DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Demokratie - kein Alleinanspruch

Das Neue Forum durchlebt zur Zeit eine Krise, dies kann aber gar nicht anders sein, denn Basisdemokratie bedeutet Ja auch Meinungsfreiheit. Dies setzt aber auch wirkliches Demokratieverständnis voraus, also die Bereitschaft, auch die Meinung anderer zu akzeptieren, was aber nicht bedeutet, Chaos zuzulassen und ein solches zu verbreiten. Bald werden wir vor die Wahl der Wahl gestellt, das heißt im Klartext: Wie wollen wir wählen, was wollen wir wählen, wen wollen wir wählen?

Für uns ist dies Neuland, andere haben schon Erfahrungen im Wahlkampf, nicht aber im wirklich demokratischen Wahlkampf. Mein Vorschlag wäre, alle Oppositionsgruppen in einer Liga zu vereinigen, um so einen optimalen Wahlkampf führen zu können. Das bedeutet, alle Oppositionsgruppen an einen Tisch zu bringen, um eine gemeinsame Linie zu finden.

Ich bitte nun die "SDP", den "Demokratischen Aufbruch", "Demokratie Jetzt", die "Grünen", die "Freunde der DOP" und das "Neue Forum", setzt euch alle an einen Tisch, damit wir uns zu einer arbeitsfähigen oppositionellen Liga zusammenfinden und wenn es sein muss, auch zusammenraufen können. Natürlich müssen wir dazu alle guten Willens sein.

Auf uns alle warten noch viele Tage Arbeit, und wir haben einen schweren Weg vor uns. Es kann und darf nicht sein, dass sich Oppositionsgruppen gegenseitig und untereinander zerstören. Ich appelliere an unser aller Vernunft, denn die Geschichte lehrt uns Einigkeit!

Denn nur so können wir unser fast ausgeblutetes Land wieder lebenswert und liebenswert machen.

Meine persönliche Meinung habe ich hiermit erklärt, und ich hoffe, dass wir uns in grundsätzlichen Fragen einigen können.

Hans Bahr,
Mitglied im Landessprecherrat Neues Forum

Aus: Forum des Neuen Forum, freie presse, Nr. 290, 09.12.1989, 27. Jahrgang, Tageszeitung der SED für den Bezirk Karl-Marx-Stadt