Wir bieten uns an und warten auf Antwort

SVZ-Gespräch mit Dr. T(...)   K(...), Mitglied des Neuen Forum

Wir waren beide Teilnehmer beim Forum in der Kongresshalle zum Thema "Erneuerung - was ist zu tun?" Sie saßen im Podium, und ich war gemeinsam mit anderen Kollegen als Journalist in der Halle. Mir hat die sachliche Art gefallen, wie Sie in der Debatte das Wort nahmen. Und welchen Eindruck haben Sie von unserem Bericht?

Dr. K(...): Der Bericht hat mir im Großen und Ganzen gut gefallen, war sachlich zusammengestellt und beinhaltete im Wesentlichen die Ergebnisse des Vormittags, die wir hatten. Diese Ergebnisse hatten mich insofern beeindruckt, als dass ich auch mehr Besucher erwartet habe, die ja nun aufgrund der neuen, von mir auch begrüßenswerten Reiseregelungen, nicht da waren. Ich hatte auch so etwas wie Angst, dass nun der Dampf `raus sein könnte. Habe dann aber gemerkt, dass die Problematik von den Leuten angenommen und auch weitergeführt wurde. Natürlich ist es ein Problem, dass die Emotionen noch so hoch kommen und die ganzen sachlichen Fragen manchmal in den Hintergrund zu drängen scheinen.

Es zeigt sich, dass wir alle noch lernen müssen, so miteinander zu sprechen, dass es bei aller Unterschiedlichkeit der Meinungen und trotz verständlicher Emotionen zu einem gemeinsamen Nachdenken kommt, was jetzt getan werden muss. Sie hatten das in der Kongresshalle am Sonnabend auch mehrfach angemahnt.

Dr. K(...): Ja, wenn Emotionen hochschlagen, kommt es dazu, dass rein persönliche Abrechnung in den Vordergrund gestellt wird. Das ist gefährlich, führt zu einer Blockierung. Sachliche Arbeit ist notwendig, um Konzepte zu erarbeiten, Vorschläge einzubringen auf der Grundlage von Erfahrungen.

Wenn Vertreter des Neuen Forums ihre Standpunkte darlegen - wir hatten auch schon wiederholt persönliche Gespräche in der Redaktion verbunden mit dem Angebot für Mitarbeit, z.B. beim Umweltschutz -, dann entsteht der Eindruck, dass es recht unterschiedliche Ansichten innerhalb des Neuen Forums gibt. Auch fällt auf, dass der Katalog von Problemen so ziemlich alles erfasst, was man erfassen kann. Wäre es Ihnen möglich, auf einen Nenner zu bringen, worum es dem Neuen Forum vor allem geht?

Dr. K(...): Es ist völlig normal, dass es unterschiedliche Ansichten innerhalb des Neuen Forums gibt. Das Neue Forum versteht sich als demokratische Sammlungsbewegung, die euch Einfluss nimmt auf die Meinungsbildung und auf die Arbeit vorhandener Parteien. Aber auch die Orientierung jedes einzelnen Menschen auf seine Mündigkeit sehen wir als eine unserer Aufgaben. Wir müssen nach vielen Jahren des Schweigens oder der Zweizüngigkeit endlich wieder lernen, unsere eigene Meinung klar und deutlich zu artikulieren, vor allen Dingen auch mit Engagement dahinter zustehen. Was dann auch vor allem die sachliche Arbeit beinhaltet. Und wir sehen als dritte Form unseres Wirkens, basisdemokratisch - wir das ausdrücken - Meinungsvielfalt im Lande zu fördern, um eine kritische Öffentlichkeit zu erzielen und darüber zu wachen. Was beinhaltet, dass die Meinung auf der Straße weiterhin öffentlich und vor allem friedlich kundgetan werden -muss, solange die wichtigen Dinge nicht vollständig gelöst sind.

Die Problemfelder, für die wir uns interessieren, betreffen alle Lebensbereiche. Auf den meisten Gebieten waren es oftmals Dinge, die an die existentiellen Gründe unseres Hierseins im Lande gerüttelt haben, weil die Bevormundung der Bevölkerung die Gesellschaft gehemmt hat - seien es inkompetente Entscheidungen in Sachgremien, die die Arbeit von Wirtschaftsleuten, aber auch von uns Medizinern erschwerten oder sei es die bürokratische Planwirtschaft.

Natürlich gibt es Tendenzen, die aus dem Neuen Forum gleich wieder eine Partei machen wollen. Eine Partei insofern ist problematisch, da die Partei durch ihr Programm, durch ihr Statut natürlich sofort wieder Zwänge von außen auferlegt, und eine Partei konkrete Sachinhalte verlangt, hinter die sich stellt oder nicht. Meine Erfahrungen der letzten Zeit sind aber, dass die meisten die offenen Gesprächsform auch weiter wünschen, d.h., dass wir uns offen halten für jeden Denkansatz und dann daraus ein Konzept entwickeln.

Gibt es in den Zielstellungen des Neuen Forums auch regionale Bezüge bzw. Besonderheiten?

Dr. K(...): Wir wollen ja nicht nur kontrollieren und meckern, sondern auch Verantwortung übernehmen. Hier ist auch das direkte Wirken eines jeden möglich, der sich in seinem Wohngebiet, in seiner Stadt, in seinem Bezirk auskennt. Er soll in den entsprechen Gremien sachlich mitarbeiten. Wir bitten uns an, warten aber auch auf die Angebote der entsprechenden Fachgremien, in der Stadtverordnetenversammlung, im Bezirkstag. Es gibt verschiedene Arbeitsgruppen innerhalb des Neuen Forums in Schwerin - zur Kultur, zu Staat und Recht, zu Wirtschaftsfragen, Ökologie, Gesundheitswesen, Sozialfragen und Volksbildung, die offen sind für alle anderen Themen auch z. B. alternative Überlegungen für Sozialismusmodelle. Leider fehlen uns noch Räume.

Es gibt ja bereits eine Reihe anderer Gruppen, z. B. im Kulturbund. Ist da eine Zusammenarbeit vorgesehen?

Dr. K(...): Wir haben diese Angebote erst mal mit Interesse verfolgt. Wir haben natürlich auch - ein Misstrauen gegen alte Strukturen und Formen.

Das Misstrauen steckt noch tief in den Leuten drin. Ich denke, es ist notwendig, dass wir diese alternative Bewegung erst mal so anbieten müssen. Es ergeben sich wahrscheinlich immer wider lokale Kontakte in kleineren Städten vor allem. In Schwerin ist es so, dass wir eigentlich noch nicht die Vertrauensbasis auf beiden Seiten haben. Daran müssen wir alle arbeiten.

Der Dialog ist ja nur eine Form der Willensbekundung, andere sind Demonstrationen und Kundgebungen. Auch Montagabend gibt es wieder eine, zu der das Neue Forum eingeladen hatte - übrigens auch durch eine Notiz in der SVZ. Was uns dabei auffällt, ist erstmals ein Widerspruch zum Dialog. Wenn zum Beispiel auf Plakaten gefordert wird "SED weg!" - mit wem will man dann Dialog machen? Oder wenn der Redner der SED am Reden gehindert wird - wo bleibt dann die Achtung vor dem Gesprächspartner?

Dr. K(...): Ich habe sogar schon ein Plakat "Verbot der SED" gesehen. Das geht nicht. Wenn wir Demokratie wollen, ist das ein Widerspruch, wenn wir jetzt auf der einen Seite fordern, dass uns die Freiheiten gelassen werden, aber auf der anderen Seite einen Partner, der uns nicht genehm ist, ausgrenzen wollen. Wenn wir die Gespräche wirklich haben wollen, um bei dem Wort Erneuerung zu bleiben, denn müssen wir diese vorhandenen Strukturen akzeptieren, aber auch auf Offenheit dringen, die es uns möglich macht, in ein ehrliches Gespräch zu kommen. Bedeutsam ist für mich in Bezug auf die SED, dass sie ihren alleinigen Führungsanspruch aufgeben muss. Aber das muss sachlich und historisch aufgearbeitet werden - wie ist dieser Führungsanspruch entstanden und wie ist diese Rolle noch reformierbar?

Offenheit und Vertrauen wird mitunter noch durch Misstrauen verdrängt. Sicher auf beiden Seiten. Eine Frage, die uns von Lesern gestellt wurde lautet: Meint es das Neue Forum ehrlich, wenn von einer grundlegenden Erneuerung unserer Gesellschaft auf sozialistischer Basis gesprochen wird?

Dr. K(...): Wir wollen keine anderen gesellschaftlichen Verhältnisse, keine, die in Richtung Kapitalismus gehen. Wir müssen das Gute, das dem Sozialismus innewohnt, weiter ausbauen. Auch sollten wir sozialistische Demokratien wie Schweden, Niederlande oder Italien, auf mögliche Denkansätze prüfen. Aber ein Zurück in ein kapitalistisches Gesellschaftsgefüge für uns nicht denkbar. Das haben die Reisen am letzten Wochenende, glaube ich deutlich gezeigt. Die Bevölkerung der DDR will ihr eigenes Gesellschaftsmodell vertreten und sich nichts von anderen aufzwingen lassen. Und ich denke, wir sind selbstbewusst genug, unseren eigenen Weg zu finden und aus eigener Kraft zu schöpfen. Deshalb stehen wir auf dem Boden eines sozialistischen Gesellschaftsmodells, das wir mit bedenken wollen.

(Mit Dr. T(...) K(...), sprach
Christine Ullrich.)

aus: Schweriner Volkszeitung, Nr. 270, 16.11.1989, 44. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Schwerin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

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