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"Die Zeiger der Uhr stehen auf fünf nach zwölf"

Mitglieder des Neuen Forums Leipzig, Pfarrer Michael Turek und Brückenbauingenieur Ernst Demele, zu den Gründen für die Massendemonstration

taz: Trotz verschiedener Appelle, nicht zu demonstrieren und demonstrativer "Dialogbereitschaft" von Partei- und Staatsführern zogen über hunderttausend Menschen durch Leipzig. Wie ist das zu erklären?

Michael Turek: Das verstehen viele nicht. Die Demonstrationen sind nicht organisiert. Da gehen Menschen auf die Straße, die seit Jahren einen hohen Handlungsbedarf haben, der entlädt sich jetzt. Auf Leipzig hat es sich konzentriert, durch die Regelmäßigkeit der Friedensgebete. Montag siebzehn Uhr ist die Stadt voll. Mit Appellen, Polizeieinsätzen und anderen Repressionen lässt sich nichts mehr aufhalten. Es ist vorbei, die Zeiger der Uhr stehen auf fünf nach zwölf. Weil die Demonstrationen durch niemanden organisiert sind, kann man auch an niemand appellieren, einzugreifen und etwas zu verhindern. Es ist wahnsinnig schwer, die Emotionen, die sich in den Demonstrationen äußern, umzuleiten in Gespräche. Toll, was da angeboten wird und in den Medien geschieht, aber das vollzieht sich auf einer rationalen Ebene. Die Befindlichkeit der Demonstranten lässt sich nicht in Gesprächen wiederherstellen.

Ernst Demele: Zu den Teilnehmerzahlen würde ich erstmal sagen: mächtig, gewaltig, überwältigend. Ich hätte den Massenauflauf nicht für möglich gehalten. Die Gegenaufrufe von Kirchenseite kamen von Leuten, die man nicht als repräsentativ angenommen hat. Zweitens hat die Presse überhaupt nicht auf die Situation reagiert. Nach wie vor hat sie die Leute, die zu Demonstrationen gehen, ins Abseits gestellt, ihren Anspruch nicht ernst genommen. Wenn nicht ein einziges Mal überzeugend ein Fehler zugegeben wird, dann liegt keine Verarbeitung vor. Und das merken die Leute. Sie haben gerufen: "Wir sind das Volk, wir sind die Mehrheit." Es wird ganz klar differenziert: Auf der einen Seite steht eine regierende Minderheit, auf der anderen Seite ein Volk. Wenn das nicht angenommen wird, geht man auf die Straße. Hinsichtlich des "Dialoges" haben die Offiziellen nicht begriffen, worum es geht. Die denken jetzt, Hauptsache, man plappert ein bisschen miteinander und dann sind die Probleme weg.

Können Demonstrationen positiven Druck auf die Machthaber ausüben?

Turek: Das denke ich schon. Alles was sich bewegte oben, hängt ja mit den Demonstrationen zusammen. Auch die Freilassung der seit dem 11. und 18. September wegen "Zusammenrottung" Inhaftierten kommt nicht von ungefähr. Die Leute sind frei, aber die Geldstrafen noch nicht aufgehoben.

Wird man das Neue Forum weiter ausgrenzen können?

Turek: Es wird versucht werden. Aber es geht ja nicht mehr nur allein um die Gespräche, sondern auch um die nächsten Wahlen. Gemeinsam mit anderen Gruppen will das Neue Forum ja Kandidaten aufstellen. Das ist der Knackpunkt. Um diese Alternative zu verhindern, wird gesagt, neue Foren seien eigentlich nicht nötig, die FDJ das größte Forum überhaupt. Ich weiß es nicht, wie lange die Zulassung des Neuen Forums noch verweigert wird. Dass die Gruppe sich nicht äußern kann, ist ein Riesenproblem. So behauptet jeder, er sei ein Sprecher. Falschmeldungen und Gerüchte komplizieren die Situation unnötig.

Demele: So ganz stimmt das nicht mehr. Es gibt sieben Sprecher, alle anderen - so wie wir beide - können reden, aber nur als Mitglieder. Dass das in den Zeitungen - auch in Westdeutschland - anders rüber kommt, können wir nicht verhindern. So ist es zum Beispiel eindeutig falsch, dass das Neue Forum für eine Demonstrationspause plädiert hat. Das war die Meinungsäußerung eines einzelnen Mitgliedes.

Aber bleiben wir noch mal bei den Leipziger Gesprächen in der letzten Woche. Bitte nicht übertreiben. Die Amtskirche wollte sich mit ein paar sympathischen Gästen an einen Tisch setzen mit dem Bezirksrat. Da wurde schon kräftig mit der Nase gerümpft, weil einfach auch welche gekommen sind, die man nicht wieder rausschmeißen konnte. Von wegen, damit sei das Versprechen vom Montag eingelöst, den Dialog zu führen, wie es hier verbreitet wurde. Das ist wieder das alte Vertuschen.

Das Neue Forum hat noch keinen Zugang zu den Medien. Warum hat keiner die Gelegenheit während der Demonstration genutzt und zum Beispiel von der Fußgängerbrücke am Friedrich-Engels-Platz eine Rede gehalten?

Turek: Ja, ja, da braucht man technische Mittel, die hier fehlen. Am Ende der Demonstration hieß es: "Da spricht jemand vom Neuen Forum." Hoher Erwartungsdruck, alle hin. Man kann natürlich nichts verstehen. Jeder der sich als Neues Forum ausgibt, bekommt Zuhörer. Das ist eine ganz neue Situation.

Demele: Vielleicht haben wir noch zuviel Angst, um eine Ansprache zu halten. Ich traue es mir nicht zu, mich vor soviel Leute zu stellen und denen zu sagen, ich habe euch etwas mitzuteilen. Auch wenn ich Tag und Nacht darüber nachdenke, was ich ins Forum einbringen und dort verwirklichen will. Dazu brauchen wir Zeit. Es stimmt, wir können den Erwartungen im Moment nicht gerecht werden. Die Leute rufen nach dem Neuen Forum, aber sie haben keine Vorstellung davon, welche konstruktive Arbeit nötig ist, wenn man mit der Staatsgewalt ins Gespräch kommen will. Eine Rede halten kann irgendwann jeder, aber wir wollen Verantwortung übernehmen. Es gibt eine Reihe von Parallelen zu den Anfängen der Solidarność und der Grünen Bewegung in Westdeutschland.

Wie bewerten Sie als Pfarrer, Herr Turek, das widersprüchliche, zum Teil ängstliche Verhalten der Leipziger Kirchenoberen gegenüber dem Neuen Forum?

Turek: Mir sind zu viele Theologen dabei, dadurch erhält die Sache eine Schlagseite, die das Neue Forum als außerkirchliche Plattform nicht haben will. Dann ein Beispiel vom Montag. Ich wollte in der Thomaskirche eine Erklärung des Neuen Forums verlesen. Das wurde abgelehnt. Ich akzeptiere die Begründung, das Neue Forum dürfe nicht zur kirchlichen Angelegenheit werden. Superintendent Richter sagte mir zusätzlich, wenn das Neue Forum sich äußert, dann müssen die anderen Gruppen sich auch äußern, und das könne die Kirche nicht zulassen. Das Neue Forum muss zu anderen Formen der Öffentlichkeit greifen, aber das läuft ja auch an.

Wie wird es nächsten Montag in Leipzig aussehen?

Turek: Jeder Montag ist ganz anders, hat sein eigenes Gesicht. Es wird darauf ankommen, wie die Kommentare in den Zeitungen aussehen, was in den Betrieben passiert, was sich überhaupt tut in der Woche.

Demele: Wir können die Leute nicht von der Straße schicken, weil wir sie nicht hinschicken. Selbst wenn das Neue Forum so etwas sagen würde, würden wir die Massen gar nicht erreichen. Kein Mensch hat offiziell gesagt, es gibt das Neue Forum. Aber wenn es um Demonstrationen geht, sollen wir sie verhindern. Das ist verrückt. Nicht wir, sondern die Regierenden müssen handeln. Tun sie es weiterhin nicht, werden die Menschen wieder demonstrieren.

Das Gespräch führte Petra Bornhöft (Mit besonders herzlichem Gruß an die Stasi-Nasen der Republik. Alles, was Ihr tut - Einreiseverbote inclusive - ist ebenso gemein wie nutzlos.)

aus: Taz, 18.10.89

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