DDR 1989/90Brandenburger Tor

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19.12.1989

Rede zur Anti-Vereinigungsdemo am 19.12.1989 auf dem Platz der Akademie
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Liebe Frauen und Männer!

Unserer Verantwortung gegenüber Zukunft und Vergangenheit bewusst, sind wir in einem Augenblick zusammengekommen, in dem das Schicksal der Deutschen Nation in ihrer Zweistaatlichkeit wieder ohne uns, wieder hinter verschlossenen Türen verhandelt und entschieden wird.

Dabei geht es nicht um die deutsche Nation, es geht um Europa, ja die ganze Welt in einem mit unserem täglichen Brot.

Kohl ist in der DDR. Aber was verbirgt sich hinter den Reden von Vertragsgemeinschaft, Solidarität, Hilfe.

Er kommt als fetter Bruder zum dürren Bruder.

Genährt hat er sich zum Beispiel an den massenhaft übergesiedelten Fachkräften aus der DDR und den kaum erbrachten Reparationsleistungen.

Deshalb ist er Schuldner von uns.

Er verheisst uns Teilhabe am sogenannten Reichtum der Industriegesellschaft, zu den Bedingungen, die der Satte dem Hungrigen stellen kann.

Wir befürchten die Verarmung Kinderreicher, Alleinerziehender, Alter, Behinderter.

Besonders Frauen, die ohnehin durchschnittlich schlechter bezahlt sind als Männer, werden Betroffene des Sozialabbaus sein. Die Einverleibung der DDR hätte für die Mehrzahl der Frauen verheerende Folgen.

Grundlegende Rechte der Frauen wie das auf Arbeit und das auf Schwangerschaftsunterbrechung wären erneut in Frage gestellt.

Sie würden eingetauscht gegen den Platz am Herd, ökonomische Abhängigkeit, Prostitution und PornograVieh.

Wenn diese Regierungsmänner nicht gemeinsam mit uns dafür sorgen, dass sich unsere Lebensbedingungen nicht verschlechtern, werden wir die Jahrtausende alte Vision der Männer wahr machen:

wir werden uns verweigern. Wir werden sie entlarven als die Schuldigen für diese Zustände.

Und: wir werden dies gemeinsam tun mit den Männern, denen genau wie uns bewusst ist, dass jeder MENSCH zum Opfer der Ellenbogengesellschaft wird.

Die "nützlichen" und "vernünftigen" Werte patriachaler Gesellschaftsordnungen gehören nicht zu unserer Utopie.

Wir wollen eine Gesellschaft, die keinen ausgrenzt, die jeder/m gleiche Lebenschancen und die Möglichkeit zur Entfaltung all seine r/ihrer Fähigkeiten.

Wir wollen Frauen und Männer lieben, nicht wegen ihres Geldes, Geschlechtes oder Prestiges. Sondern wegen ihrer Individualität.

Die politische Frauenbewegung in der DDR ist noch sehr jung.

Sie fordert ihren eigenen, DDR-spezifischen Weg, emanzipiert von einer Gesellschaft nach männlichem Muster, emanzipiert aber auch von feministischen Vorstellungen bürgerlicher Demokratien.

Wir haben die Hoffnung auf Selbstvertretung und Mitsprache.

Deshalb erheben wir unsere inzwischen starke Stimme und:

protestieren gegen die geplante Aufhebung des Zwangsumtauschs bevor nicht sachbezogene Subventionen nach den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit auf Personen umverteilt wurden, bevor nicht Konzepte erarbeitet, offengelegt und landesweit diskutiert worden sind, die die Souveränität der DDR gewährleisten und die Erschaffung einer sozial gerechten, ökologischen und emanzipatorischen Gesellschaft möglich machen.

Katrin Rohnstock
lila offensive

(aus: gesammelte Flugschriften DDR `90, Heft 2, Januar 1990, Redaktion und inhaltliche Gestaltung: Aktive aus Ostberlin, Technische Gestaltung, Produktion und Vertrieb: ASTA TU Berlin)

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