DDR 1989/90Brandenburger Tor

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R(...) M(...) HAL Energie- und Wasserwirtschaft/BPO-Leitungsmitglied

Als Kommunist im Neuen Forum - Widerspruch oder Logik?

Kurzer Steckbrief: Geboren 1951. Erzogen in den 50er/60er Jahren in einer kinderreichen Familie. Frühzeitig mit Arbeit, Selbständigkeit, Einsatzfreudigkeit und Einsicht in Notwendigkeiten konfrontiert. Folgerichtig im Aufwind nach dem VIII. Parteitag der SED Kandidat und Mitglied meiner Partei. Parteifunktionen, ab 1977 Fernstudium, ab 1978 Leitungsfunktionen in staatlichen Leitungen. Überzeugter Kommunist!

Woher kommt nun mein erklärtes Engagement für das Neue Forum, eine Organisation, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch verfassungswidrig ist, nach meinem Erachten jedoch am 8.11.89 auf jeden Fall von unserem Minister des Inneren legalisiert werden muss . . . sonst?

Ich möchte niemals zu den Leitern und Genossen zählen, die da heute, unter dem Druck der Ereignisse plötzlich "alles schon lange vorher gewusst und gesagt" haben. Ich ziehe mir seit Wochen die Jacke persönlich an, dass wir Genossen, und erst recht gewählte Leitungsmitglieder und Leiter in staatlichen Funktionen seit Jahren die Entwicklung verfolgen und richtig einschätzen konnten. Jawohl, wir haben auf breiter Linie versagt, nicht in der Erkenntnis der Situation, sondern darin, dass wir unseren übergeordneten Parteileitungen nicht so energisch gegenübergetreten sind, wie es notwendig gewesen wäre. Dabei entschuldigt auch nicht, dass uns die anerzogene Parteidisziplin nicht zu einem solchen Konsens gebracht hat, wie es heute, zumindest in den ersten programmatischen Erklärungen das Neue Forum vorschlägt.

Damit bin ich bei meinem Anliegen. Ist es ein Widerspruch oder eine logische Entwicklung, dass ich zunächst emotional und dann zunehmend sachlich begründet, den Weg zum Neuen Forum suchte und fand, um aktiv mitzuarbeiten?

Ausgehend von jahrelangem "Nichtgehörtwerden" bei fachlichen Entscheidungen, ich denke dabei nur an Kritiken, die Koll. S(...) und ich als verantwortliche Bauleiter des Heizwerkes 1983 und später bis in unseres und andere Ministerien vorbrachten, begann auch die politische "Denkmühle" bei mir immer schneller zu mahlen. Vor und nach den Volkswahlen am 7.5.89, den Ereignissen in der VR China, dem Ausbluten unseres Volkes im August und September 89 durch die Massenflucht junger Menschen aus unserer Republik, der absoluten Sprachlosigkeit meiner Parteiführung, des Im-Stich-Gelassenseins der Grundorganisation bis hin zu den Fehlentscheidungen, die Botschaftsbesetzer in Prag ein zweites Mal über Dresden ausreisen zu lassen, zog sich ein großer Kreis, der mich in absoluten Widerspruch und dazu führte, dass ich innerparteiliche Disziplin in ihrer falschesten Form, der völligen Unterordnung unter nichtsozialistische Diktatur, durchbrach. Ich beschäftige mich nun theoretisch und später praktisch mit den Absichten des Neuen Forums und musste feststellen, dass diese genau die Volksaussprache und Volksverständigung ermöglichen, die meine Parteiführung so lange verhindert hat.

Sollte die Redaktion unseres Schlachthofturmes zustimmen, lesen Sie nebenstehend die letzte Veröffentlichung des Neuen Forum vom 30.10.89 aus dem Koordinierungsausschuss Dresden-Süd.

Festzustellen ist, dass ich an der öffentlichen und demokratischen Diskussion aller dieser Probleme genauso interessiert bin wie die meisten Bürger unseres Landes. Festzustellen ist, dass das Neue Forum zur Erfüllung seiner selbst übernommenen Verpflichtung als demokratische Plattform für den Dialog aller gesellschaftlichen Kräfte der DDR Hilfe und Unterstützung durch alle benötigt.

Festzustellen ist, dass gerade Mitglieder der SED in diesem Neuen Forum dazu beitragen können und müssen, um jahrelang verspieltes Vertrauen zu uns Kommunisten wieder zurückzugewinnen.

Da ich mich als Kommunist fühle und dazu bekenne, meine ganze Kraft für das werktätige Volk der DDR einzusetzen, mancher sollte sich heute wieder mit Marx, Engels, Lenin und Thälmann beschäftigen, ist für mich der Weg zum Neuen Forum kein Widerspruch, sondern notwendiges und logisches Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung in unserer Gesellschaft. Dabei spielen viele Diskussionen mit Parteilosen, Parteifreunden der Blockparteien, ganz besonders aber auch mit Christen in den letzten Jahren eine Rolle, die Toleranz und Akzeptanz gegenüber so genannten "Andersdenkenden", die gar nicht anders denken, zu finden, die ich mir für die nächste und fernere Zukunft auch mir und anderen Kommunisten gegenüber wünsche. Der Führungsanspruch der SED muss eingehen als Beitrag in die demokratische Führung aller Werktätigen in ihren gewählten Volksvertretungen. Nur so können Wiederauftreten von Personenkult und Stalinismus von vornherein verhindert werden.

Die Gesellschaftswissenschaftler müssen sich endlich neu auseinandersetzen mit Begriffen und Definitionen, wie:

Wie verwischen sich die Grenzen zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft?

Wie definieren wir das werktätige Volk, das im Staat die Macht ausübt?

Welche Rolle kann oder soll dabei eine kommunistische Partei übernehmen?

Darf sich ihre Führung weiterhin in wirtschaftliche Probleme einmischen oder liegt die Aufgabe der kommunistischen Partei nicht doch mehr auf der politischen Arbeit?

Hat eine kommunistische Partei in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft es nötig, Angst vor ihrem Volk zu haben? Durch welche demokratischen Wirkungsmechanismen baut man diese Angst ab?

Ist die demokratische Freiwilligkeit des gesamten werktätigen Volkes nicht ungleich höher einzuschätzen als eine Diktatur nur einer Partei - ich denke hierbei besonders wieder an Ernst Thälmann und seine theoretische und praktische Weiterentwicklung des Marxismus/Leninismus?

Es wären noch viele Fragen zu stellen. Doch das sprengt den Rahmen. Wer sich mit mir, ob positiv oder negativ, ob konstruktiv oder destruktiv über diese und andere Probleme austauschen möchte, der findet mich. Ansonsten stehe ich im Neuen Forum Dresden-Süd zur Verfügung.

aus: Schlachthofturm, Ausgabe Nr. 18/89, 14. November 1989, 33. Jahrgang, Organ der SED-Betriebsparteiorganisation des VEB Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb Dresden, Herausgeber: SED-Betriebsparteiorganisation des VEB Schlacht- und Verarbeitungsbetriebes - Stammbetrieb des VEB Dresdner Fleischkombinat

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