DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Ein Pfarrer als Kriegsminister

Bei einer Demonstration von Wehrdiensttotalverweigerern in Ostberlin am 4.5.90 hielt Bärbel Bohley folgende Rede:

Ich möchte gern ein paar Worte zu Euch sagen, weil mein Einstieg in die Politik mit meinem Engagement für Frieden zu tun hat. Ich bin 1945 in Berlin geboren und die Ruinen in Berlin haben meine Kindheit mitbestimmt. Ich kann mich daran erinnern, dass es damals noch Leute gab, die auf der Straße Unterschriften dafür sammelten, dass nie wieder ein Deutscher ein Gewehr anfasst. Jahre später haben Leute wieder an der Mauer geschossen. Weil sie wieder ein Gewehr angefasst haben, waren sie genötigt, anderen in den Rücken zu schießen.

1962 ist die Wehrpflicht eingeführt worden und es ist nur den Wehrdienstverweigerern zu verdanken, dass es Bausoldaten gegeben hat, was damals einmalig für die sozialistischen Länder war. 1982 gab es das neue Wehrdienstgesetz mit der erstmaligen Einführung der Wehrpflicht für Frauen. Damals sind einige Frauen darauf aufmerksam geworden, was ihnen droht und sie haben die Initiative "Frauen für den Frieden" gegründet. Sie sind dafür zum Teil schwer unter Druck gesetzt worden und sind auch in den Knast gegangen.

Irgendwann ist uns klar geworden, dass sich das ganze Land ändern muss, dass es sonst keinen Frieden geben kann und keinen wirklichen Einsatz für den Frieden, dass wirklich die Menschenrechte geändert werden müssen.

Wir haben das Land verändert und wir haben jetzt jemanden als Verteidigungs- und Abrüstungsminister, den ich aus der Friedensbewegung seit langer Zeit kenne, der sich immer als Pazifist vorgestellt hat. Als Eppelmann zum Minister berufen wurde, hat mich eine Frau angerufen und gesagt: "Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass wir jetzt einen Pfarrer zum Kriegsminister haben!" Und ich muss sagen, dass es meiner Meinung nach leider so aussieht. Die großen Worte sind alle weg. Es ist scheinbar nicht mehr möglich zu sagen, wir wollen die Wehrpflicht abschaffen. Ich frage mich wirklich, wer dahinter steckt. Vorher gingen solche Ratschläge wahrscheinlich von Moskau aus. Und ich denke, dass jetzt Bonn dafür verantwortlich ist, dass aus dem Pazifisten Eppelmann vielleicht doch ein Kriegsminister wird, auf jeden Fall einer, der die Jugendlichen bei uns wieder in den Knast stecken will, wenn sie nicht zur Armee gehen.

Ich denke, dass uns da nur eins hilft, - dass wir sagen: Rüsten wir selber ab! Das Neue Forum hat dazu eine Initiative ins Leben gerufen. Es sammelt in allen Bezirksbüros die Wehrpässe ein. Ihr kriegt eine Quittung dafür. Die Wehrpässe schicken wir an Minister Eppelmann.

aus: telegraph, Nr. 9, 14. Mai 1990, Herausgeber: Umwelt-Bibliothek Berlin