DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Der Mut und die Freiheit zu eigener Meinung

NNN-Gespräch mit Dr. rer. nat. Rainer Ohff, Mitglied des vorläufigen Koordinierungskreises Neues Forum Rostock

Dürfen wir Sie um eine kurze Positionsbestimmung des Neuen Forums bitten, verbunden mit einigen kommunalen Belangen, die die Arbeit betreffen können?

Das Neue Forum versteht sich als eine unabhängige Bürgerbewegung ohne Grenzen weltanschaulicher oder parteilicher Art. Wir wollen eine politische Plattform sein, die eine demokratische Gesellschaft und einen menschlichen und demokratischen Sozialismus aufbaut. Wir wollen, dass die Strukturen verändert werden, die zu der gegenwärtigen Krise in unserem Land geführt haben. Das erfolgt unter Anerkennung der Zweistaatlichkeit Deutschlands als Folge einer schuldhaften Vergangenheit und bei eindeutiger Distanzierung von allen neofaschistischen Tendenzen. In der Kommunalpolitik haben wir als ersten Punkt vorgeschlagen, dass sich das Neue Forum in Rostock, wenn es dann einmal gegründet wird und sich konstituiert hat, mit dem Problem Wasser befasst, dass heißt, Trinkwasser, Abwasser - also das Wasser als Komplex.

Gibt es da genug Spezialisten in Ihren Reihen?

Es haben sich sehr viele Spezialisten angeboten, und wir glauben, dass wir dann in Zusammenarbeit mit den im Stadtgebiet Rostock vorhanden Fachleuten zu klaren Sachaussagen, Forderungen und auch Verbesserungen kommen können. Es liegt ein akutes Bedürfnis in Rostock vor, dass wir mithelfen wollen, diesem Bedürfnis nach Verbesserung der Wasserqualität, Abwasserqualität, Ostseewasser usw. gerecht zu werden als ersten Punkt einer kommunalen Mitarbeit.

Das heißt dann, dass Sie nicht mehr ausschließlich das Dach der Kirche als Ort des Gedankenaustausches benötigen, sondern in die Öffentlichkeit treten.

Wir wollen als unabhängige politische Plattform anerkannt werden, das ist seit dem Anfang des Neuen Forums unser Ziel, es ist bisher nicht gelungen, aber wir hoffen es, und damit kann dann auch eine Trennung von der Kirche erfolgen, die uns bisher ihre Räume als einzige für unsere Tätigkeit zur Verfügung gestellt hat.

Im Gespräch zwischen Oberbürgermeister, Vertretern des Neuen Forums und Kirche wurde der Vorschlag gemacht, ein Bürgerkomitee zu bilden von den verschiedenen Trägern der Demonstrationen. Wie steht es darum?

Die Meinungsbildung dazu ist nicht abgeschlossen, so dass wir noch nicht vollständig über die Zusammensetzung des Bürgerkomitees informiert sind. Es ist richtig, dass die Demonstrationen in Rostock einer Leitung bedürfen und dass diese Leitung dann auch Organisationsfragen bei den Demonstrationen zu übernehmen hat.

OB Dr. Schleiff hat dem Neuen Forum ein Gespräch angeboten. Ist das Neue Forum dazu bereit?

Ja.

In der weltanschaulichen, und parteilichen Toleranz, die das Neue Forum übt, liegt auch eine Gefahr, und es gibt Anzeichen dafür, dass man bestrebt ist, das Neue Forum inhaltlich-politisch aufzuweichen. Wie kann man sich dagegen wehren?

Wir wollen erreichen, dass sich jeder Mensch in unserem Land eine eigene politische Meinung schafft und den Mut und die Freiheit hat, und die demokratischen Verhältnisse vorfindet, diese eigene Meinung auch zu vertreten. Ich glaube nicht, dass bei den großen inhaltlichen Problemen und Sorgen, die unser Land drücken, diese Aufweichung in absehbarer Zeit Erfolg haben kann, da nur durch eine offene, ehrliche Diskussion nach Wegen gesucht werden kann und Wege gefunden werden können, um aus der gegenwärtigen Situation herauszukommen.

Wie viele Mitglieder hat das Neue Forum in Rostock?

Die Zahlen verändern sich täglich, so dass wir als Zahl angeben können, wir haben 1 000 bis 2 000 Mitglieder, aber eine exakte Statistik aktuell ist für uns nicht möglich.

Die Hauptrepräsentanten Bärbel Bohley und Rolf Henrich vertreten verschiedene Positionen zum Führungsanspruch der Partei der Arbeiterklasse. Können Sie unseren Lesern das etwas näher erläutern?

So viel wie mir bekannt ist, ist Herr Henrich der Auffassung, dass das Machtmonopol der SED bewiesen werden muss durch diese Partei, das ist eine Aussage, die nicht de facto oder de jure das Machtmonopol anerkennt. Wir in Rostock werden uns um eine Meinungsbildung zu dieser Frage bemühen. Wir schlagen vor, dass das Volk über den Artikel 1 der Verfassung und über den SED-Führungsanspruch, über das Machtmonopol einer Partei, entscheidet.

Wie haben Sie persönlich die bestimmt nicht leichten Prozeduren der letzten Wochen und Tage überstanden?

Wenig Schlaf. Viel Aufregung. Viel Arbeit, aber auch Freude.

Furchtlos?

Ohne Furcht kann man angesichts der vielen, die uns in Furcht versetzen und der vielen Probleme, die uns Furcht versetzen, gar nicht sein.

(Gespräch: W. Grahl)

aus: Norddeutsche Neuste Nachrichten, Nr. 259, 03.11.1989, 37. Jahrgang, Bezirkszeitung der National-Demokratischen Partei Deutschlands, Herausgeber: Präsidium des Hauptausschusses der National-Demokratischen Partei Deutschlands

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