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Wir brauchen einen langen Atem

Die Hähne dürfen nicht aufhören zu krähen

Nach Weihnachten war bei dem Kontakt mit Freunden vom NEUEN FORUM zum ersten Mal deutlich Müdigkeit zu spüren. Es fiel auch das Wort Resignation. Das ist sehr verständlich, waren doch die Wochen seit September für viele ein Dampf in allen Gassen, ein Dauerlauf mit wenig Schlaf. Nicht selten war zu hören: Wir haben wieder bis 3 Uhr morgens gesessen. Die Gefahr, dass sich Müdigkeit und Ernüchterung mit Stagnation und Enttäuschung paart, ist nicht gering. Aus diesem kühlen Grund ist dieses Selbstinterview entstanden.

Wie erklärst du dir die Resignation?

Die Resignation muss so etwas wie eine Schwester der Ruhe sein. Wenn nach anstrengenden Wochen Ruhe einkehrt, da stellt sich auch übergangener Schmerz ein, und die Traurigkeit fordert ihren Tribut.

Ist jetzt Zeit für Traurigkeit? Ist nicht tatsächlich Arbeit, anstrengende Arbeit nötig?

Ja, Arbeit ist nötig, viel Arbeit. Kein verantwortlich handelnder Mensch wird gerade jetzt sagen: Ich will meine Ruhe haben. Aber Arbeit ist für mich keine einseitige Angelegenheit besinnungslosen Rackerns. Auch der Schmerz will verarbeitet sein.

Ist das nicht sentimental?

Möglich. Doch die Bilder von Rumänien sind in mir. Der Schießbefehl von Anfang Oktober ist ein schmerzlicher Treffer, obwohl kein Schuss gefallen ist. Der genarrte Sozialismus liefert Stoff für Alpträume. Der Stalin-Pakt, den fast jeder einzelne noch einmal mit dem Generalissimus geschlossen hat, wie viele verharren noch reuelos in diesem Bündnis und merken überhaupt nicht, dass sie noch immer nach seiner Pfeife tanzen. Kann ich denn selbst gewiss sein, dass der Stalin-Virus nicht mehr in unseren Kreisläufen schmarotzt?

Verdrängen und Vertuschen war die Devise nach 1945, Wirtschaftswunder vollbringen, die Behauptung aufstellen, das Übel sei ausgerottet mit Stumpf und Stiel. Wie soll es heute weitergehen?

Ich wünschte, dass Schmerz und Enttäuschung konstruktive Energien freisetzen.

Was wäre destruktiv?

Den Teufel mit Beelzebub austreiben, also Stalin mit Hitler, verlogenen Transparenten beleidigende Schmierereien folgen lassen, Schießbefehlgeber hängen sehen wollen. Es scheint zur Zeit ein gewaltiges Arsenal an Vergeltungswut und Feindseligkeit zu geben. Stalin schleicht sich auf die andere Seite: auf Teufel komm raus!

Was sind "freigesetzte konstruktive Energien"?

Die Hähne dürfen nicht aufhören, zu krähen, bis der letzte Nutznießer eines feudalen "Sozialismus" seine Pfründe freiwillig räumt, seinen Stuhl nimmt. Es kann nicht Ruhe einkehren bis der letzte, der mit zynischer "Sicherheit" gegen selbständig denkende Menschen vorgegangen ist, sich entschieden von dieser geschehenen Menschenverachtung trennt.

Wer sind die "Hähne"?

Kino, Theater, Zeitung, Fernsehen, Kunst aller Art und jede einzelne von uns mit seiner eigenen, unverwechselbaren Stimme.

Ist das Reklamieren und Denunzieren nicht ein schmutziges Geschäft?

Ausmisten ist nicht sehr angenehm. Da bekommst du Spritzer, und der Gestank zieht in deine Kleidung. Beifall gibt es wenig.

Welche Erfahrungen hast du beim NEUEN FORUM gemacht mit Engagement und dem Versuch, politisches Handeln auszuüben?

Ich habe viel erlebt, wie eine große Zahl von Frauen und Männern sehr spontan und intensiv Verantwortung übernommen haben, ohne auf die Uhr zu schauen, ohne dass jemand einen "ökonomischen Hebel" angesetzt hatte, oft mit dem Risiko, totales Neuland zu betreten.

Kannst du das an eine Person deutlich machen?

Einen habe ich erlebt, sehr ausschnittsweise: Verbündete für den Aufbruch 89 ansprechend, Vervielfältigungsmöglichkeiten suchend, Sprecher und Gesprächspartner bei Foren, Kundgebungen, in Hörsälen, als Übermittler von Informationen zwischen Bezirken, am Telefon, bei endlosen (nächtlichen) Sitzungen, beim Beschriften von Briefumschlägen an "Befürworter" des NEUEN FORUM, in den verschiedenen Büros staatlicher Institutionen, bei der Sicherung von Material des Sicherheitsdienstes vor der Vernichtung, als "Journalist", in Arbeitsgruppen ...

Warum übernehmen sich einige so offensichtlich?

Das ist zunächst das Erbe vergangener Zeiten. Da konnte ja nicht jeder kommen. Da gab es Fixierung auf Einzelleitung und wenig demokratische Praxis. Außerdem war da ein Zeitdruck. Arbeitsteilung braucht Zeit. Diese Zeit war angesichts der sich überstürzenden Ereignisse oft nicht vorhanden. Bei staatlichen Entscheidungen ist ja mitunter zuerst gehandelt worden. Die nötigen Überlegungen wurden nachträglich angestellt.

Da ist es nicht verwunderlich, dass einem die Puste ausgeht und vielleicht auch die Lust.

Ich denke, es sollte jeder seine Möglichkeit für politisches Handeln ausfindig machen, sich intensiv in die laufenden gesellschaftlichen Prozesse mitdenkend und solidarisch einschalten, nicht warten, dass irgendwer sagt: So wird es gemacht!, nicht schadenfroh sich an Fehlern und Misslungenem weiden, die Gunst der Stunde nutzen und die Resignation zu bewältigen suchen.

Gibt es ein brauchbares Gegengift gegen Resignation und Zurücklehnung?

Vielleicht der Realitätssinn, der einem bewusst macht, dass für Veränderungen weite Wege nötig sind, über "sieben Berge" hinweg Die Müdigkeit kommt schon, wenn der erste Berg sich auftürmt. Und viele lieben die glatten Wege. Wir brauchen jetzt einen langen Atem.

FRIEDER B(...)

aus: Märkische Volksstimme, Nr. 21, 25.01.1990, 45. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung im Bezirk Potsdam, Herausgeber: Verlag Märkische Volksstimme, die Seite wurde gestaltet durch das Neue Forum

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