DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Wo sind die Herbst-Aktiven?

Keine Zeit für Resignation / In Zeiten verwirrender Parteienvielfalt bietet NEUES FORUM echte Alternative

"Der Aufbruch '89 ist noch längst nicht zu Ende!" Mit diesen Worten begann Annette Flade vom Provisorischen Sprecherrat des NEUEN FORUM Potsdam die Vollversammlung der Bürgerbewegung am Dienstagabend in der Erlöserkirche. Sie wies darauf hin, dass alle Befürworter des NEUEN FORUM, die im Herbst 1989 den Gründungsaufruf unterzeichnet hatten, für die aktive Unterstützung des Reformprozesses eingetreten wären. Die Leitung des Abends lag in den Händen von Heidi Liepe und Landesjugendpfarrer Jürgen Schwochow, die stets auf straffe Programmführung bedacht waren und Augenmaß bei der Diskussionsführung besaßen. Es sollte um solch wichtige Punkte wie Statut, Programm, Wertung der bisher geleisteten Arbeit und Wahl eines Sprecherrates gehen.

Detlef Kaminski zeigte sich schwer enttäuscht über die Interessentenzahl von etwa 300 Bürgern und sprach von einer "müden Bevölkerung", was politische Aktivitäten betreffe. Dem riesigen Anfangsinteresse am NEUEN FORUM sei sehr schnell die Zersplitterung der Opposition und nach ersten Teilerfolgen der Rückzug in die Privatnische gefolgt. Es war in der Tat beschämend, wenn man sich vor Augen führte, welche Gefahren die Initiatoren für sich und ihre Familien auf sich nahmen, als sie vor der "Wende" Unterschriften sammelten; der notwendigen Konsequenz - politisches Engagement - steht ein erschreckendes Abwarten und Desinteresse der meisten Mitbürger entgegen. Sind, so fragte sich mancher insgeheim, viele der 80 000 Demonstranten vom 4. November nur Trittbrettfahrer gewesen? Von Kaminski wurde darauf hingewiesen, dass das NEUE FORUM Potsdam Pionierarbeit geleistet hätte, was die Einberufung des Rates der Volkskontrolle, die Forderung nach Rücktritt des durch Wahlbetrug eingesetzten Stadtparlaments oder die Mobilisierung bei der Auflösung der Stasi betrifft. Basisdemokratie ist nun einmal erst dann wirklich greifbar, wenn viele Menschen bereit sind, sich für ein Fortschreiten der Demokratisierung ehrlich einzusetzen. Auf Öffentlichkeit setzen und Spaltungsversuchen entgegentreten, das muss jetzt die Devise sein, wenn effektiv gearbeitet werden soll.

Bezugnehmend auf das zu erwartende Wahlgesetz, äußerte sich Reinhard Meinel dahingehend, dass das NEUE FORUM nicht zulassen werde, dass es jemals wieder einer Partei gelingt, die Macht auf Kosten des Volke zu missbrauchen. Das Wahlgesetz erlaube es derzeit dem NEUEN FORUM, gemäß den Beschlüssen der Leipziger Tagung, eigene parteilose Kandidaten aufzustellen, ohne Parteistrukturen annehmen zu müssen. Rudolf Tschäpe bekräftigte, dass das NEUE FORUM in dieser bewegten Zeit mit verwirrenden Parteineugründungen eine Alternative für alle die sein müsse, die sich nicht parteilich binden wollten und auch ihre Interessen nicht in einer der Parteien verwirklicht sehen würden. Er betonte unter starkem Beifall, die Zukunftsvision des NEUEN FORUM sei eine solidarische Gesellschaft, ein entmilitarisiertes Deutschland in einem freien Europa. Er stellte somit klar heraus, dass die Bürgerbewegung im Gegensatz zu manchen Oppositionsparteien sich keineswegs am Zeitgeist orientierte, sondern Ideale anbietet, für die es sich lohnt, mitzuarbeiten. Bernd Reuter versicherte, das NEUE FORUM betrachte beispielsweise die Arbeit im Rat der Volkskontrolle als zu wichtig, als dass hier auf Grund von Verzögerungen und zäher Kleinstarbeit resigniert werden könne.

Die Bereitschaft, im Sprecherrat mitzuarbeiten, war sehr groß. 18 Kandidaten konnten nach ermüdendem Befragungsmarathon für die 9 Plätze im Sprecherrat aufgestellt werden. Reinhard Meinel und Rudolf Tschäpe, beide Erstunterzeichner des NEUEN FORUM, verzichteten zum Erstaunen vieler auf eine Kandidatur. Es wurde vereinbart, dass die Kandidaten mit den meisten Stimmen am 27. Januar zum Gründungskongress nach Berlin fahren sollten. Nach sorgfältiger Aufzählung wurde das Ergebnis bekannt gegeben: Annette Flade und Detlef Kaminski werden das NEUE FORUM in Berlin vertreten.

Es bleibt zu hoffen, dass die am Freitag in 20 000 Exemplaren von nun an wöchentlich erscheinende Zeitung des NEUEN FORUM viele Leute in Potsdam von der Unbeugsamkeit der konstruktiven Arbeit des NEUEN FORUM überzeugen und zur Mitarbeit zurückgewinnen wird.

WOLFRAM FRÖHLING

aus: Märkische Volksstimme, Nr. 21, 25.01.1990, 45. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung im Bezirk Potsdam, Herausgeber: Verlag Märkische Volksstimme, die Seite wurde gestaltet durch das Neue Forum

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