DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Vor der Zulassung

Interview mit Dr. Martin Böttger, provisorischer Vorsitzender des Sprecherrates des Bezirkes

Herr Doktor Böttger, Sie sind Physiker, verheiratet, leben in Cainsdorf bei Zwickau und gelten als Initiator des Neuen Forums im Bezirk Karl-Marx-Stadt.

Das ist richtig. Ich gehöre zu den etwa 30 Mitgliedern der Gründungsgruppe, die im September in Grünheide bei Berlin die Vereinigung Neues Forum ins Leben rief. Daraufhin habe ich beim Rat des Bezirkes die Zulassung beantragt und die Organisation übernommen.

Wo haben Sie sich bisher politisch oder gesellschaftlich engagiert?

Ich war in verschiedenen Friedensgruppen innerhalb der Kirche tätig, habe zum Beispiel im Friedensseminar Königswalde und unabhängigen Gruppen wie der Initiative "Frieden und Menschenrechte" mitgearbeitet.

Sie sind parteilos?

Ja.

Werden sie sich einer Partei anschließen?

Wahrscheinlich nicht, obwohl ich etwas mit der SDP sympathisiere.

Also sollte das Neue Forum keine Partei werden?

Das bringt Schwierigkeiten mit sich, da unsere Mitglieder zum Teil anderen Parteien angehören und diese dann verlassen müssten, wenn sie bei uns weiterarbeiten wollen. Es werden im Moment drei Möglichkeiten diskutiert. Man könnte das Neue Forum zu einer Partei umfunktionieren oder weiterhin als überparteiliche Vereinigung außerhalb des Parlamentes arbeiten. Ich bin für die dritte Variante, nach der wir uns mit einem festen Programm zur Wahl stellen.

Die Volkskammer sollte sich also nicht nur aus Parteien zusammensetzen?

Nein, ich bin dafür, dass alle Organisationen mit einem Programm Kandidaten aufstellen. Die müssten dann aber Parteilos sein.

Sollte sich Ihrer Meinung nach das Neue Forum nur für die Durchsetzung demokratischer Grundrechte einsetzen?

Nein, vielmehr werden wir uns in alle Bereiche des Lebens mischen. Ich sehe das als unsere Aufgabe an, im Übrigen erwartet man das auch von uns.

Die Mitglieder des Neuen Forums kommen aus unterschiedlichen politischen und weltanschaulichen Richtungen, erste Widersprüche beginnen sich abzuzeichnen. Sehen Sie die Gefahr einer Spaltung?

Natürlich ist es denkbar, dass sich wie bei den GRÜNEN innerhalb des Neuen Forums mehrere Fraktionen herausbilden. Solange diese auf einer Grundlage arbeiten, habe ich eigentlich auch nichts dagegen. Die Gefahr einer Spaltung sehe ich im Moment aber nicht.

Mir fällt auf, dass bisher wenig Arbeiter im Namen des Neuen Forums aufgetreten sind. Woran liegt das?

Im Bezirk Karl-Marx-Stadt sind immerhin zwei von sechs Mitgliedern des Sprecherrates Arbeiter. Allerdings ist die Zusammensetzung in der Tat etwas ungünstig, das ist aber das Problem aller Bürgerinitiativen. Im Neuen Forum sind da verhältnismäßig viele Arbeiter.

Nach Öffnung der Grenzen zur Bundesrepublik wird nun über eine Wiedervereinigung spekuliert. Ist das für Sie ein Thema?

Natürlich, denn über alle Themen muss man sprechen. Ich schließe mich aber Gorbatschows Worten an, dass dieses Problem nicht auf der Tagesordnung steht. Man muss sich natürlich im Klaren darüber sein, dass es zu einer Annäherung beider deutscher Staaten kommen wird. Allerdings sollten wir Einfluss auf die Art dieser Annäherung nehmen. Es kann nicht sein, dass sich bloß die DDR angleicht.

Was halten Sie von einer Föderation in der DDR?

Es wäre mir ganz sympathisch, da die Bezirke innerhalb dieser 30 Jahre kein eigenständiges Profil gewonnen haben. Die Frage nach den Ländern ist einfach eine Traditionsfrage, die ich für diskussionswürdig halte.

Es finden in letzter Zeit häufig Treffen zwischen Sprechern des Neuen Forums und Vertretern der SED statt. Werden die Kontakte zu Führungsgremien anderer Parteien vernachlässigt?

Zahlenmäßig sind die neuen Parteien und Bürgerinitiativen noch verhältnismäßig gering vertreten, so dass wir gar nicht viele Gesprächspartner haben und uns auf etablierte Parteien konzentrieren müssen. Hier sind aber unbedingt die CDU und die LDPD zu nennen, mit denen häufige Treffen stattfinden.

Es entsteht der Eindruck, dass sich die SED das Neue Forum "einverleiben" würde. Was sagen Sie dazu?

Das ist in letzter Zeit wirklich so gewesen. Viele Dinge, die wir als erste vertreten haben, sind dann als Ideen der SED veröffentlicht worden, ohne dass wir auf unser Urheberrecht gepocht haben. Das sieht man aber auch innerhalb der SED und distanziert sich von solchen "Wendehälsen".

Das Neue Forum ist noch nicht staatlich anerkannt, wieweit ist es eigentlich handlungsfähig?

Rechtsgrundlage ist die Verordnung über die Gründung und Tätigkeit von Vereinigungen, laut der wir einen Antrag auf Zulassung stellen müssen. Wenn dieser Antrag bestätigt ist, haben wir maximal drei Monate Zeit, uns zu konstituieren, also ein Statut auszuarbeiten und einen Vorstand zu wählen. Innerhalb dieses Zeitraumes muss auch eine Gründungskonferenz durchgeführt werden. Dann erst können wir einen Antrag auf staatliche Anerkennung stellen. Wir befinden uns also noch im Stadium der Gründung, sind aber moralisch bereits anerkannt. Da die Zeit sehr schnelllebig ist, müssen wir uns aber auch jetzt schon politisch einsetzen. Natürlich hat alles einen provisorischen Charakter, also auch die Wahlen innerhalb des Neuen Forums.

Soweit ich weiß, sind Sie provisorisch Vorsitzender des Bezirksvorstandes?

Ja, das stimmt. Aber wie Sie schon sagen, ich bin es provisorisch. Ansonsten bin ich Mitglied des Sprecherrates im Kreis Zwickau, einer von acht Sprechern des Bezirkes und stelle die Kontaktperson für unseren Bezirk dar. Zu dieser Funktion kam es nicht auf Grund von Wahlen, sondern weil ich Gründungsmitglied war. Ich lehne es auch ab, eine Funktion als Vorsitzender zu übernehmen. Das sieht zum einen zu sehr nach Einzelleitung aus, andererseits habe ich jetzt schon kaum mehr Zeit für meine fünf Kinder und die Arbeit.

Obwohl ich keine Frauenrechtlerin bin, fällt mir auf, dass vorwiegend Männer das Neue Forum repräsentieren. Zeigt sich hierin eine latente Frauenfeindlichkeit?

Nein. Im Neuen Forum sind auch die Frauen sehr stark engagiert, meine Frau zum Beispiel stärker als ich. Allerdings haben Sie recht, wir müssen aufpassen, dass die Frauen häufiger zu Wort kommen und das Neue Forum nach außen hin vertreten können.

(Das Gespräch führte Maike Bellmann)

aus: Freie Presse, Nr. 284, 02.12.1989, 27. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt der SED

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