DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Schluss mit Horch & Guck

Zwei Nähnadeln gehen spazieren und unterhalten sich. "Pst!" sagt plötzlich die eine, "hinter uns geht eine Sicherheitsnadel" Was waren das für Zeiten, als man beim Briefeschreiben außer an den Adressaten noch an den unbekannten Mitleser dachte und ihm Rätsel aufgab oder ihm zwischen den Zeilen zu verstehen gab, was man von ihm und seinesgleichen hielt!

Wer jahrelang fremde Post liest, erlangt sicher ungeheure Fertigkeiten, staatsfeindliche Bemerkungen selbst dort zu entdecken, wo der Schreiber gar keine versteckt hatte. Ich wüsste gern Anzahl und Höhe der Prämien, die meine heimlichen Mitleser durch mich im Laufe der Zeit verdient haben! Denn sicher wetteiferten auch die seh- und hörscharfen Genossen im sozialistischen Titelkampf miteinander.

Als ihnen jetzt endlich das staatssozialistische Handwerk gelegt wurde, reagierten manche von ihnen wie trotzige Burschen, die bei verbotenen Spielen entdeckt worden sind. Und mancher trennte sich äußerst ungern von seiner Dienstwaffe. Ich habe gesehen, wie sie wutentbrannt Aktendeckel aus Blechschränken rissen und ihre Pistolen auf den Tisch knallten. Es lief mir eiskalt über den Rücken bei dem Gedanken, ich wäre diesen subventionierten Menschen(rechts)verächtern in die Hände gefallen. Die Vorgesetzten mühten sich um moderates Auftreten. Sie versuchten, die Lage ihrer Leute verständlich zu machen: der plötzliche Verlust ihres Jobs, das ihnen begegnende Misstrauen in der Bevölkerung, die Unwilligkeit der Werktätigen, sie als neue Kollegen zu akzeptieren.

Die Tätigkeit der Mitarbeiter des MfS lässt sich beurteilen als volksfeindliche Tätigkeit im Auftrage einer verbrecherischen Staatsführung. Wie war es möglich, dass sich diese Menschen für eine solche Tätigkeit gewinnen ließen? Abenteuerlust, nach dem Bild "Agent Nr. 007"? Dummheit, im Sinne von "Staatsschutz als ehrenhafteste Aufgabe"? Oder Arbeitsunlust, nach der Devise "So wenig tun wie möglich; Hauptsache, das Geld stimmt"?

Manche unter ihnen waren vielleicht wirklich überzeugt, staatstragend gedient zu haben, jedoch: Was für ein Menschenbild müssen diese Leute haben? Ich stelle sie mir seelisch verkrüppelt und geistig vergewaltigt vor und beginne jetzt, nachdem sie in der Luft hängen, Mitleid mit ihnen zu bekommen. Ich wünsche ihnen eine wirksame Rehabilitation, die ihre seelischen und geistigen Defizite in kürzester Zeit ausgleichen hilft und sie als vollwertige Glieder in unsere sich entwickelnde demokratische Gesellschaft einordnen lässt. Der Machtapparat, deren hervorragender Teil sie waren, hat sie in ihrer Persönlichkeit total korrumpiert. Chancenreich könnten sie meiner Meinung nach nur in moralisch gefestigten Kollektiven unter Leitung integrer Staatsbürger rehabilitiert werden - Gleiches gilt für Partei- und Staatsfunktionäre aller Führungsebenen im Land.

Keinesfalls dürfen wir zulassen, dass diese Mitverantwortlichen am moralischen und wirtschaftlichen Bankrott unseres Staates in leitende Funktionen umgesetzt werden! Sie sollen ihrer jeweiligen Qualifikation entsprechend einen Arbeitsplatz und Gehalt bekommen, von führenden Positionen allerdings müssen sie bis auf weiteres ausgeschlossen sein. Ebenfalls darf es für sie keine sie begünstigenden Sonderregelungen geben. - Wer sich einer Begünstigung schuldig macht, muss zur Rechenschaft gezogen werden!

Das Ministerium für Staatssicherheit hätte kaum so angstverbreitend funktionieren können, hätte es nicht die vielen zigtausend gekauften oder erpressten Informanten gegeben. Sie sind täglich in unserer Nähe gewesen und sind es auch heute noch. Es ist eine Sache ihres Gewissens, wie sie mit der Last der Vergangenheit fertig werden. Wir sollten uns vor Verdächtigungen hüten und nicht verbiestert in jedem uns unsympathischen Nachbarn oder Kollegen einen Vertreter der einstigen Firma Horch und Guck vermuten. Wer andere Mitbürger verunglimpft, verhält sich moralisch nicht besser als jene Denunzianten. Dem Unrecht muss endgültig ein Ende bereitet werden.

Klaus Gubener, NEUES FORUM

aus: Neue Zeit, 46. Jahrgang, Ausgabe 28, 02.02.1990, Tageszeitung der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands

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