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Das "Neue Forum" - was ist es, und was will es?

Mit Petra Lux und Michael Arnold, beide Sprecher des "Neuen Forums" in Leipzig, im Gespräch

Auch die LVZ hatte einst manche Berührungsängste, wenn es um das "Neue Forum" ging. Hier und heute soll ein Anfang sein, um ins Gespräch zu kommen. Empfinden Sie Genugtuung, wenn jetzt die Mitteilung vorliegt, dass die Anmeldung des "Neuen Forums" vom Innenministerium bestätigt ist?

P. LUX: Freude ist gar nicht angebracht angesichts der gegenwärtigen Lage im Land. Außerdem betrachte ich die Annahme eines Antrages als etwas ganz Normales. Vorteilhaft ist natürlich, dass nun eine gewisse Rechtssicherheit eingetreten ist.

Als was versteht sich das "Neue Forum" - als Bewegung, als ideologische Plattform oder als künftige Organisation?

M. ARNOLD: Wir betrachten uns als politische Organisation neuen Wesens, die offen ist für alle Bürger. Ganz gleich, ob sie einer Partei oder Organisation angehören oder auch nicht. Wir wollen einerseits Diskussionsplattform und andererseits Aktionsgemeinschaft sein.

Dem "Neuen Forum" wurde einige Zeit die Zulassung versagt, weil offensichtlich bei den Staatsorganen die Befürchtung vorlag, da geschähe etwas, was nicht mit der Verfassung übereinstimmt.

P. LUX: Da haben einige Leute ihre Schulaufgaben nicht gemacht. Schon im Gründungsaufruf vom September haben wir unsere Verantwortung im Ringen um den Frieden besonders hervorgehoben. Natürlich fühlen wir uns auch antifaschistischen Traditionen verpflichtet. Und in einer unserer Erklärungen haben wir auch hervorgehoben, dass wir kein kapitalistisches Gesellschaftssystem anstreben und Veränderungen hier in der DDR wollen. Reicht das nicht?

Am 18. November veranstaltet das "Neue Forum" in Leipzig eine Kundgebung zu Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Könnte dort auch ein LVZ-Journalist sprechen?

M. ARNOLD: Wir werden das prüfen, da schon eine Menge Anträge vorliegen. Notwendig wäre jedoch, dass wir rechtzeitig den Wortlaut der kurzen Ansprache oder zumindest das Konzept erhalten.

Es gibt einen offenen Problemkatalog des "Neuen Forums", der Fragen zu Wirtschaft und Ökologie, zu Kultur, Bildung und Wissenschaft und zum Rechts- und Staatswesen zur Diskussion stellt. Welche Schwerpunkte werden gesetzt?

P. LUX: Keine. In dieser Phase der gesellschaftlichen Entwicklung kann nichts ausgeklammert werden. Wenn man nur eine Frage vernachlässigt, wird sich das bitter rächen.

Wodurch wird die Tätigkeit des "Neuen Forums" in der nächsten Zeit bestimmt sein? Werden Sie auch in anderen gesellschaftlichen Gremien mitwirken?

M. ARNOLD: Es liegt das Angebot vor, in der Vorschlagskommission mitzuarbeiten, die vom Bezirkstag gebildet wurde. Dieses Angebot werden wir wohl annehmen.

P. LUX: Die nächsten drei Monate, in denen das Gründungsdokument unserer Organisation auszuarbeiten ist, wollen wir uns weitgehend von anderen Aufgaben zurückziehen und die Kraft auf unsere eigenen Leute richten. Es geht ja schließlich darum, die Organisation arbeitsfähig und stabil zu machen.

(Die Fragen stellten ELKE RATH und DIETER ALTMANN)

aus: Leipziger Volkszeitung, Nr. 265, 10.11.1989, 45.(96.) Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Leipzig der SED