DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Teilnehmer der Montag-Demonstration in Schwerin:

Distanzieren uns vorn solchen Leuten

Bei der am 27. 11. 1989 stattgefundenen Demonstration in Schwerin mussten wir Tendenzen feststellen, welche dem gegenwärtigen Erneuerungsprozess eher Schaden als Nutzen bringen. Wir hatten den Eindruck, dass sich mittlerweile Einzelpersonen bzw. Gruppierungen unter die Demonstranten mischen, welche in provozierender Art und Weise den friedlichen Verlauf und Abschluss der Demonstration gefährden.

Wir meinen, dass das "Neue Forum", die SDP und andere neue Vereinigungen sich bisher eindeutig für die Umgestaltung des SOZIALISMUS und für die Zweistaatlichkeit der beiden deutschen Staaten ausgesprochen haben. Wir haben deshalb kein Verständnis, wenn Demonstranten mit der bundesdeutschen Flagge aufmarschieren.

Nach den Ansprachen der verschiedenen Redner, welche viel konstruktive Forderungen und teilweise auch Lösungsvorschläge enthielten, rief das "Neue Forum" dazu auf, friedlich über die neue Marschroute zum Demmlerplatz zu marschieren und sich auf keinen Fall provozieren zu lassen. Es erfolgte auch keine Provokation von außen. Die Provokationen kamen von innen, nämlich von einzelnen Demo-Teilnehmern selbst. Angefangen vom Singen des Deutschlandliedes, welches wir mit der "Internationale" übertönten, bis zum öffentlichen Urinieren vor dem "Bezirksamt für nationale Sicherheit".

Hier hätten Ordner des "Neuen Forums", die leider fehlten, eingreifen müssen. Es wäre zu überlegen, ob es nicht auch in Schwerin sinnvoll wäre, solche Ordner, die sichtlich erkennbar gemacht werden, einzusetzen. Wir jedenfalls distanzieren uns von solchen Leuten, die unter dem Schutz der Masse, also auch durch uns, die Gelegenheit nutzen, anonym ihr persönliches Mütchen zu kühlen.

Dass die Tätigkeit des ehemaligen "Ministeriums für Staatssicherheit" wie schon bekannt, mehrfach "weit unter die Gürtellinie" ging, ist mittlerweile weithin bekannt. Vor allem der "Schutz nach innen". Unsere Aufgabe Ist es, diese Unzulänglichkeiten und teilweise auch gesetzeswidrigen Handlungen öffentlich aufzudecken und Offenbarung zu verlangen. Aber alles auf niveauvolle Weise. Gerade das sollte doch unsere Stärke sein. Mit der Duldung von Provokationen machen sich die Organisatoren und wir Teilnehmer unglaubwürdig und qualifizieren uns ab.

Als Teilnehmer der Demonstration entschuldigen wir uns öffentlich für das unqualifizierte Verhalten einzelner "Demonstranten" und sprechen uns für einen konstruktiven politischen Meinungsstreit und wenn man so will auch Klassenkampf aus.

C. D., A. D., M. H., K. R., W. K., H. G.,
Teilnehmer der Demonstration und Mitarbeiter im VB Fischhandel.
Außenstelle Schwerin

aus: Schweriner Volkszeitung, Nr. 281, 29.11.1989, 44. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Schwerin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Herausgeber: SED, Bezirksleitung Schwerin


Unflätige Erscheinungen am Demmlerplatz

Die in der Dienstag-Ausgabe der "SVZ" In einem knappen Artikel beschriebenen unflätigen Erscheinungen haben Empörung und Missfallen bei mir erzeugt. Der Demmlerplatz - von jeher ein Ort der Ruhe und symbolischen Bedachtsamkeit - wurde über Nacht durch Kerzenschein, Sprechchöre und lautstarke Beifallsbekundungen in Unruhe versetzt. Ich frage mich als unfreiwilliger Zeuge dieser "Willensbekundung", ist dies die neue politische Kultur des Dialogs, des Aufbruchs zur Demokratie des Volkes?

Ist es wirklich das Volk, welches Beifall klatscht, wenn alkoholisierte junge Menschen ein kulturhistorisches Gebäude vor den Augen von Kindern, Mädchen und Frauen anpinkeln? Wenn ich richtig gehört habe, sogar riefen: Nazis raus! Und mit Fäusten gegen geschichtsträchtige Türen schlugen. Was klagen sie ein mit solchen verabscheuungswürdigen Handlungen?

Sind das ebensolche grölenden Randalierer wie aus längst vergangenen Zeiten, die wir schon vergessen glaubten? Ich wende mich voller Abscheu gegen solche Ausschreitungen eines angeblich kulturvollen Dialogs und frage mich, was entwickelt sich hier im Schutze der Veranstalter, die mit ihren Ordnungskräften passiv blieben.

Ich bin mir dessen bewusst, dass die friedlichen Anwohner nicht um ihre Ruhe und Geborgenheit bangen wollen Hier wird auch die Wärme des Kerzenscheins missbraucht für das Anräuchern dieses schönen und kulturvollen Gebäudes, für dessen Erhaltung und Pflege viel getan wurde. Georg Adolph Demmler, der geschätzte Baumeister und Architekt unserer Stadt, hat solche Schmähungen nicht verdient.

Wie die Demonstranten mit ihren Sprechchören und Losungen habe ich das gleiche Recht zu fordern, dass die Veranstalter der Demonstration endlich politische Verantwortlichkeit bekennen und pervertierte Randalierer zur Rechenschaft ziehen.

Obering. W. M.,
Schwerin, (...)

aus: Schweriner Volkszeitung, Nr. 283, 01.12.1989, 44. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Herausgeber: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Bezirksleitung Schwerin


"Distanzieren mit von solchen Leuten"

Kann Wut und Zorn verstehen

Mit großem Erstaunen habe ich den Beitrag von Kollegen des VE Fischhandel zur Demonstration am Montag gelesen (SVZ vom 29. 11. 1989). Auch ich war bei dieser Demo anwesend und kann den Äußerungen dieser Kollegen nicht zustimmen. Ich weiß nicht, welche Provokationen gemeint sind, denn nicht das "Deutschlandlied" wurde gesungen, sondern die erste Strophe unserer Nationalhymne, die die Kollegen doch eigentlich kennen müssten. Es waren auch nicht Demonstranten mit bundesdeutscher Flagge, sondern ein Demonstrant. Über das Urinieren an dem Gebäude der Staatssicherheit kann man geteilter Meinung sein, auch ich finde es nicht sehr niveauvoll, kann aber die Wut und den Zorn der Menschen gut verstehen, die Jahrelang Angst vor "dieser" Staatssicherheit hatten und ihre Empörung nun endlich zum Ausdruck bringen können.

B. L.
Schwerin, (...)

Ähnliche Meinungen zu Veröffentlichungen über diese Schweriner Montagsdemonstration in der SVZ (siehe auch "Unflätige Erscheinungen am Demmlerplatz"/1. 12. 1989) erhielten wir von S. G., Schwerin, (...); N. R., Klein Rogahn, (...); G. B., Wittenburg, (...); R. A., Schwerin, (...); K. H. O., Venzkow, (...); M. A., Steegen. Übereinstimmung mit den Veröffentlichungen äußerten M. S., Schwerin, (...), und H. L., Schwerin, (...).

aus: Schweriner Volkszeitung, Nr. 287, 06.12.1989, 44. Jahrgang, Zeitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Herausgeber: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Bezirksleitung Schwerin

Δ nach oben