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NEUES FORUM

"Stasi raus!" - Und wie weiter?

"Stasi raus!" erklang es vor Wochen vielstimmig auf Demonstrationen. Und auch das Ziel wurde genannt: "... in die Volkswirtschaft" - Also: "Stasi rein!", in Werkhallen und Büros, ins Transport- und Gesundheitswesen.

Aber auch in die Schule?

Bisher in unglaublichem Male bevormundet und durch ein ausgeklügeltes Überwachungssystem daran gehindert, vorgedachte Alternativen zu diskutieren und zu artikulieren, stehen wir nun vor dem Problem, sehr schnell und aus eigener Kraft neue, wirklich demokratische Strukturen zu entwickeln und mit den Folgen geschehenen Unrecht, staatlich sanktionierter Unmoral umzugehen. Jahrelang angestaute Ohnmacht und Angst sind nicht von heute auf morgen auszulöschen, ja zum Teil umgeschlagen in Hass, und die Realisierung der lautstarken Forderung stellt sieh als schwierig heraus. Was aber tun mit jenem kranken und schmerzenden Teil unsere "Körpers" Gesellschaft? Fest steht, dass wir mit jenen leben müssen, die uns bespitzelten, bedrohten und auch das ist wahr - noch immer nicht von ihrer Macht lassen wollen. Also ist Heilung nötig, ein sicher langwieriger Prozess, der Nachdenken und Einsicht (im doppelten Wortsinn) auf beiden Seiten sowie geeignete Maßnahmen erfordert.

Das NEUE FORUM möchte diesen Prozess in Gang setzen und fördern, indem es auf allen regionalen Ebenen die Bildung von Kommissionen zur Resozialisierung ehemaliger Mitarbeiter des MfS/AfNS anregt. Diese müssten aus Psychologen, Soziologen sowie Mitarbeitern der örtlichen Räte für Wirtschafts- und Arbeitsfragen bestehen und auf der Basis abgestimmter Programme Möglichkeiten der Schuldaufarbeitung, Therapie und Arbeitsbeschaffung in wirtschaftlichen und gesellschaftlich bedürftigen Bereichen schaffen. Dabei muss gelten: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Dass bereits ehemalige Mitarbeiter dieser Institutionen, durch die Abteilung Volksbildung eingestellt, übergangslos wieder als Lehrer vor Klassen stehen, erscheint uns jedoch mehr als fragwürdig. Wir lässt sich des mit der Forderung nach wirklicher Erneuerung, Moral und Wertefindung im Bildungswesen vereinbaren?

Gerade dieser Bereich gehört doch zu den sensibelsten unserer Gesellschaft. Ist in unseren Kindern und Jugendlichen nicht genug zerstört worden? Hat ihnen, den Suchenden, die Erkenntnis, dass Vertrauen falsch und missbrauchbar sein kann, nicht die tiefsten Gräben aufgerissen auf jenem neuen Weg, den wir gehen wollen?

Wir fordern daher die Zurücknahme dieser Entscheidung und eine Aussetzung auf mindestens zwei Jahre. Für Fächer wir Deutsch, Geschichte oder Sozialkunde, die eine gezielte ideologische Einflussnahme ermöglichen, muss die Beschäftigung solcher Lehrer generell abgelehnt werden. Hier gilt der oft missbräuchlich strapazierte Satz weiterhin: Es geht um unser ZUKUNFT!

aus: Lausitzer Rundschau, Nr. 30, 05.02.1990, 39. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung