DDR 1989/90Brandenburger Tor

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DIE NELKEN sind eine der jüngsten Parteien in der DDR Keine Blumenzüchter, sie verstehen sich als Marxisten Mit Sprecher Michael Czollek unterhielt sich Bernd Verter

Sind eure Nelken rot?

Wir denken eher an einen bunten phantasievollen Strauß.

Mit welchen Zielen habt ihr die Partei gegründet?

Um dem Marxismus in der praktischen Politik die Ehre wiederzugeben. Als Denkmethode wurde er in der SED kaum angewendet. Dieser Marxismus war schon eher eine Art Religion: Einzelne Sätze der "Klassiker" wurden aus ihrem Zusammenhang gelöst und zu Dogmen erhoben. Eine gottähnliche Mystifizierung von Begriffen wie Arbeiterklasse und Partei setzte ein. Und marxistische Ansätze gibt es auch im Handeln der gegenwärtigen Regierung nicht. Die jetzige Situation lässt uns zwei Entwicklungswege - den zum Kapitalismus oder Schritte zur Herstellung demokratischer, sozialistischer Verhältnisse. Wir wollen uns für die zweite Variante stark machen. Vielleicht in einer gemeinsamen Plattform der Linken. Dafür, dass die Mehrheit in diesem Land, die Millionen Werktätigen, endlich einmal das Sagen kriegen, nicht nur auf der Straße, sondern in den Räten, Parlamenten, in ihren Betrieben.

Wie stellt ihr euch das vor?

Entscheidungen darüber, welche Zukunft Betriebe haben, wie weit man mit Konzernen zusammengeht, welche Investitionen getätigt werden, Lohn? und Sozialausgaben müssen nach kompetenter Beratung durch die Betriebsleitung von gewählten Räten oder anderen Organen der Arbeiter selbst getroffen werden. Für Erfolg oder Bankrott trägt dann jeder Verantwortung. In der Politik ist die Exekutive konsequent den Volksvertretungen zu unterstellen. Der Regierung muss von allen Volksvertretern auf die Finger geschaut werden. Bis zur Möglichkeit, Entscheidungen etwa des Ministerpräsidenten aufzuheben. Eine solche Demokratie ohne die Diktatur des Kapitals oder einer Partei wäre Sozialismus.

Kann Marktwirtschaft in einer solchen DDR funktionieren?

Warum nicht? Markt und Sozialismus sind keine Gegensätze. Wir sind der Meinung, dass es gerade in der klein- und mittelständischen Industrie viele Eigentumsformen geben muss. Ob nun privat, genossenschaftlich, als GmbH oder Aktiengesellschaft. Notwendig wäre es aber, gesellschaftliches Eigentum in der Groß- und Grundstoffindustrie herzustellen. Das Wahrnehmen von echten Eigentümerrechten in den Werken würde stimulierend wirken. Der Wettbewerb dieser verschied Eigentumsformen schließlich zur eigentlichen Triebkraft eines sozialistischen Gesellschaft werden.

Stichwort Vereinigung mit BRD.

Bevor unser Land nicht auf Beine gekommen ist, der Lebensstandard mit der BRD vergleichbar wird, hätte ein solcher Schritt verhängnisvolle soziale Folgen für jeder uns. Jetzt ist eine souveräne DDR wichtig. Doch wir sind für enge Vertragsbeziehungen. Zusammenarbeit mit der BRD. Keine Frage. Auch die DDR hätte in eine Gemeinschaft übrigens Wichtiges einzubringen - beispielsweise unser, breites Demokratieverständnis.

Ihr seid eine junge Partei - wie wollt ihr für die Jugend eintreten?

Jugendliche dürfen nicht Spielball der Politik sein - sie müssen zu Machern werden. Wir sind für Mitspracherecht auf betrieblicher und kommunaler Ebene, für Schüler-, Lehrlings- und Studentenvertretungen in Bildungseinrichtungen.

Wie viel Mitglieder haben die NELKEN?

Da wir uns nach dem Berliner Gründungskongress am 13. Januar in allen Bezirken gerade organisieren, ist das schwer zu sagen. Es werden bald über 1 000 sein. Und täglich gehen gut 40 Briefe bei uns ein, will man mehr über uns wissen. Ab 16 kann jeder bei uns Mitglied werden.

Wie wollt Ihr den Wahlkampf führen?

Vordergründigen Stimmenfang werden wir nicht betreiben. Wir wollen mit Inhalten überzeugen. Wir sagen und tun das, was wir denken ohne Taktieren. Unser Problem: wir werden derzeit vom Staat diskriminiert. Da wir nicht am Runden Tisch sitzen, obwohl wir es mehrfach beantragten - selbst Modrow hab ich unsere Grundsatzpapiere schon in die Hand gedrückt -, kriegen wir keinen Pfennig Parteienvorfinanzierung. So bestreiten wir unseren Wahlkampf bis jetzt aus eigener Tasche. Mit Schreib- und Kopiertechnik sieht's mau aus. Trotzdem werden wir uns nicht vor manchen Anrufern ducken, die mich mit Mord, meine Frau mit Vergewaltigung und meinen Sohn mit Entführung bedrohen.

Euer Ziel für die Volkskammerwahl?

Wir stellen uns trotz allem zur Wahl, weil wir keine Möglichkeit auslassen wollen, demokratische linke Gedanken in die Entwicklung einzubringen.

Büro des Hauptvorstandes Berlin 1020. Rungestr. 3-6. Tel.: (...)

aus: Junge Welt, Nr. 35 B, 10./11.02.1990, 44. Jahrgang, Linke Sozialistische Jugendzeitung

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