DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Unser Land braucht uns alle!

Bezug nehmend auf die vielen Briefe, welche mich bis heute erreichten, will und muss ich mich nun, nochmals zu Wort melden. Zuerst möchte ich mich für die vielen positiven Zuschriften bedanken. Aus vielen Briefen lese ich aber auch die große Sorge um unser Land heraus. Dies ist auch meine große Sorge.

Eine zersplitterte Opposition hat im Wahlkampf nur wenige Chancen. Darum auch mein Ruf noch einer oppositionellen Liga, um gemeinsam zur Wahl anzutreten. Einigkeit ist für uns wichtiger denn je, kein Weg geht daran vorbei. Nachdem nun Gregor Gysi zu sehen und zu hören war, wurde vielen plötzlich schnell bewusst, wie sehr uns die Zeit davonläuft. Gregor Gysi wird nun allgemein als Spitzenmann bezeichnet. Und er ist auch einer. Er wirkt glaubwürdig, und seine programmatischen Ausführungen sind plausibel. Das ist echter Wahlkampf. Frau H(...) schrieb mir hierzu: "Ich bin kein Freund der SED, aber Realist genug, um der SED auf diesem Weg Chancen einzuräumen. Für uns gibt es nur einen Weg. Die vereinte Opposition muss sofort eine Gegenfigur aufbauen. Diese Leitfigur ist genauso wichtig wie das gesamte Programm, vor allem aus emotionaler Sicht.

Die alten Parteien dürften nur wenig Aussichten haben, also steht die Frage: SED - Oppositionelle Liga, die Du so eindringlich beschworen hast und die die einzige Lösung sein dürfte. Ansonsten bliebe ja einem parteilosen Bürger, der sich um den Bestand der DDR sorgt, nur eine Wahl in der Wahl, um keine Unregierbarkeit zuzulassen. Sollten etwa persönliche Rivalitäten eine Rolle spielen? Das wäre schlimm!"

Soweit zum Briefinhalt. In fast allen anderen Briefen spiegeln sich die gleichen Gedanken. Nun hat mir diese Leitfigur schon zwei schlaflose Nächte gebracht, denn wir haben keine solche Leitfigur. Ich persönlich halte diesen Punkt heute ebenfalls für äußerst wichtig, denn die Opposition ist zersplittert!

Die SED ist schon voll im Wahlkampf, und wir streiten noch um des Kaisers Bart! Wie lange eigentlich noch? In den eigenen Reihen des Neuen Forums treiben unverantwortliche Demagogen ihr Unwesen. Immer wieder fallen dabei die gleichen Namen: So wurde am 13. 12. 89 ein Gründungsaufruf an die Medien gegeben, in dem die Partei Neues Forum zur Mitgliedschaft aufruft. Dieser Aufruf wurde weder in der Konzeptionsgruppe, des Neuen Forum besprochen noch beschlossen. Weder der Sprecherrat, noch die Basisgruppen wurden hierüber befragt. Zwar können sich mehrere Personen zu einer beliebigen Partei zusammenschließen, keinesfalls aber im Namen bzw. mit dem Namen "Partei Neues Forum". Dies ist eindeutig Missbrauch eines Namens. Weiter wird die Geschäftsstelle des Neuen Forums in Karl-Marx-Stadt einfach in die Partei Neues Forum einverleibt. Dies ist ebenfalls ein totaler Vertrauensbruch. Wie schon erwähnt, fallen immer wieder die gleichen Namen auf, denn zu diesen so genannten Gründungsmitgliedern gehören, Herr Dr. B(...), Herr R(...) und auch Herr W(...)

Durch derartige Aktionen wird die Bevölkerung immer mehr und immer weiter vom Grundgedanken unserer Oktoberrevolution hinweggedrängt. Haben diese Herren schon wieder vergessen, wie nahe wir alle kurz vor dem Ende waren und dies eigentlich immer noch sind?

Wäre und ist es nicht wichtiger, uns gemeinsam für die kommenden Aufgaben einig und somit stark zu machen? Mein Aufruf richtet sich an alle! Lasst euch nicht durch solche verantwortungslose Karrieristen in die Irre leiten, haltet gerade jetzt mehr denn je zusammen. Unser Land braucht uns alle, und wir alle brauchen unser Land!

Hans B(...), Mitglied im Landessprecherrat Neues Forum

aus: freie presse, Nr. 296, 16.12.1989, 27. Jahrgang, Tageszeitung der SED für den Bezirk Karl-Marx-Stadt