DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Für und wider Vereinigung

Gedanken zu einer Montagsdemo

Montagsdemonstration.

Das Thema war: Umwelt.

Aber die meisten demonstrierten für oder gegen Wiedervereinigung.

Es ist paradox: im gleichen Demonstrationszug lese ich "Deutschland einig Vaterland", ein paar Meter weiter "Wider Vereinigung". Viele schwarz-rot-goldene Fahnen, ein paar grün-weiße, ein ganz Tapferer mit einer echten DDR-Fahne.

Nur noch wenige Kerzen, obwohl doch Advent ist. Soweit ich sah, alles friedlich vermischt, das gibt es wohl auch nur bei uns. Wie lange noch?

Ich möchte gern Argumente für und gegen die Wiedervereinigung hören. So mache ich mir Mut, jemanden aus dem Demonstrationszug anzusprechen. Ich suche lange, wer wird mich ernst nehmen mit meiner Frage, nicht gleich einen Gegner in mir wittern?

Ich frage einen jungen Mann, Mitte Zwanzig, mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne.

Ob er sich mit der Wiedervereinigung auch z.B. einen Bundeskanzler Kohl wünscht?

Seine Antworten sind kurz. Klar!, sagt er.

Ob er Angst vor einer Rechtsentwicklung hat, dass vielleicht die Republikaner kommen?

Die sind doch gut!, meint er.

Aber wie steht er dann zum Faschismus?

Das war doch richtig!

Ich bin verblüfft. Wieso?

Er fragt, ob ich mich hier noch zu Hause fühle, überall Ausländer, an jeder Ecke Nigger.

Wir fällt nichts mehr ein.

Das kann es wohl nicht gewesen sein, denke ich, und suche wieder.

Diesmal frage ich einen Mann, etwa Mitte Vierzig. Ich entschuldige mich vorsichtshalber, aber er sieht freundlich aus. Bundeskanzler Kohl?

Ja, selbstverständlich!

Die West-CDU mitsamt allen bundesdeutschen Verhältnissen, also Angliederung?

So schnell wie möglich!

Warum?

Er ist verärgert.

Es muss ein für allemal Schluss sein mit Experimenten. Der Westen hat bewiesen, dass sein System existenzfähig ist, er will das nun hier endlich noch erleben.

Ob ich ihm ein Land nennen könnte, wo Sozialismus funktioniert?

Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Ich kann kein Land nennen und wage gar nicht erst, von möglichen neuen Modellen zu sprechen.

Ohne westliches Geld sei bei uns nichts mehr zu retten, und wer das wolle, müsse auch das System wollen.

Ich suche krampfhaft nach Argumenten gegen das westliche Gesellschaftssystem.

Ob er keine Angst vor sozialen Härten, vor Arbeitslosen hat?

Quatsch, sagt er, wer im Westen wirklich arbeiten wolle, könne das auch, viele sind doch nur zu faul.

Ob er nicht fürchtet, dass Menschlichkeit verlorengeht, wenn nur noch das Geld bestimmt?

Ja, die Wärme bei uns, die Menschlichkeit sei doch aber nur aus der Not heraus geboren.

Hat er nicht Angst, dass wir uns eines Tages in der NATO wiederfinden?

Er stutzt.

Nein, so schnell ginge es nun doch nicht. Natürlich müsse man erst entmilitarisieren.

Meine Argumente werden dünner und dünner. Ja, die Betriebe sind ruiniert, die Umwelt zerstört, die Städte verfallen. Was kann ich gegen den übermächtigen Wunsch setzen, die Probleme durch einfache Angliederung zu lösen?

Ich glaube zu wissen, dass die Menschen im Westen auch mit D-Mark nicht glücklicher sind. Auch dieses System steckt in einer Krise. Ich denke, es gibt ein paar Ansätze, sie für uns zu vermeiden.

Aber wem und wie soll ich das sagen, ohne mich auslachen zu lassen?

L. S.

aus: Aufbruch, Nr. 5, Blätter des Neuen Forums Dresden, 28.12.1989

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