DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Als Nichtschwimmer im kalten Wasser der Politik

NT sprach mit Rolf Proksch, Vertreter des Bezirkes Frankfurt (Oder) im Landessprecherrat des Neuen Forums

Rolf Proksch ist 54 Jahre alt und als Lehrer für Deutsch und Sports an der POS Görzig tätig. Er gehörte nie irgendeiner Partei an. Herr Proksch ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Das Neue Forum nahm eine rasante Entwicklung - im September 89 noch als verfassungs- und staatsfeindlich eingestuft, heute eine anerkannte Bürgerbewegung. Was ist das für Sie für ein Gefühl?

Ein gutes. Ich will nicht unbescheiden sein. Aber ich halte uns nicht nur für eine anerkannte Bürgerbewegung, sondern wir sind m. E. das Beispiel dafür, was wir in ein zukünftiges Deutschland an Verständnis von Basisdemokratie einbringen müssen.

Die Vereinigung beider deutscher Staaten wird über kurz oder lang stattfinden. Wie ist die Position des Forums dazu?

Wir sehen die Vereinigung auch mit Riesenschritten auf uns zukommen. Im Gegensatz zu manchen Parteien allerdings, die alles dafür tun, dass dieser Prozess unüberlegt und überstürzt verläuft, will das Neue Forum die Einheit der Nation nicht so schnell als möglich, sondern so gut als möglich für die Menschen in der DDR.

Nun sind die Volkskammerwahlen auf den 18. März vorgezogen. Trifft das die Interessen Ihrer Bewegung?

Ich betrachte das als Schmälerung der Chancen für die demokratischen Kräfte. Mit unvergleichlich weniger Mitteln, nur in ehrenamtlicher Arbeit stehen wir in nun noch kürzerer Zeit im Wahlkampf mit altetablierten Parteien, die auf einen ausgeprägten Apparat zurückgreifen können. Zudem halte ich den Ausstieg der SPD, die natürlich auch dank der massiven Unterstützung durch ihre BRD-Schwesterpartei "dicke" da ist, aus unserem Wahlbündnis für eine Entscheidung gegen die Menschen hier.

Aus vielen Briefen der Leser an unsere Redaktion geht hervor, dass sie sich angesichts des Parteigezänks im Wahlkampf schwer für irgendeine Kraft entscheiden können, der sie am 18. März ihre Stimme geben sollen. Können Sie bitte kurz die Ziele umreißen, für die das Neue Forum eintritt?

Wir setzen uns u. a. ein - und das trifft auch immer für den ganz unmittelbaren kommunalen Bereich zu - für die Einbindung der Ökologie in alle wirtschaftlichen Prozesse, für die Garantie der demokratischen Mitbestimmung der Beschäftigten, für das Recht auf Arbeit, auf Wohnraum, Chancengleichheit in der Bildung - als Lehrer weiß ich, wie "gleichberechtigt" z. B. Pfarrerskinder bei uns waren - für den Schutz sozial Schwacher, von Minderheiten, von Behinderten.

Auf den vom Neuen Forum organisierten Demos gibt es lautstarke Forderungen gegen die SED-PDS. Das lässt den Eindruck entstehen, Sie führten den Wahlkampf gegen eine Partei und nicht für eine Sache.

Dieser Eindruck trügt. Wir sind dafür, dass sich die SED-PDS auflöst. Das, hat nichts damit zu tun, dass es in dieser Partei viele ehrliche Genossen gibt. Aber als Partei hat sie uns in diese jetzige Katastrophe geführt und ihr Existenzrecht verwirkt. Wir hegen natürlich ebenso tiefes Misstrauen gegen die Blockparteien, die das Ganze ja mitgemacht haben. Wir setzen uns schon für bestimmte Ziele ein, grenzen uns aber gegen die vorher genannten Kräfte eindeutig ab.

Wenn Sie die jetzige Situation im Wahlkampf sehen - was bewegt Sie da?

Wir konnten in unserem Land hier Demokratie ja nie üben. Deshalb sehe ich unsere Zukunft, unsere friedlich begonnene Revolution gefährdet, wenn es zu einer weiteren Polarisierung der Kräfte bei uns kommt. Mich beängstigt die Aussicht, dass sich ein rechtes - mit DSU, CDU und LDPD - oder linkes Bündnis mit SPD, PDS und anderen Kräften durchsetzen könnte. Deshalb hoffe ich für die Bürgerbewegungen wie Demokratie Jetzt, Initiative für Frieden und Menschenrechte und Neues Forum auf das Votum der Wähler.

Basisdemokratie, wie das Neue Forum sie praktiziert, bringt neben der demokratischen Einbeziehung vieler Menschen in Entscheidungsprozesse vor allem auch viel Arbeit, im gegenwärtigen Wahlkampf sicher große Belastungen mit sich. Woher nehmen Sie Kraft und Optimismus, um das durchzustehen?

Wir wurden als Nichtschwimmer in das kalte Wasser der Politik geworfen und haben dafür ganz gut gepaddelt, sprich: schon eine Menge erreicht. Ich glaube nicht an die Zukunft der DDR, aber ich glaube an die Menschen hier, dass sie was anzufangen wissen mit der jetzt gebotenen Chance zur Demokratisierung.

Es fragte Waltraut Tuchen.

Neuer Tag, Frankfurt (Oder), Nr. 29, 03.02.1990, 39. Jahrgang, Herausgeber: Verlag Neuer Tag

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