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Das Neue Forum - der kritische Geist und die Verantwortung

Ein Rundtisch-Gespräch der "Lausitzer Rundschau" und des Senders Cottbus mit Vertretern der Bürgerinitiative

Mit dem folgenden Rundtischgespräch, dem Fragen von Lesern und Hörern der "Lausitzer Rundschau" und des Senders Cottbus zugrunde liegen, stellt sich das Neue Forum in unserer Zeitung vor. Die Fragen werden beantwortet von Christoph Polster, Pfarrer der evangelischen Bodelschwingh-Gemeinde Cottbus, und Jens Maczey, Beleuchtungsmeister im Theater der Stadt Cottbus. Mit ihnen im Gespräch waren Chefredakteur Joachim Telemann und Klaus Wilke von der "Lausitzer Rundschau" sowie der amtierende Direktor Andreas Zenker und Jörg Ohlert vom Sender Cottbus.

Wer sind die Leute, die im Neuen Forum mitarbeiten?

Christoph Polster: Es handelt sich um Menschen aus allen möglichen Berufsgruppen, aus den unterschiedlichsten Schichten. Darunter sind sehr, sehr viele engagierte Ärzte und weitere Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen, Schauspieler arbeiten mit und andere Künstler. Dann haben wir auch viele Hausfrauen und eine ganze Menge Arbeiter. Alle eint das Engagement für unsere Ziele.

Welches sind die Ziele des Neuen Forum?

Jens Maczey: Das erste ist eigentlich schon erreicht: Der Dialog ist in unserem Land möglich geworden. Wenn auch das, was vielerorts passiert, noch nicht Dialog genannt werden kann. Das ist einfach eine Sache des Lernens. Was geredet wird, geschieht in der Öffentlichkeit. Und auch das wollte das Neue Forum denn alle Dinge, die die Menschen angehen, gehören an die Öffentlichkeit. Das große, das eigentliche Ziel des Neuen Forums ist diese Transparenz der gesellschaftlichen Vorgänge.

Wie soll sich diese Transparenz, diese Durchschaubarkeit, verwirklichen?

Jens Maczey: Es muss möglich sein, dass ich wissen kann, was ich wissen möchte. So muss es sein: Ich kann zu den Medien gehen, ich kann in die Bibliothek gehen, ich kann zu meinem Abgeordneten gehen, kann Fakten, Statistiken einsehen, alles, was vorher nicht möglich war. Ich kann also jede Partei, jede Vereinigung, jede Gruppe noch ihren Strukturen und Zielen hinterfragen. Hauptanliegen ist, dass Bürger ihre Interessen auch selbst vertreten können, dass sie dafür Gruppen, Arbeitsgruppen oder Basisgruppen bilden können. Der umfassende Begriff ist eigentlich Basisdemokratie.

Christoph Polster: In diesem Zusammenhang nach eine Ergänzung: Es wird bei uns im Neuen Forum keinen Leiter geben. Das Wort Leiter können wir gar nicht so richtig gut hören. Hinter dem für manche Leute etwas fremden Begriff Basisdemokratie verbirgt sich ein Verständnis, dass sich diejenigen, die lange Zeit ihr Unbehagen mit sich rumgetragen haben, nun artikulieren können. Das Volk hat begonnen, sich zu artikulieren, indem es auf die Straße gegangen ist. Dies wird noch eine Weile anhalten. Gleichzeitig und rechtzeitig muss nun folgen, dass nicht nur geredet, sondern auch etwas getan wird.

Für einen Sozialismus ohne Wenn und Aber

Welche Gesellschaftsordnung wollen Sie vertreten? Diese Frage eines Lesers gewinnt auch deshalb Interesse, weil Sie oft als Opposition angesprochen werden.

Jens Maczey: Nun, der Terminus Opposition ist nicht von uns negativ besetzt worden. Von Seiten des Staates war er vor dem Oktober negativ abgestempelt worden. Wir verstehen uns als eine Opposition, die zu einem gesunden Prozess dazugehört. Natürlich muss ich irgendwann auch mal anderer Meinung sein, muss sehen, diese durchzusetzen, oder Dinge überprüfen. So entsteht ein Prozess. Wir sind also mit oppositionellen Haltungen durchaus zumindest behaftet. Zugleich möchte ich sagen: Wir wollen eine sozialistische Gesellschaft ohne Wenn und Aber. Natürlich muss man jetzt, da ein ganzes Land im Aufbruch ist, darüber reden, was unter Sozialismus zu verstehen ist.

Christoph Polster: Das kann aber keine Frage allein in Richtung Neues Forum sein. Ich habe manchmal den Verdacht, dass sie als Gretchenfrage an uns gerichtet ist. Ich wünsche mir einfach, dass diejenigen, die bisher parteipolitisch Verantwortung hatten, eindeutig und klarer dazu Stellung nehmen, was Sozialismus bedeutet. Ich höre momentan nichts von der Sozialistischen Einheitspartei, wirklich nichts Neues. Manchmal gibt es das Gerücht, dass die Bezirksparteischule aufgelöst werden soll. Ich hoffe, dass das nicht wahr ist, weil ja wohl dort über Inhalte ganz wesentlich nachgedacht wird. Es gibt glaube ich, viele Leute in diesem Land, darunter eine Menge im Neuen Forum, die an die SED und die anderen Parteien, auch an die, die sich jetzt neu formieren, solche konzeptionellen Erwartungen haben.

Jens Maczey: Wir haben bis jetzt immer nur Marx, Engels und Lenin gelehrt bekommen. Zum Sozialismus gehören aber auch Luxemburg, Liebknecht, Bebel. Man sollte auch darüber nachdenken, ob und wie Sozialismus und Marktwirtschaft vereinbar sind.

Man muss doch wissen, wo es lang geht

Würden Sie das Aktionsprogramm der SED auch unter "Nichts Neues" einordnen?

Christoph Polster: Ich erwarte von solchen Dokumenten klare Aussagen zum Beispiel zu einer neuen politischen Ökonomie in diesem Lande, ich erwarte sie zur Demokratie, auch zu der in den Betrieben. Aussagen sind nötig zur Vergangenheitsbewältigung. Es stehen im SED-Aktionsprogramm einige Dinge drin, da könnte man den Verdacht haben, dass es an derselben Stelle losgehen kann. Aber mehr ist es noch nicht.

Also würden Sie vielleicht eher mit der Regierungserklärung sympathisieren?

Christoph Polster: Ich denke, auch hier merkt man die Vorläufigkeit. Alles ist ja in diesem Lande so, dass man nicht so genau weiß, wie es einmal werden soll. Klar, wir wollen alle den Sozialismus. Wir möchten gern, dass es eine Alternative zum Gesellschaftssystem der Bundesrepublik wird. Ebenso möchten wir verhindern, dass es am Ende aus ökonomischen Gründen schief geht. Aber das können wir nur, wenn wir wissen, wo es lang geht.

Welche Gefahren sehen Sie in der gegenwärtigen Phase unserer Entwicklung?

Jens Maczey: Eine Gefahr sehen wir eigentlich jeden Tag. Das sind die 1 000 bis 2 000 Bürger, die täglich immer noch unser Land erlassen. Es ist auch zu fürchten, dass die Leute irgendwann einfach müde werden und sagen: Nein, ich mache nicht mehr mit, und das Interesse lässt nach. Eine weitere Gefahr ist, dass, was immer Vertrauensbildung genannt wird, wieder in das Gegenteil umschlägt. Aber die Hauptgefahr sehe ich im Fortbestehen der allen Strukturen. Noch funktionieren sie. Und wenn das passiert, werden uns auch noch mehr Menschen verlassen.

Neue Leute, aber noch alte Strukturen

Aber sind nicht eine ganze Reihe von Strukturen aufgebrochen? Es ist Ihnen Recht zu geben, dass das noch nicht in gewünschtem Maße und im gewünschten Tempo erfolgt, so wie wir uns das gemeinsam wünschen. Wir Journalisten sind ja Chronisten unserer Zeit. Und wenn Sie an die Berichterstattung vom Bezirkstag und von der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung durch die LR und den Sender Cottbus denken, dann ist das alles interessanter und lebensverbundener geworden. Da stellen sich aufbrechende Strukturen dar. Die Kreisdelegiertenkonferenzen der SED, die gegenwärtig stattfinden, sind auch Aufbrüche von Strukturen, zeigen ein neues Demokratieverständnis. Der Sonderparteitag wird das fortsetzen.

Christoph Polster: Und doch gibt es das noch zu viel: neue Leute, aber alte Strukturen.

Welche Strukturen sind das?

Christoph Polster: Zum Beispiel die Betriebsparteiorganisationen der SED. Entweder haben alle Parteien das gleiche Recht, im Betrieb zu wirken, oder keine. Wir denken, dass die SED nicht mehr in den Betrieben vertreten sein sollte.

Verstehen Sie sich als Kontrolle von unten?

Jens Maczey: Genauso verstehen wir uns. Wie groß der Bedarf dafür ist, zeigt das Interesse für unsere Arbeitsgruppen. Sicher, es gibt die ständigen Kommissionen der Volksvertretungen. Möglich, dass die Leute mit diesen unzufrieden sind und deshalb zu uns kommen. Im Übrigen ist es, nichts Schlechtes wenn es eine Vielfalt an solchen Kontrollorganen gibt: unsere Arbeitsgruppen, die ständigen Kommissionen, die ABI usw. und viele Konzepte auf den Tisch kommen.

Wenn nötig, Verantwortlichen auf die Füße treten

Wie soll das nun Ihrerseits funktionieren?

Jens Maczey: Wenn also ein Abgeordneter oder ein anderer in eine Funktion Gewählter nicht das tut, was er tun muss, wird sich derjenige, der mit dieser Arbeit nicht einverstanden ist, ans Neue Forum wenden und an seine Arbeitsgruppe oder selbst eine gründen. Sie werden dem Mann dann auf die Füße treten und sagen: "Also, so geht's nicht. Du unterstützt mich nicht, du bist aber von mir gewählt worden." Hilft das nicht, dann muss er halt gezwungen werden, dazu Stellung zu beziehen.

Sind Sie aber auch bereit, selbst Verantwortung zu übernehmen?

Jens Maczey: Ich glaube nicht, dass wir nur anderen auf die Füße treten. Die Sache hat natürlich zwei Seiten. Erstens sind ja im Neuen Forum Leute, die schon Funktionen haben, die z. B. aus Parteien kommen und sich bei uns geistig bereichern wollen. Zweitens wird es Bürger geben, die im Neuen Forum sind und sich irgendwo zur Wahl stellen, sei es zur ABI oder vielleicht einmal zu einem Verfassungskontrollorgan. So tragen Mitglieder des Neuen Forums Verantwortung. Selbst Kandidaten aufstellen, das wird es nicht geben. Dazu müsste das Neue Forum zur Partei werden, und das ist nicht unsere Absicht.

Wie kommt man zum direkten Gespräch mit dem Neuen Forum?

Christoph Polster: Es gibt eine Liste mit Kontaktadressen. Die hängt in den drei Kirchen der Bezirksstadt aus: in der Oberkirche, der Klosterkirche und der Schlosskirche. Wir haben innerhalb des Neuen Forum in Cottbus einen Sprecherrat, der dafür verantwortlich ist, Gesprächsangebote von den Parteien und auch von den Freidenkern anzunehmen.

Verschiedene Leser und Hörer äußern, dass das Neue Forum nur redet und nichts mitverantworten will, nichts mittun will, Wie stehen Sie dazu?

Jens Maczey: Mal zum Verständnis: Vor acht Wochen waren wir noch als eine staatsfeindliche Organisation denunziert. Dieser Tage nun hat Herr Polster den Schlüssel bekommen für Räume, die einmal unsere Büroräume werden könnten. Wir haben keine Vervielfältigungsmöglichkeiten, kein Telefon, kein Telex, wir sind also ganz am Anfang. Deshalb sind solche Vorwürfe gegenstandlos.

Wie steht das Neue Forum zur Kirche?

Da die letzten Demonstrationen in Cottbus von der Oberkirche ausgingen und auch diese Kontaktadressen in den Kirchen aushängen, liegt die Frage nahe: Fühlen sich die Vertreter des Neuen Forums der Kirche eng verbündet?

Christoph Polster: Die Kirche wird auch in Zukunft nicht auf einer Insel leben können. Sie wird auf ihre Weise an den gesellschaftlichen Vorgängen teilnehmen, und dies auf ihre eigene, unverwechselbare Weise. Das hat gottesdienstlichen Charakter und unterscheidet sich von den Veranstaltungen, die zum Beispiel einer Andacht folgen. Das Neue Forum ist also nicht an die Kirche "angebunden". Aber die Kirche war über lange Zeit die einzige Möglichkeit, wo sich unsere Mitglieder artikulieren konnten. Jetzt sieht das anders aus, da wir in der Puschkin-Oberschule Räume vertraglich gebunden haben und wir Angebote vom Haus der Bauarbeiter und vom Haus der Jugend haben.

Am Runden Tisch Konzepte werten

Wie stehen Sie zum Vorschlag: Dialog am Runden Tisch?

Jens Maczey: Ich denke, dass das nötig ist. Wir hatten ja als Neues Forum Gelegenheit, mit den einzelnen Parteien zu sprechen, und jeder hat seine Vorstellung geäußert. Irgendwann müssen diese Konzepte einmal gegeneinander gewertet werden. Was im Kreis und im Bezirk möglich war, muss auch auf Gesellschaftsebene möglich sein. Das ist eine gute und eine richtige Sache. Es werden sich die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen den Parteien und den Organisationen zeigen. Ziel ist es, dass Konzepte deutlich werden. Es sei noch einmal gesagt: Wir vom Neuen Forum haben diese Konzepte nicht. Aber unsere Gesellschaft braucht sie. Je länger wir zum Beispiel mit Wirtschaftskonzeptionen warten, desto länger wird es dauern, Rückstände aufzuholen. Ein Jahr verlieren heisst ja, vielleicht fünf Jahr in Anspruch zu nehmen, um das wiedergutzumachen.

Man muss aber auch der Regierung ein gewisses Zeitlimit einräumen. Aus der Regierungserklärung muss die Konzeption erst einmal erarbeitet werden. Doch davor ist eine gründliche Analyse vonnöten.

Christoph Polster: Die Frage ist nur, was geschieht in diesem Land in dieser Zeit, die wir zur Erarbeitung von Konzeptionen zugestehen? Übrigens bin ich schon dafür, dass alles zu Ende gedacht wird. Wenn ich die Dinge, die sich um das Reisegesetz abgespielt haben, betrachte, muss ich sagen: Was politisch und parlamentarisch hier geschieht, halte ich für eine Gefahr, dass man eine Sache, ein Gesetz nicht solange in den entscheidenden Gremien bearbeitet, bis es reif ist.

Kritischer Geist, um Probleme anzugehen

Sind die Mitglieder des Neuen Forums mit sich selbst genauso kritisch wie mit SED-Mitgliedern?

Christoph Polster: So sehr kritisch gehen wir mit der SED doch gar nicht um.

Mancher empfindet es aber so.

Jens Maczey: Natürlich gibt es bei uns selbst eine tägliche Auseinandersetzung. Gerade weil so viele eine Menge Erwartungen in das Neue Forum setzen, müssen wir uns ständig darüber auseinandersetzen, was wir sagen. Unsere Mitglieder sind ja Staatsbürger der DDR mit ihren privaten Meinungen und Haltungen, Dinge, die ich versuche, in Einklang miteinander zu bringen. Wir wären als Neues Forum ohne kritischen Geist längst nicht so weit, wie wir sind.

Kann man Neues Forum vielleicht als eine Art Geistes- oder Gesinnungshaltung verstehen, an der man sich selbst oder andere überprüft?

Jens Maczey: Ich empfinde es so: Es gilt, diese Kritikfähigkeit, diese Lernbereitschaft zum Charakterzug jedes Menschen zu machen. Wir müssen also als Haltung wiedererlangen, was uns über viele Jahrzehnte aberzogen wurde. Es muss ein jeder fähig sein, seine Dinge für sich selbst in die Hand zu nehmen, einzuklagen. Das sollte möglich sein, ohne dass es anarchistisch wird und sich gegen das Kollektiv oder irgendetwas richtet.

Die Erfahrung vom Entstehen und Vergehen

Wir gehen ja in unserer Partei, der SED, in gegenwärtigen Diskussionen auch außerordentlich kritisch an die Selbstbeurteilung und Selbstbewertung heran, streben also auch eine solche Bewusstseinshaltung an wie die, von der Sie sprachen. Angenommen, das überträgt sich auf die gesamte Gesellschaft, erübrigt sich dann das Neue Forum? Verliert es dann seine Funktion als Kontrollorgan?

Jens Maczey: Es ist mir eigentlich egal, wie es dann heisst: ob die ganze Gesellschaft Neues Forum heisst oder Deutsche Demokratische Republik. Hauptsache, wir haben dann diese Geisteshaltung. Es geht um die Sache, nicht um die Organisationsform. Aber auch wenn sich die Geisteshaltung durchsetzt, sind doch die Kontrollfunktionen und -organe noch gefragt. Jede Demokratie braucht sie.

Christoph Polster: Wir denken heule noch nicht an das Auflösen, da gibt es einfach noch zu viel zu tun. Es ist eine Erfahrung, dass Dinge entstehen und auch wieder vergehen. Also wird auch das Neue Forum nicht ewig sein, und dann wird es neue Formen geben müssen.

aus: Lausitzer Rundschau, Nr. 283, 01.12.1989, 38. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Cottbus der SED

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