DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Was ist und was will die Vereinigung Neues Forum?

"FP"-Gespräch mit Andreas Bochmann, Mitglied des Zentralen Sprecherrates des Neuen Forums und Sprecher im Bezirk Karl-Marx-Stadt

Gestatten Sie eingangs eine Frage zur Person. Wer ist Andreas Bochmann?

In Einsiedel aufgewachsen, 36 Jahre alt und von Beruf freischaffender Grafikdrucker. Seit sechs Jahren bin ich im Verband Bildender Künstler, meine Frau ist studierter Informatiker und übt jetzt den gleichen Beruf wie ich aus und ist Kandidat des Verbandes. Zur Familie gehört unser achtjähriger Sohn Fabian.

Wie begründen Sie gegenüber Ihrem Sohn die Tatsache, dass Vater und Mutter - wie auch viele andere engagierte Bürger in ihren ehrenamtlichen und hauptberuflichen Funktionen und Ämtern - in dieser Zeit so wenig Zeit für ihre Kinder haben?

Nicht alles muss begründet werden. Es genügt, die Wahrheit zu sagen. Unser Sohn verzeiht und versteht hoffentlich, dass es um seine Zukunft geht.

Wie stellen Sie sich als Sprecher des Neuen Forums die Zukunft vor?

In einem Land zu leben, das sich zu Recht Deutsche Demokratische Republik nennt.

Sie artikulieren das sehr theatralisch?

Ja, weil die ganze Bedeutung auf dem programmatischen Wort "demokratisch" liegt.

Was verstehen Sie unter Demokratie?

Darunter verstehe ich Pluralismus von Meinungen und von Parteien. Die besten Argumente sollen sich durchsetzen, und wahre Volksherrschaft im besten Sinne des Wortes soll herrschen.

Was zählen Sie dazu?

Parlamentarismus in unseren Volksvertretungen von der Volkskammer bis zur Gemeinde. Kompetenz im Kleinen wie im Großen, und am Schluss soll das verbindlich und von Bestand und Gültigkeit sein, was an besten Gedanken und Handeln der Bevölkerung dienlich ist.

Bereits in einem anderen Zusammenhang sprachen Sie von einer Art Arbeiterräten, die gebildet werden könnten. Wie stellen Sie sich die Arbeit eines solchen Gremiums vor?

Der Arbeiterrat könnte ein gewähltes Organ in den Betrieben sein und eine Kontroll- wie Wahlfunktion im Betrieb haben. Meine Vorstellungen gehen dahin, dass dieser Rat z.B. den Betriebsleiter wählt - natürlich bei der erforderlichen Kompetenz. Direktoren und andere Leiter müssen demokratisch, d. h., von allen getragen sein. Darin sehe ich auch gute Möglichkeiten für uneingeschränkten Leistungswillen der Belegschaft.

An dieser Stelle drängt sich zwangsläufig die Frage nach den Eigentumsverhältnissen auf...

Meine persönliche Meinung: Demokratischer Sozialismus bedarf aller Eigentumsformen. Welche Eigentumsform an welcher Stelle die beste ist, muss sich im Leben bewahrheiten, muss sich in der gesellschaftlichen Entwicklung bewähren. Pauschale Festlegungen bringen nichts.

Würden Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Aus meiner Kenntnis ist manches in einem Betrieb eingebundene Konstruktionsbüro uneffektiv. Warum sollte es nicht auf privater Basis arbeiten? Kreativität, Engagement und Durchsetzungsvermögen würden sich vehement entwickeln. Eine dem Büro angeschlossene Fertigung von Prototypen - wo es möglich ist - wäre effektiv und zum Nutzen in vielerlei Hinsicht.

Welche Rolle spielt in Ihren Überlegungen der Staat?

Der Staat ist für das Leben notwendig wie die Verkehrsregeln im Straßenverkehr. Er sollte bei rigoroser Einschränkung des Verwaltungsaufwandes eine Regelfunktion einnehmen, d. h., schöpferische Prozesse sich nicht selber aufladen, sondern für optimale Bedingungen sorgen, dass die Produktivkräfte auch mit ihren entsprechenden politischen Parteien Träger und Vollstrecker alles schöpferischen Tuns sind.

Wie halten Sie es mit Gedanken und Meinungen, die von einer Wiedervereinigung ausgehen?

Das steht für mich nicht zur Debatte. Wir gehen von zwei deutschen Staaten aus. Man sollte versuchen, den Sozialismus zu erhalten, indem man ihn demokratisch macht. Das ist eine Chance für unser Land, einen Sozialismus zu entwickeln mit den erkennbaren Vorzügen der Marktwirtschaft.

Eine Gesellschaft also...

... eine sozialistische Gesellschaft, die hochproduktiv ist, die keine Ellbogengesellschaft wird, die mit einem sozialen Netz ausgestattet ist, durch das keiner durchfallen kann.

Eine Struktur ist nicht erhaltenswert, wenn nicht der Mensch uneingeschränkt das Maß der Dinge ist.

Eine Frage, die vielleicht am Anfang hätte gestellt werden müssen: Wer ist das Neue Forum?

Wir verstehen uns als eine Bürgerinitiative, als eine überparteiliche Vereinigung, die allen an der Umgestaltung interessierten Bürgern die Möglichkeit gibt, diesen Prozess mitzubestimmen.

Alle - d.h. unabhängig von Weltanschauung und Ideologie?

So ist es. Zu uns gehören Arbeiter und Bauern, junge und alte, Künstler und Handwerker, Akademiker und Angestellte, Frauen und Männer, Kommunisten und Christen.

Also auch Mitglieder der SED?

Ja.

Wen schließt das Neue Forum von vornherein aus?

Neonazistische, rassistische, revanchistische, antidemokratische und antihumanistische Kräfte und Stalinisten.

Wie viel Mitglieder zählt das Neue Forum?

Viele, sehr viele. Wir führen keine Statistik.

In welchen Organisationsstrukturen bewegen sich die Mitglieder?

Über die Organisationsstrukturen gibt ein noch keine einheitliche und verbindliche Auffassung. Diese demokratischen Strukturen müssen von unten wachsen. Es sind also - wie wir es nennen - überall Basisforen z.B. in Betrieben und Wohngebieten zu bilden. Gegenwärtig wird koordiniert, was am wichtigsten ist. Der dritte Schritt kann nicht vor dem ersten getan werden.

Was gehört dazu?

Viele Überlegungen und eine Menge Zeit, die wir nicht haben. Um offiziell zugelassen und anerkannt zu werden, bedarf es eines Statutes, das in drei Monaten fertig sein muss.

Liegt bereits ein politisches Programm vor?

Nein, noch nicht. Momentan kommt es erst mal darauf an, in jedem Kopf unserer Mitglieder das Anliegen klarzumachen. Wer sich bei uns einschreibt, muss bereit sein, politische Verantwortung in der einen oder anderen Form voll zu tragen. Wir brauchen engagierte Leute und keine Karteileichen.

Haben Sie im Neuen Forum eine Maxime?

Ich glaube nicht. Aber eins zählt: Verantwortung kommt von unten, Administration gibt es nicht, das bessere Argument entscheidet.

Wie beurteilen Sie die jetzigen Reiseregelungen?

Wer langfristig kein Konzept hat, wird auch kurzfristig nicht ins Schwarze treffen. Deshalb ist ein Reisegesetz notwendig, das das Reisen so einfach macht wie jetzt und für alle Menschen auch wertvoll ist, indem ökonomische Möglichkeiten erschlossen werden, die auf gesunden Füßen stehen.

Zum Beispiel?

Es müssen jetzt wirtschaftliche Konzepte her, die sofort greifen. Ansonsten wird die Reisewelle eine Ausverkaufswelle. Dafür sind wir nicht auf die Straße gegangen. Es sollte auch niemand unsere Mark in der BRD verschleudern. Das verlangen nicht zuletzt unsere Identität und wirtschaftliche Vernunft. Es darf nicht dazu kommen, dass wir Thyssen unser Land zum Diskountpreis anbieten.

Was raten Sie Bürgern, die die Absicht haben, ständig in die BRD auszureisen?

Bleiben! Wer sich dennoch mit dem Gedanken trägt, sollte Vertrauen haben zu sich, zur eigenen Courage und Kraft, hier und heute Veränderungen zu bewirken. Nur was wir selber tun, zählt. Und dafür brauchen wir jeden.

Humanismus und Rechtsstaatlichkeit ist eine generelle Forderung des Neuen Forums. Was schließt das ein?

Menschlichen Umgang. Das Neue Forum verabscheut jegliche Art von Gewalt und Gewaltandrohung. Deshalb haben wir in der "Freien Presse" am 9. November öffentlich erklärt: "Wir werden es nicht dulden, dass Angehörige der Staats-, der Schutz- und Sicherheitsorgane und deren Familien in anonymen Briefen und anderer Form bedroht werden. Besonders gilt das für jene Fälle, in denen der Name Neues Forum missbraucht wird." Wo wir Kenntnis über solche Fälle haben, werden wir umgehend Anzeige beim zuständigen Staatsanwalt erstatten.

Was wünschen Sie sich?

Vertrauensbildende Maßnahmen und Besonnenheit durch jedermann Unsere politische Kultur sollte nie wieder einen Tiefstand wie am 7. Oktober erleiden. Kulturvoller Meinungsstreit ja - abkanzeln nein. Alle müssen wir gerade an dieser Stelle hinzulernen. Kollektiver und damit gesellschaftlicher Anstand - auch daran wollen wir uns täglich messen.

(Das Gespräch führte Dieter Geipel)

aus: Freie Presse, Nr. 270, 16.11.1989, 27. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt der SED

Δ nach oben