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Abgeordneten des Kreisparlaments etwas "verklappst" fühlten durch die dünnen Argumente. Michael Sailer vom Öko-Institut in Darmstadt hat anhand vieler Details auf die Probleme hingewiesen, die mit dem Bau auf die Stadt zukommen.

Konkret?

Da ist zum Beispiel das immer wieder verwendete Argument, dass die Reaktoren bei uns technisch nicht vergleichbar sind mit dem in Tschernobyl. Deshalb seien solche Unfälle hier auszuschließen. Das ist so eine Halbwahrheit oder eine Halblüge. Michael Sailer hat die jüngsten Risikoanalysen moderner westlicher Reaktoren erläutert. Dabei ist herausgekommen, dass bei einem immens hohen Prozentsatz möglicher Störfälle Schäden zu erwarten sind für die Umgebung, die sogar höher sind als die von Tschernobyl. Und das bei den modernsten westdeutschen Anlagen. Das trifft natürlich in verstärktem Ausmaß auf die sowjetischen Reaktoren, die bei uns gebaut werden, zu.

Heißt das schwerere Schäden als heute in Weißrußland?

Was in Weißrußland jetzt zu beobachten ist, muss verglichen werden mit dem, was zum Beispiel in der Umgebung des West-Kernkraftwerks Biblis zu befürchten wäre. Bei schweren Unfällen in einem solchen Druckwasserreaktor käme es vermutlich nicht zu einem Großfeuer wie in Tschernobyl. Das radioaktive Inventar würde nicht so hoch emporgewirbelt und die Verseuchung sich nicht so weit verteilen. In der engeren Umgebung, also einem Radius von 100, 200 oder 300 Kilometern, würde aber sehr viel konzentrierter der ganze radioaktive Dreck herunterregnen. Das ist einer der Gründe, weshalb die Schäden bei diesen modernen Reaktoren keineswegs kleiner wären als in der Umgebung von Tschernobyl.

Wie weit ist Stendal von Berlin entfernt?

Etwas über 100 Kilometer. Berlin wäre dran, wenn in Stendal was passiert.

Wie haben Sie dem Kreistag gegenüber argumentiert?

Ich habe die Abgeordneten auf die Hauptschwierigkeit hingewiesen, in der sie sich befinden. Sie müssen abwägen zwischen entgegengesetzten technischen Darstellungen, die sie alle nicht verstehen. Dann habe ich sie aufgefordert, mit den Kindern von Tschernobyl zu reden, die sich zur Zeit in der DDR erholen, bevor sie eine Entscheidung über den Bau dieses Kernkraftwerks in ihrer unmittelbaren Nähe treffen.

Der Kreistag hat den "Baustopp zwecks Überprüfung" gefordert. Was soll konkret überprüft werden?

Man muss das ganz nüchtern sehen. Der Kreistag in Stendal hat nicht die Kompetenz zu verfügen, dass aufgehört wird zu bauen. Aber er hat sehr deutlich seine Meinung zu diesem Problem formuliert. Die Abgeordneten wollen, dass die Schlampereien recherchiert werden, die bis heute beim Bau passiert sind. Außerdem soll überprüft werden, ob es überhaupt eine Notwendigkeit für eine solch großen Anlage in der DDR gibt.

Hat sich die Anti-AKW-Bewegung in der DDR mit dem Stendaler Beschluss auf der politischen Ebene etabliert oder ist damit zu rechnen, dass DDR-SPD und -CDU die Kreistagsabgeordneten zurückpfeifen?

Das glaube ich nicht. Es gibt von Seiten der SPD ziemlich scharfe Äußerungen gegen das in der DDR favorisierte Kernenergieprogramm. Erstaunlicherweise hat sogar die CDU-Fraktion einen ganz pointierten Beitrag gegen das Kernenergieprogramm geliefert und gegen die Anlage in Stendal. Das Neue Forum ist sowieso gegen die Kernenergie. Die einzigen die versucht haben, mit alten Argumenten für den Weiterbau einzutreten, waren die Vertreter der PDS.

Wie ist das zu erklären?

Ein Grund ist sicher, dass der Anteil der Genossen in Kernkraftwerken vergleichsweise hoch ist.

Welche praktische Relevanz hat der Beschluss überhaupt?

Er bedeutet mit Sicherheit ein Signal an die großen Energieunternehmen im Westen. Sie müssen damit rechnen, daß auch in der DDR in der Nähe von Kernkraftwerken mit erheblichem Protest zu rechnen ist. Das sind Scherereien, die jeden Investor zu erneutem Nachdenken zwingen.

Wer entscheidet praktisch über den Baustopp.

Das wissen wir nicht genau. Es gibt inzwischen die Kernkraftwerk Stendal GmbH, die den Weiterbau betreibt. Umweltminister Steinberg oder das Staatliche Amt für Atomsicherheit könnten verfügen, dass der Bau zumindest unterbrochen wird.

Interview: Heidrun Schmidt

aus: TAZ Nr. 3160 vom 18.07.1990

Δ nach oben