DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Alles neu ist auch keine Lösung

Bei der notwendigen Erneuerung unserer Schule besinnen sich die gesellschaftlichen Kräfte der Grundwerte, mit denen unsere Republik einst in die Geschichte getreten ist. Ein Konsens wird gesucht. Ein neues Bildungsgesetz ist notwendig.

DLZ fragte dazu Volker Abend von der Initiativgruppe Pädagogik des NEUEN FORUM Berlin-Pankow.

DLZ: Welche Chancen sehen Sie für einen notwendigen gesellschaftlichen Konsens über eine erneuerte Schule?

VOLKER ABEND: Chancen sehe ich auf der Ebene des guten Willens aller derer, die an Bildung und Erziehung beteiligt und interessiert sind. Dabei gibt es Bewahrenswerte was fortgeführt werden kann. Ich sehe auch langfristige Projekte, die für einen Konsens erforderlich sind, zum Beispiel die Veränderung der Schulstrukturen, die Veränderung im Bildungskonzept, das heißt vom Ziel über die Methoden bis hin zur Stellung des Schülers in dem Prozess. Der Schüler muss endlich wieder sein Recht finden, muss die Hauptperson sein. Konsens finden heißt für mich auch Vertrauen finden, ja auch in die Führung, aber das setzt Mitmachen voraus, Einfluss nehmen, und das wollen wir vom NEUEN FORUM. Sich raushalten wäre das Schlechteste! Basis für gemeinsames Handeln kann nur die garantierte Toleranz für alle weltlichen, religiösen, moralischen Wertvorstellungen sein - ein humanistisches Bildungsziel.

Das Erziehungsrecht gehört den Eltern, auch das sollte anerkannt sein als eine Grundvoraussetzung. Dazu gehört aber auch die mit dem Recht verbundene Erziehungspflicht.

DLZ: Welche Bildungsziele betrachte, Sie für diese Erneuerung als wesentlich?

VOLKER ABEND: Alles, was im Bildungswesen geschieht, muss von dem zu Bildenden aus gedacht, bedacht, durchdacht und letztlich dann auch getan werden. Bildung kann man eigentlich nicht vermitteln, die kann man nur erwerben. Der Denkansatz der bisherigen Bildungskonzeption war falsch. Immer mehr reinschütten durch eine Art Nürnberger Trichter, immer mehr Stoff, immer mehr Stunden, immer mehr Neues, aber immer weniger wurde tatsächlich erworben, begriffen im eigentlichen Sinne. Ich spreche da als Physiklehrer, der die Erfahrung gemacht hat, Physik kann man eigentlich nicht lehren, Physik kann man nur erleben durch lebendigen Unterricht, durch Experimente, durch eigenes Tun. Und irgendwann kann es zu einem Ergebnis im Kopf kommen, zu einem Qualitätssprung, zu einer neuen Erkenntnis. Um das erreichen zu können, muss der Lehrer für den Lernenden Bedingungen schaffen, manches auch gemeinsam mit ihm. In diesem Moment sehe ich auch die Chance für einen Konsens, weil nach meiner Erkenntnis sich die meisten pädagogischen Wissenschaftler zu dem Denkansatz: Pädagogik vom Kinde her, bekannt haben. Das genau ist auch der Denkansatz, den wir Pädagogen im NEUEN FORUM öffentlich artikuliert haben. Nun fehlt nur noch eines, den dazwischenliegenden verkrusteten Apparat zu überwinden, der noch zu vieles abblockt, der hinderlich ist für die neue Form des Bildungskonzepts.

Mut macht uns, dass es inzwischen an vielen Schulen Lehrerkollektive gibt, die von sich aus anfangen und in dieser Richtung handeln. Sicherlich werden sie dabei auch Fehler machen, aber nur wer gar nichts macht, macht keinen Fehler. Ich finde es wichtig, kritisch mit sich selbst umzugehen, sich zu fragen, was bewirke ich mit meinem Tun, und davon aus das Handeln stets neu zu bestimmen. Der Fachunterricht, er ist für uns sehr wichtig. Es darf nicht etwa plötzlich geschehen, dass man wesentliche Fächer, die die Allgemeinbildung bestimmen, sozusagen auf dem Altar des Volkswillens einfach opfert. Es kann nicht sein, dass jemand die Allgemeinbildung - egal auf welcher Stufe - abschließt, ohne z.B. Physikunterricht gehabt zu haben. Es kann auch nicht sein, dass man Allgemeinbildung so verkürzt, dass die Kinder nicht richtig schreiben und rechnen gelernt haben. Es kann einfach nicht sein, dass die, auch in westlichen Ländern hochgeschätzte, fachliche Ausbildung in der DDR plötzlich im eigenen Lande negiert wird.

Wir müssen zu dieser guten fachlichen Ausbildung, die in weiten Bereichen vorhanden ist, die geisteswissenschaftliche Komponente dazusetzen; denn die fehlt. In diesem Bereich nämlich ist ein Vakuum durch die Selbstbeschränkung entstanden, z.B. die Selbstbeschränkung auf wenige Werke der Literatur, auf nur eine einzige Interpretation der Geschichte; die Selbstbeschränkung auf nur eine philosophische Grundlage.

DLZ: Was halten Sie aus der bisherigen Schule für bewahrenswert?

VOLKER ABEND: Es war doch nicht alles schlecht. Wir sind doch kein dummes Volk. Viele unserer ehemaligen Schüler, die jetzt den aufrechten Gang gehen können, stellen das unter Beweis. Sie formulieren ihre Vorstellung von Veränderung, sprechen ihre Forderungen offen und sehr bildhaft aus, und sie gestalten voller Phantasie ihre Plakate und Transparente, das könnte kein dummes Volk. Das macht Mut!

Das Lehrplanwerk betreffend sollte man sich besinnen, wo es Überspitzungen gegeben hat, wo Veränderungen notwendig sind im inhaltlichen Sinne, den ich vorher erwähnte. Aber man sollte nicht grundsätzlich das gesamte Lehrplanwerk von seinem Inhalt her verwerfen. Bewahrenswert ist das breit angelegte naturwissenschaftliche Konzept der Schülerexperimente, des sich Auseinandersetzenkönnens mit gesellschaftlichen Vorgängen auch durch die Kontakte zum Beispiel mit der Arbeitswelt. Das reicht, denke ich, vom Werkunterricht bis zur Biologieexkursion.

Nachdenken ist angesagt über die produktive Arbeit oder den ESP-Unterricht, auch über die sogenannte wissenschaftlich-praktische Arbeit in der Abiturstufe. Manches davon kann eine gute Sache sein, wenn sie gut durchdacht und gut gemacht wird. Vielleicht sollte auch an einigen Stellen zukünftig statt "obligatorisch" häufiger "wahlweise obligatorisch" zu hören sein. Es wäre auch nützlich und notwendig, wenn festgeschrieben würde, dass wir zwar eine leistungsorientierte Schule haben, aber nicht für alle Kinder gleich im Sinne gleicher Anforderungen, sondern nur der analogen Anforderungen.

Für alles das wollen sich die Initiatoren unserer Gruppe Pädagogik einsetzen, deshalb arbeiten wir in vielen Gruppen und Gremien mit; denn wir sind bereit, Verantwortung mitzutragen für ein neues Bildungswesen, indem eben auch bewahrt wird, was gut war, und in dem der Schüler wieder zur Hauptperson wird.

Das Gespräch führte Ingrid Ebert am 11. Dezember

aus: Deutsche Lehrerzeitung 52/89, 4. Dezemberausgabe

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