DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Wege der Selbstfindung

Im Gespräch mit der Malerin Bärbel Bohley, Mitinitiatorin des NEUEN FORUM

Fangen wir an, wo wir aufgehört haben. In einem Gespräch mit dem "Sonntag" sagten Sie 1980, dass Sie weiter meckern, aber auch mitarbeiten wollen. Was hat sich damals getan?

Ich war fünf Jahre in der Sektionsleitung des VBK und habe die Erfahrung machen müssen, an einer Stelle zu sitzen, wo ich von unten Dresche bekam und eigentlich keine Entscheidungen fällen konnte, weil sie letzten Endes ganz woanders getroffen wurden. Ein Beispiel, die Reiseregelungen. Die Kollegen stellten einen Antrag auf eine Westreise, und die Sektionsleitung musste ihn genehmigen. Dieser ging dann aber zum Kulturministerium, zum Ministerium des Innern, zur Staatssicherheit. Wir waren die erste Instanz und haben uns herumgestritten, ob der Kollege fahren darf oder nicht. Es war eine Scheindiskussion, da völlig klar war, wir sind sowieso nicht dafür verantwortlich. Letzten Endes fällte die Staatssicherheit die Entscheidung. Stundenlang hat man herumgesessen und wirklich das Gefühl gehabt, veralbert zu werden. Das ist scheindemokratisch.

'82 bin ich rausgeflogen aus der Sektionsleitung, weil ich eine Eingabe zum Wehrdienstgesetz gemacht habe, wonach Frauen zur Mobilmachung eingezogen werden können. Alle Welt sprach von Frieden, alle hatten Angst vor der Nachrüstung, aber wenn man persönlich die Initiative ergriff, hatte es zum Beispiel solche Folgen. Man sollte nur zu vorgeschriebenen Demonstrationen rennen, aber die Lösung der Probleme wieder irgendwelchen Leuten überlassen.

Was haben Sie dann weiter gemacht? Haben Sie versucht, in den bestehenden Strukturen zu arbeiten?

Die sind einfach unbrauchbar. Weil sie zumeist von Leuten besetzt sind, die keinen Mut haben, kein Risiko auf sich nehmen. Sie sind festgefahren, Entscheidungen können immer nur von bestimmten Leuten getroffen werden. Alle, mit denen ich sprach, ob die aus irgendeiner Organisation, irgendeinem Verband kommen, sind fest davon überzeugt, dass diese Strukturen tot sind und dass sie nur wiederbelebt werden können in Konkurrenz zu neuen. Ein unabhängiger Studentenverband beispielsweise könnte sozusagen die FDJ zwingen, lebendiger zu werden.

Strukturerweiterung oder gänzlich neue?

Ich würde denken: neue. Ich kann jetzt zum Verband sprechen. Ich glaube einfach, es ist absurd: ein Verband Bildender Künstler. Es kann wirklich nur Verbände von Bildenden Künstlern geben. Ewig war ich mit Leuten zusammen, die ich nicht schätze, menschlich nicht oder von ihrer Arbeit her. Ich habe mich immer gefragt, warum ist es nicht möglich, einen Verband zu gründen, wo es wirklich Leute gibt, die die gleichen Interessen haben. Also ich meine, wenn der Konsens ist: "wir malen" - das ist lächerlich. Ich denke, Interessen müssen sich strukturieren, finden, sie müssen ständig diese staatlichen Verbände befragen, hinterfragen können.

Welche persönlichen Konsequenzen haben Sie aus Ihrer Erfahrung des Versagens dieser Strukturen gezogen?

Meine Konsequenz ist einfach, dass es eine legale Opposition geben muss. Und die darf nicht immer als Marionette und vom Westen gesteuert denunziert werden.

Es muss zugelassen werden, dass über den Weg zu einem ganz bestimmten Ziel gestritten werden kann. Das war nicht möglich. Ein Ziel stand immer im Raum: Wir bauen hier den Sozialismus auf. Der Weg dorthin wurde festgeschrieben. Jeder, der diesen Weg hinterfragt hat, ist zum Staatsfeind gemacht worden. Ich habe mich in dem Verband nicht mehr engagiert und fand es sehr schäbig, dass ich da mit Kollegen fünf Jahre lang gesessen habe, die mir dann öffentlich sagten, es sei nicht tragbar, dass ich diese Funktion ausübe. Und auf dem Gang haben sie mir die Hand gedrückt, und gemeint: Toll, was du da gesagt hast.

Führte es dazu, dass Sie in diesem Jahr zur Mitinitiatorin des NEUEN FORUM gehörten?

Dies war nur ein Aspekt. Ansonsten ist das sehr komplex. Nach der Luxemburg-Demonstration [Berlin 1988], wo ich festgenommen und für ein halbes Jahr in den Westen geschickt wurde, damit hier Ruhe und Ordnung herrschen, habe ich im Westen sehen können, wie das dort funktioniert. Ich habe mitgekriegt, dass eine Opposition eine Bereicherung sein kann.

Da wir beim Begriff Opposition sind, wäre natürlich zu fragen, was Sie unter Opposition verstehen?

Das ist ja klar: Gegen diesen bestimmten Weg, oder gegen das bestimmte Ziel, oder gegen eine bestimmte Art und Weise, wie mit Menschen umgegangen wird, zu sein.

Und wogegen konkret? Aus den Erfahrungen von Foren und Demonstrationen der letzten Tage sehen wir eine Gefahr: dass mit einer Pauschalität gegen irgendetwas vorgegangen wird. Irgendetwas - die Adresse, die Namen, die Dinge sind unbestimmt, allgemein.

Das ist für mich eine Frucht von 40 Jahren DDR-Geschichte. 40 Jahre haben unmündige Menschen hervorgebracht. Sie sind mit der Lüge groß geworden. Das muss man einfach sagen: Jede Zeitung hier hat bewusst gelogen, jeder wusste es, aber hat es trotzdem akzeptiert. In keinem anderen Land musste man so zwischen den Zeilen lesen, um die Wahrheit zu finden. Wenn jetzt alles in Pauschalitäten untergeht, halte ich das erst einmal für normal. Das ist wie bei einem Kind, das sich losreißt von den Eltern. Das opponiert erst mal gegen alles, bei dieser Selbstfindung. Bis daraus ein konstruktiver Dialog wird, das dauert. Der findet aber auch von der anderen Seite nicht statt. Nicht nur die Kritik ist substanzlos, auch die Selbstkritik ist unterentwickelt.

Ja, auch Ausflüchte unter dem Motto "Keine Fehlerdiskussion" sind gefährlich. Es gibt natürlich in dieser Situation mehr oder weniger politische Verantwortliche. Das Komische aber ist, die DDR besteht momentan zu 95 Prozent aus Leuten, die "schon immer im Untergrund gekämpft", die es schon immer gewusst haben. 95 Prozent "Widerstandskämpfer".

Irgendwo sagte ich mal, als ich danach gefragt wurde: Die ganze DDR ist oppositionell. Jeder hat in seinem privaten Kreis gesagt: Dies taugt nicht, und das geht nicht. Aber es gab keine Öffentlichkeit dafür.

Vielleicht ist diese Aussage als Metapher tauglich. Um im Bild zu bleiben - dann war die DDR aber auch opportunistisch.

Ja. Ich meine, dass Leute, die sagen, wir waren ja schon immer dagegen, auch jetzt noch opportunistisch sind.

Welche Garantien würden Sie sehen, damit der begonnene Prozess nicht im Sande verläuft?

Ich denke, wenn man einmal frei Luft geholt hat, vergisst man das nicht so schnell.

Vielleicht, dass man es nicht vergisst, möglich, dass man daran erinnert wird: durch eine sozialistische Opposition. Das NEUE FORUM kann und wird unserer Meinung nach eine solche Rolle spielen. Würden Sie in dem Zusammenhang noch einmal rekapitulieren, wer sich mit welchem Ziel ursprünglich im NEUEN FORUM traf?

Da haben sich im Grunde Leute gefunden, die in den Parteien, in den Strukturen, im alltäglichen Leben enttäuscht wurden. Vor allem die 35- bis 45jährigen sind in viel größerem Maße vertreten als Jugendliche. Sie sagen, wir haben uns für etwas verheizen lassen, etwas was wir als ideal anerkannt haben, aber was sich nicht eingelöst hat. Wir wollen, dass sich hier etwas verändert, weil wir nicht in den Westen gehen, und weil wir nicht noch 20 Jahre so weiter leben können. Das hat erst mal noch gar nicht so viel mit politischen Zielen zu tun. Ich weiß zwar auch nicht, wo es lang geht und wo es hinführt, was jetzt unbedingt gemacht werden muss, aber ich denke, dass dies mehr trägt, als wenn uns ein Ziel vor die Augen gestellt wird. Das war ja 40 Jahre der Fall.

Und was für ein Ideal haben Sie vor den Augen? So ganz ohne Utopie geht es doch auch nicht.

Ich weiß nicht, was die Leute alle für Ideale haben.

Und Sie?

Dass jeder Mensch wirklich mit einem geraden Rücken dasteht.

Um auf die Programmatik zurückzukommen. Prinzipiell waren sicher viele mit der ersten Erklärung des NEUEN FORUM einverstanden. Kritik fand, dass die Worte Sozialismus und Antifaschismus nicht vorkamen.

Das Wort Sozialismus fehlt einfach aus dem Grund, weil es ein abgegriffenes ist. Es ist so viel unter dem Namen Sozialismus gelaufen, was nicht sozialistisch war. Wir haben gesagt, dieses Wort muss erst wieder mit Leben erfüllt werden. Ob das dann eine Gesellschaft ist, die sich demokratischer Sozialismus oder sozialistische Demokratie nennt, ist jetzt nicht unser Problem. Wir haben eigentlich ein konkretes Lebensgefühl beschrieben, als man hier jeden Abend sehen musste, wie die Leute abhauen.

An "antifaschistisch" habe ich überhaupt nicht gedacht. Da sind wir erst später darauf aufmerksam gemacht worden. Ich habe gehört von den Skins, ich meine, da muss man nachfragen: Die sind schließlich alle hier geboren, sind durch unser Bildungssystem gelaufen und mit uns zusammen groß geworden. Es gibt kein rechtes Gedankengut, was vom Himmel fällt.

Wir haben in dem ersten Aufruf in dem Sinne keine Gesellschaftskritik geleistet. Wir haben versucht zu beschreiben, unter welchen Spannungen wir leben. Dass man zwar Ordnung, aber keinen Staat von Spitzeln, dass man arbeiten und gleichzeitig keine, Ellenbogengesellschaft will.

Haben Sie darüber hinaus Zielvorstellungen?

Wir sehen uns nicht als Partei, sondern als Bewegung. Wir haben kein Programm, sondern einen Problemkatalog. Wo die Felder abgesteckt sind, beispielsweise für Wirtschaft und Ökologie. Wir sind davon ausgegangen, dass keiner weiß, wie hier die Wirtschaft steht. Wahrscheinlich leben wir besser als wir dürften, ist die Umwelt schlechter, als wir denken; vielleicht auch viel besser, das weiß ja keiner so genau.

Gibt es schon konkrete Ergebnisse?

Im NEUEN FORUM sind viele Leute mit Fachwissen, die das aber nicht in die Gesellschaft einbringen konnten, weil es nicht ins Konzept passte. Hier gibt es Arbeitsgruppen, wo das ausgewertet wird, und daraus sollen dann Zielvorstellungen entwickelt werden. Dann war uns wichtig, eine Brücke zu schlagen, zwischen denen, die betroffen sind und denen, die Sachkenntnis besitzen. Also nicht nur Leute, die Ahnung von der Luft haben, sondern auch solche, die diese Luft atmen.

Das NEUE FORUM als Plattform, die eine Öffentlichkeit mitorganisiert. Hieße das, setzt sich eine politische Kultur durch, die wirksame vertikale und horizontale Kommunikationsverbindungen schafft, erübrigt sich das NEUE FORUM?

Ja, das denke ich auch. Wenn diese Gesellschaft sich so ändert, dass diese Strukturen da sind und funktionieren, dann hat es sich erübrigt.

Wir denken, dass das, was wir heute basisdemokratische Interessengruppen nennen, auf jeden Fall einen festen Platz im politischen System bekommen muss.

Es kann schon sein, dass das NEUE FORUM eine ständige Einrichtung wird. Ich gehe von mir aus, dass ich irgendwann auch wieder in mein Atelier möchte.

Was das NEUE FORUM in seiner ersten Erklärung beschrieb, war in vielen Punkten auch Ausdruck unserer Befindlichkeit. Wir sind Mitglieder der SED, hatten vieles von dem natürlich auch thematisiert, und nicht erst seit dem Sommer. Wir könnten das an konkreten Beispielen durchspielen. Wussten Sie, dass in der SED, an der Basis, die Lage so war?

Wenn die Partei die führende Rolle beansprucht, hätte doch ein solches Papier von ihr kommen müssen.

Die demokratischen Strukturen haben auch innerhalb der Partei offensichtlich versagt. Das muss natürlich geklärt werden, Selbstfindung auch in dieser Partei. Aber die Problemfelder, die sie fixiert haben, waren auch die unseren.

Vielleicht haben sich deshalb so viele SED-Mitglieder im NEUEN FORUM gemeldet. Das neue war einfach, dass wir gesagt haben, damit gehen wir jetzt an die Öffentlichkeit. Natürlich wussten wir, dass das die Gedanken auch vieler SED-Mitglieder waren. Was uns vielleicht unterscheidet: Wenn sie vom Führungsanspruch der SED sprechen. Da muss ich sagen, der hat uns hierher geführt, und für mich ist sie dem nicht gerecht geworden. Ich will ihn ja ansonsten weder einer der jetzigen, noch der künftigen Parteien absprechen, aber der muss sich sozusagen aus sich selbst heraus legitimieren.

So sehr werden wir uns in dem Punkt gar nicht unterscheiden. Sie sagten an anderer Stelle bereits, die öffentlichen Dispute seien für sie noch kein Dialog. Wann wäre das der Fall?

Einen Dialog können zwei Partner miteinander führen, aber wenn der gesellschaftlich stattfinden soll, muss er institutionalisiert werden. Das kann also nicht Herr Müller sein, der sich über irgendetwas aufregt. Auch Herr Schabowski spricht nicht für sich, sondern für die SED, da muss also auch hinter Herrn Müller etwas stehen, ansonsten lässt Herr Schabowski sich nicht auf seinen Schreibtisch gucken und kontrollieren.

Dann muss sich das, was hinter "Herrn Müller" steht, auch programmatisch klarer formulieren.

Das wird passieren, davon bin ich überzeugt.

Woher nehmen Sie diese Gewissheit?

Weil x-Leute da sind, die alle etwas wollen. Ich glaube, dass eine Meinungsfindung erst einmal stattfinden muss. Das dauert seine Zeit. Die ist von heute auf morgen doch gar nicht zu machen, nachdem 40 Jahre geschwiegen wurde. Und ich denke auch, dass wir einfach auf dieser Zeit bestehen und uns nicht von allen möglichen Leuten drängen lassen, morgen ein Programm auf den Tisch legen zu müssen. Unser Programm ist, dass nun endlich die Leute selber dazu bewegt werden, sich ein Programm zu machen.

Kommen wir am Schluss noch einmal auf den "Sonntag" und Ihr Programm zurück. Sie sagten damals, man solle sich selbst treu bleiben bis dahin, nicht unbedingt immer weiter zu malen ...

Ich denke, im 21. Jahrhundert kann sich kein Mensch mehr leisten, nur Maler zu sein. Ich halte es einfach für eine Lebenslüge, morgens ins Atelier zu gehen; sich drei Kohlköpfe hinzustellen und abends mit einem Bild abzurechnen. Dazu leben wir alle zu gefährlich. Es gibt Lebensräume, wo ich nicht draußen stehen und gucken möchte, was passiert.

Das Gespräch führten Andreas Lehmann und Jens-Uwe Korsowsky

aus: Sonntag, Nr. 46, 1989, 44. Jahrgang, Herausgegeben vom Kulturbund der DDR

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