DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Risiko
Kernkraft

Interview mit Sebastian Pflugbeil,
Vertreter des NEUEN FORUM im Kabinett Modrow

"Energie in der DDR - Woher und wohin?" - unter dieser Fragestellung treffen sich vom 22. bis 24. Februar Experten aus verschiedenen Ländern in der Berliner Charité. Veranstalter des Kongresses ist das NEUE FORUM, Initiator Minister Sebastian Pflugbeil.

DIE ANDERE: Herr Pflugbeil, was versprechen Sie sich von diesem Kongress?

S. Pflugbeil: Wir beobachten seit vielen Jahren, dass die Energiepolitik der DDR wichtige Aspekte völlig außerhalb ihres Gesichtsfeldes gelassen hat, Umweltschutz beispielsweise, soziale Probleme, wirtschaftliche Effektivität. Deshalb haben wir - wenige engagierte Leute im Bereich der Kirche; Physiker, Mathematiker, Chemiker, Ingenieure - den Versuch unternommen, den Zustand der Energiewirtschaft in der DDR zu umreißen. Zugleich haben wir uns in unserer Studie bemüht, die ethnische und ökologische Dimension des Problems zu erfassen. 1988 erschien die Studie "Energie und Umwelt", damals konnte sie nur beim Bund der evangelischen Kirchen gedruckt werden.

DIE ANDERE: Und was ist heute zu tun?

S. Pflugbeil: Jetzt, denke ich, haben wir die Verpflichtung, konkreter zu werden, als das in dieser Studie erreichbar war. Das ist jetzt auch möglich, weil in vielen Bereichen erstmalig Daten zugänglich sind, die für die exakte Analyse ökologischer und wirtschaftlicher Probleme gebraucht werden. Der Kongress soll also durch die kontroverse Diskussion unter Experten und Betroffenen eine fundierte Entscheidung über die künftige Energiepolitik unseres Landes ermöglichen. Wir haben zwar enorme Schwierigkeiten wegen des desolaten Zustandes unserer gesamten Energiewirtschaft und sind vermutlich nicht in der Lage, diese Schwierigkeiten aus eigener Kraft zu lösen. Wir haben aber auf der anderen Seite eine große Chance: die Chance, durch den Neuaufbau einer Energiewirtschaft, der nicht gebremst wird von mächtigen alten Energieversorgungsstrukturen? den wissenschaftlich-technischen Höchststand ungehindert einzusetzen. Unser Land könnte damit Modellfall einer umweltfreundlichen Energieversorgung für die Welt werden.

DIE ANDERE: Was muss Ihrer Auffassung nach an der bisherigen Energiepolitik schnellstens geändert werden?

S. Pflugbeil: Unsere augenblickliche Energieversorgungsstruktur stammt aus der Denkweise der 60er Jahre. In dieser Zeit träumte man vor allem von großen Anlagen. Auf die war man stolz. Die Illusion war verbreitet, die Kernenergie sei so vorteilhaft, dass wir sogar auf Stromzähler verzichten könnten. Heute wissen wir: Die Probleme der großen Kraftwerke sind nicht zu beherrschen. Diese Kraftwerke sind nur zu betreiben, indem wir Schulden bei unseren Enkeln aufnehmen, Risiken und Umweltschäden tolerieren, die wir nicht tolerieren dürfen.

DIE ANDERE: Das gilt generell.

S. Pflugbeil: Weltweit ist die Entwicklung der Kernenergie am Ende. Die Erwartungen an das, was sie leisten kann, sind drastisch heruntergegangen. Das wird deutlich an der Existenzschwierigkeiten der westlichen KKW-Bauer. Sie bekommen keine Aufträge mehr. Bei uns steht das Problem andersherum: Wir bauen zu schlechte Kernkraftwerke. Aus der fehlenden Leistungsfähigkeit der KKW-Bauer im Osten und den freien Kapazitäten im Westen darf natürlich keine Renaissance der Kernenergie folgen!

Andererseits bin ich überzeugt, dass die Energiegewinnung aus Braunkohle drastisch runter gefahren werden muss. Der These, dass wir deshalb eben doch Kernkraftwerke bauen müssten, widerspreche ich scharf. Ich halte diese These für falsch, weil es eine Vielzahl anderer Möglichkeiten gibt, Braunkohle zu ersetzen. Kernenergie wäre die gefährlichste, langsamste und teuerste Variante.

Ich bin der Überzeugung, die Umstrukturierung unserer Wirtschaft muss auch zu einer Verringerung des Energiebedarfs führen, wenn diese Wirtschaft auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben will. Energieeinsparung darf nicht nur eine Kampagne sein, sondern muss hartes wirtschaftliches Programm werden. Altbausanierung ohne ernstzunehmende Wärmedämmung muss beispielsweise künftig ausgeschlossen sein.

Ich orientiere auf den forcierten Einsatz von Erdgas und bin mir darin mit den Experten unseres Landes einig.

DIE ANDERE: Für wie groß halten Sie unsere Chance, regenerative Energiequellen, also Bio-, Solar-, Windenergie u. a., zu nutzen?

S. Pflugbeil: Mittel- und langfristig können und müssen sie einen wesentlichen Beitrag zur Energiewirtschaft unseres Landes leisten, wenn wir von der Verbrennung fossiler Energieträger weg wollen und von der Kernenergie wegmüssen. In der augenblicklichen Notsituation müssen wir an den Schwerpunkten ansetzen, die ich schon genannt habe. Ich halte es ebenso für erforderlich, den Übergang zur Nutzung regenerativer Energiequellen vorzubereiten.

DIE ANDERE: Zurück zum bevorstehenden Kongress. Welche Schwerpunkte setzen Sie?

S. Pflugbeil: Zum einen werden wir versuchen, abzuschätzen, welche Konsequenzen es für die Entwicklung eines Landes hat, wenn man eine gezielte Umstrukturierung der Industrie vornimmt und Energieeinsparung als Programm fährt. Zu dieser wichtigen Frage, die die Versorgung mit Elektroenergie betrifft, spricht auf dem Kongress zum Beispiel der international anerkannte Professor Johannson aus Schweden.

Der zweite Schwerpunkt ist die Frage der Kernenergie. Zu beiden Themen werden Experten aus der DDR und dem Ausland diskutieren, die zum Teil kontroverse Auffassungen vertreten. Wir erwarten Professor Flach, den Direktor des Kernforschungsinstituts Rossendorf; Dr. Lehmann (KKW Lubmin) und Professor Klaus Traube, den früheren Geschäftsführer von interatom und Chefkonstrukteur des Schnellen Brüters in der BRD und jetzigen Kernkraftgegner.

DIE ANDERE: Für den 24. planen Sie eine Podiumsdiskussion zu ethischen Fragen.

S. Pflugbeil: Ja, denn ich kann das Energiethema nicht nur als technische Frage betrachten. Das ethische und das soziale Moment sind wesentlich. An der Podiumsdiskussion werden sich u.a. der Theologe Professor Altner aus Heidelberg und Professor Hegewald beteiligen.

DIE ANDERE: Wenn man über einen Energiekongress redet, kommt man an der Frage nach dem Kernkraftwerk Lubmin nicht vorbei. Wie ist Ihr Urteil?

S. Pflugbeil: Niemand ist in der Lage, noch für die Sicherheit der vier alten Blöcke im KKW Nord geradezustehen: Für mich bedeutet allein diese Tatsache, dass wir nach unserem Atomgesetz die Anlagen abschalten müssten. Sicherheit geht vor wirtschaftlicher Überlegung, heißt es sinngemäß im Gesetz. Die Tatsache, dass jetzt drei Kommissionen gleichzeitig dieses Kernkraftwerk untersuchen, deutet darauf hin, dass die allgemeine Unruhe reale Hintergründe hat. Im April werden voraussichtlich Analyse-Ergebnisse vorliegen.

(Das Gespräch führte
Claudia von Zglinicki)

aus: Die Andere, Nr. 5, 22.02.1990, Zeitung für basisdemokratische Initiativen im Auftrag des Landessprecherrates des Neuen Forum, herausgegeben von Klaus Wolfram

Δ nach oben